Zum Gedenken nicht nur an einen hervorragenden Schauspieler, sondern auch an eine humanistische Instanz.

Manche Geschichten lassen einen auch nicht los, wenn es Jahre her ist, dass man sie zum ersten Mal auf einem alten Röhrenfernseher gesehen hat.

Foto eines schwarzen Rohenfernsehers.
(Eigenes Bild)

Langsam baute sich im VR-Stream das Bild einer jungen Frau Ende zwanzig auf. Ihr ernster Blick passt zu ihrem dunkelblauen Hosenanzug und Kostüm. Ihre schwarzen Haare sind zurückgekämmt und ihr Gesicht wirkt durch ihre VR-Assistenten makellos, ohne unemotional zu sein.

„Sie tauchten vor fünf Jahren auf. Zuerst hielten wir es für einen Asteroiden, der die Erde nur knapp verfehlte. Doch dann blieb es stehen. Damit begann die Blockade.“

Die Moderatorin des VR-Streams machte eine kurze Kunstpause. Sie wusste, dass das Publikum in den wenigen Sekunden wieder die Bilder vor Augen haben würde. Zuerst körnige, dann immer klarere Bilder von einem kilometerlangen Gesteinsbrocken vor dem Hintergrund von Millionen Sternen.

„Und heute endet der letzte Countdown, seitdem die Blockade existiert. In wenigen Minuten wissen wir, was an dessen Ende steht.“

Erneut legte sie eine kurze Kunstpause ein.

„Bis es dazu kommt, habe ich mir einen echten Experten eingeladen: Prof. Walter Koenig, den führenden Experten im Fach Astrobiologie.“

Sie drehte ihr Gesicht etwas nach rechts, wodurch der Gast erstmals sichtbar wurde. Er war deutlich älter als sie und wirkte im Vergleich zu ihr fast ungepflegt. Seine grau-dunkelblonden Haare waren ungekämmt und sein schwarzes Jackett, das dunkelblaue Hemd mit einer dunklen Krawatte und die ebenfalls dunkelblaue Jeans wirkten nicht so, als trüge er sie heute zum ersten Mal.

„Vielen Dank, Frau Goldberg, es freut mich sehr, hier zu sein…“

Bevor der Experte fortfuhr, nutzte die Moderatorin seine minimale Atempause, um ihm das Wort abzuschneiden, ohne dass es auffiel.

„Prof. Koenig, können Sie für unsere Zuschauenden kurz die Ereignisse von vor fünf Jahren erläutern?“

Wie von ihr erwartet, ließ sich der Experte ohne Widerstand auf ihre Frage ein.

„Nun, wie sie bereits erklärt haben, dachten wir vor fünf Jahren, wir hätten es nur mit einer möglichen Gefahr durch einen Meteoriten zu tun. Erst als das Objekt an einem der Lagrange-Punkte halt machte…“

„Einer der Punkte, an denen die Anziehungskraft von Mond und Erde eine stabile Position im Weltall erlaubt…“

„Ja, genau. Dann wussten wir, dass wir es mit einem künstlichen Objekt zu tun hatten. Die letzten Zweifel waren dann beseitigt, als das Objekt. Nun, wie soll es sagen…“

„…nach einigen Tagen der Beobachtung den Mond beschoss und einen enormen Krater hinterließ.“

„Ja, genau. Es war, als hätte die Besatzung lange genug gewartet, bis wir alle zusehen konnten, bevor sie ihre erste Machtdemonstration durchführte und…“

„Ein enormer Schock für die gesamte Menschheit. Wir erinnern uns alle, wo wir in diesem Moment waren. Wir spielen kurz die damalige Sequenz ein.“

Der Experte blinzelte verwirrt, während im Stream eine grobkörnige Aufnahme einen Blitz von einem Gesteinsbrocken, der keiner war, zeigte. Am Ende fokussierte die Kamera auf die Oberfläche des Mondes, die sich um einen kilometerlangen neuen Krater kräuselte.

„Doch danach taten die Aliens…“ Sie wartete kurz, bis der Experte begriff, dass er wieder an der Reihe war.

