1. Antike alternative Geschichte
  2. Alternative Geschichte im Mittelalter
  3. Alternative Geschichte in der Neuzeit
  4. Bedeutung der alternativen Geschichtsschreibung
  5. Alternative Geschichte in Deutschland
  6. Alternative Geschichte aktuell

    Quellen und Literatur

Die alternative Geschichte selbst besitzt neben der gewachsenen Entwicklung als literarisches Genre auch eine breite Geschichte darüber hinaus. Denn auch in der Vergangenheit spekulierten die Menschen aus unterschiedlichsten Gründen über andere Verläufe ihrer Geschichte. Dies möchte in folgendem Beitrag zeigen, indem erneut bekannte Persönlichkeiten zu finden sind.

1. Antike alternative Geschichte

Die älteste alternative Geschichte befindet sich in den Historien des „Vaters der Geschichtsschreibung“ Herodot. Er stellte 430 vor Christus die Frage, was passiert wäre, wenn sich Athen in den Kriegen gegen die Perser nicht dem griechischen Bündnis angeschlossen hätte. Davon leitete er die wichtige Rolle Athens während und nach dem Sieg der Griechen ab.

Statue von Herodot vor dem Wiener Parlament
Gilt nicht nur als Begründer der Geschichtsschreibung, sondern auch als Vater der alternativen Geschichten: Herodot.
(Renata Sedmakova/Shutterstock)

Herodot entschuldigt sich aber für seine Spekulation. Ihm schien bewusst, dass dieses Szenario und seine Schlussfolgerung politisch aufgeladen waren. Denn Athens Vormachtstellung war zu dieser Zeit umstritten.

Zudem richtete sich seine kontrafaktische Erzählung indirekt sogar gegen die Götter. Er betonte nämlich, dass die Athener gegen den Orakelspruch von Delphi gehandelt hatten, der die Teilnahme am Krieg untersagt hatte.

Zuletzt kritisierte ihn der Historiker Thukydides dafür, sich von den realen Fakten zu entfernen. Somit entstand meines Erachtens mit der ersten alternativen Geschichte bereits die Debatte um deren Wissenschaftlichkeit.

Generell war dieser spekulative Ansatz in der Antike nichts Ungewöhnliches. Im Rhetorikunterricht für die griechische und römische Elite gab es sogenannte „Suasorien“. In solchen Übungsreden stellten die Schüler die Gedanken bekannter Persönlichkeiten vor wichtigen Entscheidungen dar. Dabei sprachen sie auch die Möglichkeiten an, die die historischen Vorbilder nicht genutzt hatten. Eine Offenheit, die ich mir auch für die heutige Politik wünsche.

In dieser Tradition spekulierte der römische Geschichtsschreiber Livius über einen Angriff von Alexander dem Großen, der als größter Feldherr der Antike galt, auf die römische Republik. Er verglich die Stärke beider Kontrahenten und kam zum Schluss, dass auch Alexander Rom nicht hätte schlagen können.

Diese alternative Geschichte hatte natürlich auch den Zweck, die Größe Roms zu betonen. Damit spiegeln diese Spekulationen meiner Meinung nach die die Alternative History seitdem begleitenden Themen des Wunschdenkens und der eigenen (politischen) Interessen der Autoren wider.

2. Alternative Geschichte im Mittelalter

Auch in der danach folgenden jüdischen und christlichen Überlieferung des Mittelalters finden sich Spekulationen über alternative Entwicklungen.

Auf den ersten Blick standen sie dabei vor einem religiösen Dilemma: Denn wenn Gott allein den Gang der Geschichte bestimmte, war dann nicht jegliche Spekulation über Alternativen eine Kritik an der göttlichen Offenbarung und damit Blasphemie?

Die rabbinischen Auslegungen der Bibel umgingen diesen Konflikt aus meiner Sicht sehr raffiniert. Sie verwendeten alternative Szenarien nach außen nur, um zu beweisen, dass solche Entwicklungen in Katastrophen geendet hätten.

So zeigten diese Alternativen, dass Gott in Wirklichkeit die bestmögliche Welt geschaffen hatte. Ein Beispiel aus dem Alten Testament war zum Beispiel: Hätte Gott darauf verzichtet, den Stammvater des Judentums, Abraham, durch die Opferung seines Sohnes zu prüfen, hätte dieser später bei seinen Aufgaben im göttlichen Plan versagen können.

Der Kirchenvater Augustinus begründete mit dieser Methodik sogar das Erscheinen Christi. Da Gott die gesamte Geschichte überblicke, habe er schlicht den bestmöglichen Zeitpunkt für Geburt und Leiden Christi gewählt. Mithilfe von alternativen Szenarien zeigte Augustinus daher, dass andere Zeitabschnitte nicht so günstig für Entstehung und Ausbreitung des Christentums gewesen waren.

