1. Alternativwelten in der Literatur
  2. Plausibilität in der Literatur
  3. Erste Literatur ab 1800
  4. Weitere Literatur im 19. Jahrhundert
  5. Entwicklung der Literatur im 20. Jahrhundert
  6. Boom der Literatur ab 1990
  7. Aktuelle Trends in der Literatur

    Quellen und Literatur

Alternative Geschichten sind vor allem bekannt als literarische Kategorie. Die meisten Menschen kennen solche Szenarien entweder aus Romanen oder Filmen. Als Beispiel gilt die zwischen 2015 und 2019 ausgestrahlte Amazon-Serie „The Man in the High Castle“ über ein von den Nationalsozialisten besetztes Amerika. Sie basiert auf dem Buch „Das Orakel vom Berge“, das Philipp K. Dick 1962 veröffentlichte.

1. Alternativwelten in der Literatur

In vielen Romanen oder Filmen der Alternative History geht es wie in anderen literarischen Genres primär um die Unterhaltung. Historisch plausible Szenarien spielen eine geringere Rolle als in der Wissenschaft.

Im Vordergrund stehen Personen, die sich als Helden durch die (alternative) Geschichte bewegen. Die Alternativwelt als Umgebung bleibt oftmals unbekannt oder wird vom Autor bewusst unklar gelassen.

Teilweise offenbaren die Geschichten ihren Diversionspunkt nicht. Stattdessen beschränken sich auf die Beschreibung der alternativen Welt mit deren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Ein Beispiel dafür ist inzwischen George Orwells dystopischer Klassiker 1984. Die Hauptfigur lebt in einer diktatorisch-totalitär geprägten Welt der fiktiven 1980er Jahre ohne das aufgeklärt wird, wie diese entstanden ist. Der Roman konzentriert sich stattdessen auf die Ausgestaltung eines Lebens in der nach nationalsozialistischen und kommunistisch-stalinistischen Grundsätzen organisierten Welt.

2. Plausibilität in der Literatur

Grundvoraussetzung für den Unterhaltungswert solcher Geschichten ist meines Erachtens ein möglichst hoher Grad an Plausibilität der Alternativwelten und ihrer Persönlichkeiten.

Wenn die Leser zum Beispiel auf bekannte Persönlichkeiten der tatsächlichen Geschichte stoßen, müssen diese natürlich „realistisch“ abgebildet werden. Ein abstinent lebender Churchill würde zum Beispiel vielen britischen Lesern als großes Manko eines Szenarios auffallen. War der britische Premier doch in der Realität des Zweiten Weltkrieges bekannt für seinen täglichen Alkoholkonsum.

Wie in der Geschichtsschreibung sagen die Szenarien viel über die Überzeugungen der Autoren und deren Sicht auf die Gegenwart aus. Zum Beispiel dienten Dystopien wie ein Sieg Hitlers im Zweiten Weltkrieg dazu, den Kriegseintritt der USA bis heute zu rechtfertigen. Hinweise zu solchen Hintergründen baue ich daher sowohl bei meinen Geschichten als auch bei den Rezensionen in diesem Blog ein.

Blick aus einem Landungsboot der Operation Overlord auf den Omaha Abschnitt der Normandie
Eine gescheiterte oder nicht stattgefundene Invasion in der Normandie und ein anschließender Sieg der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg dient bis heute auch zur Heldenerzählung des tatsächlichen Eingreifens der USA in den Zweiten Weltkrieg.
(Everett Collection/Shutterstock)

Gleichzeitig können Alternativ History Romane reale Probleme schärfer zeichnen als „normale“ Romane. Nach dem Schriftsteller Christian Lindemann läuft das Genre zu Hochform auf, wenn es provokative oder grundsätzliche Fragen in Alternativwelten behandelt. So befasst sich „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ des Schweizers Christian Kracht mit historischen Gräueltaten und Rassismus. Allerdings spielt der Roman vor dem Hintergrund einer kommunistischen Schweiz, die mit afrikanischen Verbündeten gegen die ganze Welt Krieg führt.

Meines Erachtens ist gerade diese Beschäftigung mit grundsätzlichen Themen immer ein Kriterium guter Literatur. Deshalb sollte das Alternative History Genre hier nicht zurückstecken.

3. Erste Literatur ab 1800

Vor allem in der Literatur zeigen sich auch die unterschiedlichen Themen der alternativen Geschichte: von der klassischen Uchronie bis zum aktuellen Steampunk. Deshalb ist es mir an dieser Stelle wichtig, auch die Entwicklung dieses Genres zu zeigen. Denn es ist eben keine kurzfristige Mode, sondern tatsächlich eine durchaus alte literarische Tradition mit durchaus bekannten Namen.

Die erste Alternative History Literatur entstand um 1800. Damals lieferte die zunehmend erforschte Erde keinen Platz mehr für noch unentdeckte Zivilisationen. Bis dahin hatten solche Orte als Projektionsfläche für Fantasien oder Utopien gegolten. Stattdessen verlegten die Autoren entsprechende Spekulationen nun die Zukunft oder in eine fiktive Vergangenheit.

Die ersten Werke zu alternativen Geschichten erschienen in Frankreich ab 1789. Vor allem die damals beginnende Französische Revolution und das darauf folgende Kaisertum Napoléon Bonapartes bildeten die Grundlage.