„Nichts.“ Er blinzelte erneut, bevor er sich gefangen hatte. „Das Raumschiff blieb am Lagrange-Punkt und tat vermeintlich nichts.“

„Bis drei Monate später die Botschaft eintraf. Auf allen Kanälen und in allen uns bekannten menschlichen Sprachen.“

„Ja, genau. Wir vermuten, dass die Aliens uns bis dahin so weit studiert hatten, dass sie ihre Botschaft klar formulierten konnten…“

„Die Blockade.“

„Die Blockade als mangelhafte Zivilisation. Das war die deutsche Übersetzung. Die Menschheit wurde auf ihrem eigenen Planeten einer Blockade unterworfen. Es ist ihr erlaubt, Sonden ins All zu schicken. Aber keine Menschen über den Erdorbit hinaus.“

„Die Aliens behandelten uns wie eine gefährliche, aber primitive Zivilisation. Und wir konnten uns nichts dagegen tun. Das haben sie uns danach gezeigt.“

„Kurz darauf starteten drei Atomraketen, jeweils aus den USA, Russland und China…“

„Wir spielen kurz die Sequenz ein,“ unterbrach sie ihn wieder, und erneut verschwand sein Bild und wurde durch eine Rakete ersetzt, die aus einem unterirdischen Silo hervorbrach und mit einem Schweif aus Feuer und Rauch in den Himmel zog.

„Wir dachten zuerst, dass irgendwelche Generäle den Verstand verloren hatten. Aber…“ Der Experte schwieg kurz, als könnte er es immer noch nicht fassen.

„Es waren die Aliens,“ half die Moderatorin ihm auf die Sprünge.

„Es waren die Aliens. Sie hatten sich die wichtigsten, gefährlichsten und am besten gesicherten Waffensysteme der mächtigsten Staaten des Planeten gehackt.“ Er schwieg wieder kurz betreten. „Sie beschossen sich selbst mit den Raketen.“ Wieder eine Pause.

„Wir spielen kurz wieder die Sequenz ein.“ Erneut gehorchte ihr VR-Stream und die Zuschauenden sahen wieder den Gesteinsbrocken. Kurz gab es drei enorme Blitze. Dann verdunkelte sich das Bild wieder.

„Sie wollten beweisen, dass selbst unsere tödlichsten Waffen keine Wirkung auf ihre Schiffe hatten.“ Der Experte wirkte nun angefasst.

„Eine enorme Machtdemonstration,“ fuhr die Moderatorin fort. „Deshalb erlaubten sie in ihrer Botschaft auch das Beobachten der Blockadeschiffe.“

Der Experte erwachte wieder zum Leben. „Wir dachten zuerst an einen Übersetzungsfehler. Doch dann erschien das zweite Schiff.“

„Nach einem Jahr, zwei Monaten, drei Wochen und vier Tagen, wie die späteren auch,“ ergänzte die Modertorin.

„Wir vermuten, es hat mit einer anderen Art der Zeiterfassung der Aliens zu tun und…“

Wieder fiel die Moderatorin ihm ins Wort.

„Das Baumschiff zeigte, dass es nicht nur ein einziges Blockadeschiff gab. Daher bezeichnen viele Experten die Aliens inzwischen als ‚die Föderation‘.“

„Ja, genau. Es schwenkte ebenfalls auf dem Lagrange-Punkt ein und ließ sich beobachten…“

„Es bestand, wie sich durch die Beobachtungen herausstellte, tatsächlich aus Holz.“

„Zumindest aus einem Material, das unserem Holz ähnlich ist und das in der Zeit während das Schiff in unserem Sonnensystem war, immer wieder anders wuchs und…“

„Faszinierend. Danach kam das Schiff der Sonnensegler.“

„Ein Schiff, das die Sonnenwinde für Reisen zwischen den Sternen nutzen konnte.“ Der Experte wirkte nun fast ehrfürchtig. „Wir konnten das Ausmaß der Sonnensegel erst durch die Verdunkelung von fast der Hälfte unseres Sternenhimmels erfassen.“

„Seit kurzem haben wir wieder ein neues Blockadesschiff. Können sie zu dessen Natur schon etwas Genaueres sagen?“

Der Experte dachte kurz nach. Die Moderatorin verlor langsam die Geduld. Jede Sekunde Pause kostete sie tausende Zuschauende.

„Bisher leider nein. Es ist anders als alles, was wir bisher gesehen haben.“

„Dennoch gelang vor Wochen der erste Kontakt seit der Blockadebotschaft.“

„Wir vermuten, dass sie uns die ganze Zeit weiterbeobachtet haben. Für sie gab es nichts, was wir vor ihnen hätten verbergen können. So weit ist ihre Technologie fortgeschritten.“ Erneut wirkte der Experte vor Ehrfurcht erstarrt.