Statue des Kirchenvaters Augustinus
Kirchenvater. Philosoph und Autor von Alternative History: Augustinus von Hippo.
(Anirut Thailand/Shutterstock)

Der Orden der Jesuiten zählte zur Allwissenheit Gottes sogar explizit kontrafaktische Realitäten. So wisse Gott nicht nur, was in der Zukunft geschehen werde, sondern auch, was alles in Zukunft möglich wäre. Zusätzlich kenne er alle kausalen Zusammenhänge für bestimmte Entwicklungen. Nur so könne er Vorsorge für bestimmte Entwicklungen der Heilsgeschichte treffen, ohne die Willensfreiheit der Menschen zu beeinträchtigen.

Der Historiker Johannes Dillinger fasste diese komplexe Theorie wie folgt zusammen: Gott könne die Frage „Was wäre wenn“ immer akkurat beantworten. Eine ähnliche Begründung führte auch der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz für seine berühmte These an, dass die von Gott geschaffene Welt die bestmögliche wäre.

3. Alternative Geschichte in der Neuzeit

Diese religiös geprägten Szenarien verschwanden mit der Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts.

Einerseits wurde alternative Geschichte in der Literatur deutlich populärer als in der Wissenschaft: So schrieb 1732 der Autor Alain René Le Sage ein Szenario, in dem nordamerikanische Indianer Europa entdecken.

Andererseits nahmen die Autoren einen anderen Blickwinkel auf die Religion ein: So spekulierte der englische Historiker Edward Gibbon über die Folgen einer Niederlage Karl Martells in der Schlacht von Tours und Poitiers gegen die Muslime.

Er entwarf darauf aufbauend ein muslimisch geprägtes Europas. Damit wollte er zeigen, dass das bis dahin Europa prägende Christentum keine historische Sonderstellung einnahm. Zusätzlich zeigte er seine intellektuelle Gegnerschaft zum Christentum.

Anschließend entwickelte sich die Alternative Geschichte stark in Richtung des Ziels, zu zeigen, welche Kräfte in der Geschichte wirkten. Damit waren im 19. Jahrhundert vor allem „große Männer“ und deren Entscheidungen gemeint. In The History of Events which have not happend (Geschichte der Ereignisse, die nicht eingetreten sind), listete der Autor 1823 nur solche Szenarien auf: zum Beispiel die Bekehrung von Kaiser Konstantin dem Großen zum Christentum.

Statue von Octavian, besser bekannt als Kaiser Augustus.
Galt ebenfalls als „großer Mann“ mit Einfluss auf die (alternative) Geschichte: Kaiser Augustus.
(Gilmanshin/Shutterstock)

Bis ins 20. Jahrhundert hinein durchbrachen leider nur vereinzelt Veröffentlichungen diese Grundschemata: 1932 fragte zum Beispiel ein Autor, ob nicht ein Karren, der bei der Flucht des französischen Königs Ludwig XVI. im Weg gestanden hatte, den Lauf der Französischen Revolution entscheidend beeinflusst hatte.

Erst 1934 dachte der britische Historiker Arnold Toynbee in eine andere Richtung: Für ihn bestimmten einzelne Zivilisationen mit ihren Eliten an der Spitze die Geschichte. Davon ausgehend spekulierte er über kultur- und religionsspezifische Fragen. Zum Beispiel, ob die Wikinger dauerhaft die Herrschaft über Nordamerika hätten erringen können?

Damit stieß er aus meiner Sicht eine interessante Verbindung zwischen Alternative History sowie der Sozial- und Kulturgeschichte an.

4. Bedeutung der alternativen Geschichtsschreibung

Die Bedeutung der alternativen Geschichte schwankte immer stark, je nach Absicht der Autoren: Am ambitioniertesten war das Ziel, der reellen Geschichte eine neue Bedeutung zu geben.

Als erstes Beispiel gilt die Artikelserie des Philosophen Charles Renouvier (Uchronie: L’utopie dans l’histoire). Er stellte das Überleben eines durch eine tolerante Staatsreligion stabilisierten Römischen Reichs der realen Geschichte gegenüber. Diese war aus seiner Sicht durch das inhumane und freiheitsfeindliche Christentum geprägt. Damit demontierte er das christlich beeinflusste Geschichtsbild komplett.

Vielen Szenarien gab allerdings erst das Wunschdenken Bedeutung: Der spätere britische Premierminister und Literaturnobelpreisträger Winston Churchill spekulierte 1931 in If Lee Had NOT Won the Battle of Gettysburg über eine Union aller englischsprachigen Völker als Ergebnis eines alternativen Amerikanischen Bürgerkrieges.

Porträt von Winston Churchill
Betätigte sich nicht nur als britischer Premierminister und Literaturnobelpreisträger, sondern auch als Autor von alternativen Geschichten: Winston Churchill.
(Chanau/Shutterstock)

In seiner Utopie konnte nach einem solchen Krieg ein in die Vereinigten Staaten und in die Konföderierten gespaltetes Amerika nur durch Vermittlung und Führung Großbritanniens einen Status als Weltmacht erringen. Damit nahm er auch sein Konzept einer „Special Relationship“ zwischen Großbritannien und den USA vorweg, das seine Politik im Zweiten Weltkrieg prägen sollte.

Meiner Meinung nach stellt positive Legendenbildung eine ähnliche Art von Wunschdenken und alternativer Geschichte dar. Nur, dass diese sogar real geworden ist.