„Bisherige Kontaktversuche waren alle gescheitert.“

Nun wirkte der Experte etwas verärgert. „Kein Wunder. Jede Gruppierung auf diesem Planeten nutzte das Chaos seit der Blockade, um zu behaupten, die Föderation würde ihre Agenda unterstützen. Nur wenn diese vollkommen durchgesetzt würde, würde die Blockade enden. Zum Beispiel…“

„Wir kennen die Beispiele, Professor.“ Sie schnitt ihm energisch das Wort ab. Die derzeitige Lage war auch so schon chaotisch genug. Sie konnte keine politischen, religiösen oder sonstigen Debatten gebrauchen. Erst recht nicht von einem alten Mann aus dem vorherigen Jahrhundert, der nicht verstanden hatte, dass es für einen VR‑Stream nicht genügte, nur ein Jacket und eine Krawatte mit einem unidentifizierbaren Symbol anzuziehen.

„Verzeihung. Die Zeit seit der Blockade hat uns alle viel gekostet.“

Immerhin eine gute Kunstpause brachte der alte Mann zu stande.

„Die Föderation sah es wohl genauso und sendete vor wenigen Wochen eine neue Botschaft mit technischen Skizzen.“

Der Experte seufzte wieder. „Es war, als hätten sie lange genug Kinder bei ihren dummen Versuchen beobachtet und sich entschlossen, uns unsere Unzulänglichkeit vorzuführen.“

„Sie sendeten immerhin Skizzen für Technologien, die eine Kontaktaufnahme ermöglichten.“

Der Experte blickte fast beschämt zu Boden. „Aber nur in begrenztem Umfang. Als wäre jeder längere Kontakt mit uns schon zu viel für die Föderation.“

„Vor zwei Wochen gelang es der Menschheit immerhin, sich auf eine Frage zu einigen.“

„Ja, genau. Als ob die Frage nicht offensichtlich gewesen wäre.“ Der Experte lächelte fast traurig.

„Die Frage war: Wie können wir die Blockade aufheben?“ Die Moderatorin war froh, wenn dieses Interview zu Ende war. Kein Wunder, dass diese Generation alter Männer alles vermasselt hatte.

Der Experte schwieg wieder kurz. „Wir brauchten Wochen, um uns auf diese Frage zu einigen. Kein Wunder, dass die Föderation mit einem Countdown von zwei Wochen antwortete.“

„Ein Countdown, der in wenigen Sekunden enden wird.“ Die Moderatorin beglückwünschte sich innerlich, das Gespräch so lange gehalten zu haben, bis die optimale Spannungskurve erreicht war.

Jetzt brauchte sie keine Effekte, Filter oder Gesprächstechniken mehr. Die Spannung war auch so hoch genug, dass ihr VR-Stream weiterlaufen konnte.

Die Moderatorin und der Experte atmeten gleichzeitig scharf ein, als der Countdown auf Null fiel.

Kurz sagte niemand ein Wort.

Dann verkündete ihr VR-Assistent den Eingang von Dateien. Auf allen Kanälen und anscheinend in allen Formaten, die die Menschheit öffnen konnte.

„Es ist ein Bild,“ brach die Moderatorin endlich die Stille.

Langsam baute sich das Bild in ihrem VR-Stream auf. Ihre VR-Assistenten zeigten ihr an, dass sich die Datei deren automatischen Analyse- und Interpretationsversuchen erfolgreich entzog. Die Föderation hatte wohl einen guten Sinn für Dramatik.

Die Moderatorin verstand nicht.

Es war ein Foto, das wie aus dem letzten Jahrhundert wirkte.

Ein mittelalter, glattrasierter Mann, der bis auf einen schmalen weißen Haarkranz glatzköpfig war. Er wirkte dennoch durchtrainiert und in seinem Blick sowie seinem Lächeln lag eine gewisse Ruhe. Er hatte eine ihr unbekannte Uniform. Sie bestand aus einer schwarzen Hose und einem roten Oberteil, das an den Schultern wieder schwarz war. Auf der linken Brust war ein Symbol befestigt.

Das Symbol.

Die Moderatorin blickte zur Krawatte des Experten, dessen Mund noch offenstand.

Es war das Symbol auf der Krawatte. Eine golden und silbern glänzende, asymmetrische Pfeilspitze.

Da begann der Experte zu lachen. Tränen liefen ihm über die Wangen. Er sah sie auf einmal mit leuchtenden Augen an, bevor er antwortete: „Damok und Jalad auf Tanagra“

„Ich würde es begrüßen, wenn wir zuerst unseren eigenen Planeten in Ordnung bringen, bevor wir die Arroganz aufweisen, unsere signifikant mangelhaften Zivilisationen auf andere Planeten zu befördern – selbst wenn diese völlig unbewohnt wären.“

Sir Patrick Stewart
Schwarz-weiße Zeichnung von Patrick Stewart als Captain Jean-Luc Picard
(Bildquelle dem Blogautoren bekannt)

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