Ein bekanntes Beispiel ist die Ikonisierung bestimmter Politiker der Vergangenheit, wie Konrad Adenauer oder Willy Brandt. Indem ihr umstrittenes Verhalten, ihre Fehler und Unzulänglichkeiten ausgeblendet werden, zeichnen die Menschen in der Gegenwart ein komplett anderes Bild von ihnen als noch in der Vergangenheit.

Teilweise gewannen alternative Geschichten noch stärkeren Realitätsgehalt, etwa durch die damnatio memoriae. Mit dieser entfernten die Römer Personen aus ihrer Geschichtsschreibung, ebenso wie im 20. Jahrhundert der sowjetische Diktator Josef Stalin seine Rivalen.

5. Alternative Geschichte in Deutschland

In Deutschland fand das Themenfeld erstmals 1984 mit Alexander Demandts Ungeschehene Geschichte ein vergleichsweise breiteres Publikum. Er verteidigte dabei zwar die Methodik als Mittel der Geschichtswissenschaft, legte an sie aber besonders strenge Maßstäbe an.

Mit dieser strengen Auslegung unterschied er sich von den bis dahin dominierenden französischen und angloamerikanischen Autoren. Pointiert fasste meines Erachtens der britische Historiker Richard J. Evans nicht nur den damaligen Unterschied, sondern auch die teilweise bis heute bestehenden Differenzen zwischen angloamerikanischen und deutschen Historikern bei diesem Thema zusammen:

Das Traktat Demandts [1984] brachte einen Hauch deutscher Ernsthaftigkeit in die Debatte. Doch schon bald brach sich die angloamerikanische Leichtichkeit wieder Bahn […].

Richard J. Evans
Bibliothek mit Buch und Richterhammer im Vordergrund
Deutsche und britische Historiker urteilen unterschiedlich über die Verwendung und den Nutzen von alternativen Geschichten.
(Chinnapong/Shutterstock)

Eine größere Anzahl an Publikationen stellte sich in Deutschland auch erst ab den 1990er Jahren ein. Allerdings blieb bis heute der starke Fokus der Literatur auf Veröffentlichungen aus dem englischsprachigen Teil der Welt.

Nicht verschwiegen werden darf, dass es auch in der deutschen Alternative History Literatur Werke, die durchaus mit einer nationalsozialistisch angehauchten Alternativwelt liebäugeln gab und gibt. Diese sind zwar nicht offen antisemitisch, bedienen aber durch Wortwahl und Erzählung gerne ein Publikum, dass sich am rechten Rand verortet. Von dort aus sind die Grenzen zur Holocaustleugnung und weiteren Verschwörungstheorien kaum mehr vorhanden.

Nur für das Protokoll: Sollten Sie als User gehofft haben, solche Literatur hier zu finden und es bisher immer noch nicht verstanden haben, dann fordere ich sie hiermit auf, von meinem Blog zu verschwinden!

6. Alternative Geschichte aktuell

In den 1990er Jahren kam es weltweit zu einem Durchbruch von alternativen Geschichten, die erstmals eine breitere Öffentlichkeit erreichten.

Diese Entwicklung hatte zwei Gründe: Erstens zeigte sich durch die Umbrüche dieser Jahre, dass angebliche Gesetzmäßigkeiten und ideologische Erklärungsmuster der geschichtlichen Entwicklung schnell Makulatur waren. Zweitens sorgten die entstandenen Unsicherheiten automatisch für eine Fülle von „Was wäre wenn“-Fragen bei vielen Menschen.

Kommunistische rote Fahne mit Hammer und Sichel
Bis 1990 galt es so gut wie unmöglich, dass der Kommunismus zusammenbrechen und damit viele Umbrüche auslösen würde.
(All themes/Shutterstock)

Aktuell ist die Popularität der Alternativweltgeschichten ein Ausdruck des allgemeinen Trends der Postmoderne. Sie reagiert auf die vielfältigen gesellschaftlichen und privaten Brüche mit einer Hinwendung zu fantastischen Welten und stellt sich dabei auch häufiger „Was wäre wenn“-Fragen stellt. Dieser Blog möchte dazu beitragen, solche Fragen zu beantworten.

Quellen und Literatur

  • Alexander Demandt: Es hätte auch anders kommen können. Wendepunkte deutscher Geschichte. Berlin 2015.
  • Johannes Dillinger: Uchronie. Ungeschehene Geschichte von der Antike bis zum Steampunk. Paderborn 2015.
  • Richard J. Evans: Veränderte Vergangenheiten. Über kontrafaktisches Erzählen in der Geschichte. München 2013.
  • Thomas Lindemann: Wenn Nazis siegen und die Schweiz Krieg führt. Alternative Geschichte, auf: welt.de (26.09.2008).
  • Peter Maxwill: Als Hitler den Krieg gewann. Alternativgeschichtsforschung, auf: spiegel.de (09.12.2013).
  • Hans-Peter von Peschke: Was wäre wenn. Alternative Geschichte. Darmstadt 2016.

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann teile ihn gerne mit anderen!