Bereits 1791 spekulierte ein französischer Autor über Alternativen zur Revolution unter einem den Idealen der Aufklärung zugeneigten König Ludwig XVI. Auch begannen relativ schnell die ersten alternativen Geschichten über einen möglichen Siegeszug Napoléons jenseits seiner Niederlagen im Russlandfeldzug 1812 und in der Schlacht von Waterloo 1814.

Gemälde der Schlacht von Waterloo
Die Schlacht von Waterloo 1815 war bereits kurz nach ihrem Ausgang ein beliebtes Thema von alternativen Geschichten.
(Morphart Creation/Shutterstock)

4. Weitere Literatur im 19. Jahrhundert

In Deutschland erschien 1844 eine erste Erzählung mit alternativgeschichtlichem Hintergrund durch den Dichter Heinrich Heine: Er spekulierte bei einem Besuch im Teutoburger Wald über die Folgen einer Niederlage des Cheruskerfürsten Arminius gegen die Römer. Er kam aber zum Schluss, dass sich an der Unterdrückung einer deutschen Freiheitsbewegung nichts ändern würde. Statt der deutschen Landesfürsten wäre nur ein römischer Kaiser der Tyrann, gegen den Heine opponieren würde.

Größere Wellen in Großbritannien schlug 1871 die Veröffentlichung von The Battle of Dorking. In diesem Szenario schilderte der Autor, wie das nach dem deutsch-französischen Krieg siegreiche Deutsche Reich auch Großbritannien eroberte. Die Kurzgeschichte löste sogar politische Debatten über eine tatsächlich mögliche Invasion der britischen Inseln aus.

Deutsche Schlachtschiffe in der Nordsee kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs.
Galt sowohl in der Literatur als auch in der Politik von Großbritannien als größte Bedrohung des Landes: Die deutsche Hochseeflotte.
(Everett Historical/Shutterstock)

Bis zum Sieg im Ersten Weltkrieg entstand mit den britischen „Invasionsfantasien“ ein eigenes darauf basierendes literarisches Genre. Dieses lebte nochmals kurz während der Bedrohung durch das Dritte Reich im Zweiten Weltkrieg wieder auf.

5. Entwicklung der Literatur im 20. Jahrhundert

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg erschienen in Deutschland erneut zwei kontrafaktische Texte von bekannten Autoren: Der Publizist Kurt Tucholsky schrieb 1919 einen Text über einen kurzen, weitgehend folgenlosen Krieg. Danach würde 1924 der bisherige Kronprinz das Kaiseramt übernehmen. Sarkastisch merkte Tucholsky an, dass dies ohne gesellschaftlichen Widerspruch geschehe, auch wenn der Kronprinz als unfähig gelte. Davon ausgehend kommentierte er, dass die Revolution 1919 dem Land wenigstens dieses Ereignis erspart hatte.

Noch kritischer setzte sich der Schriftsteller Erich Kästner 1929 in einem Gedicht mit dem Thema auseinander. Er schmähte das Kaiserreich als diktatorischen Militärstaat, der nach seinem Sieg seinen Bürgern jegliche Freiheit genommen hätte.

Einige der bekanntesten Werke der Alternative History erschienen nach dem Zweiten Weltkrieg. 1962 publizierte Philip K. Dick mit dem bereits erwähnten The Man in the High Castle den berühmtesten Roman: Der Autor dreht die reale Geschichte um. Statt Deutschland und Japan sind die USA nach einem verlorenen Zweiten Weltkrieg zwischen den deutsch-japanischen Siegermächten aufgeteilt. Als Folge löst sich die amerikanische Identität langsam zugunsten der Kultur der jeweiligen Besatzungsmächte auf.

Buchcover von "Das Orakel vom Berge"
Das „Orakel vom Berge“ gilt nicht erst seit seiner Verfilmung als einer der bekanntesten Klassiker des Genres.
(Eigenes Bild)

Im deutschsprachigen Raum veröffentlichte der Österreicher Otto Basil 1966 mit Wenn das der Führer wüsste einen Roman mit dem gleichen Hintergrund. Er beschäftigt sich vor allem mit den sozialen und kulturellen Entwicklungen, die eine jahrzehntelange nationalsozialistische Herrschaft in einer ausschließlich davon geprägten Gesellschaft hervorgebracht hätte.

Dass alternative Geschichten nicht nur auf der großen Bühne der Weltgeschichte spielen müssen, zeigte ein anderes Beispiel. Carl Amery verfolgte in den 1970er und 1980er Jahren eine bayerische Linie: Zum Beispiel schlägt bei An den Feuern der Leyermark ein bayerischer Staat die Preußen im Deutschen Krieg 1866 und stößt statt dem Deutschen Reich die Entwicklung zu einer „Centraleuropäischen Eidgenossenschaft“ an.

6. Boom der Literatur ab 1990

Zu einem gewissen Boom der Alternative History Literatur kam es allerdings erst ab den 1990er Jahren: Wie 1800 schrumpften die Räume in der Realität, zum Beispiel durch die zunehmende Digitalisierung und Globalisierung, und ließen weniger Platz für Spekulationen.

Auch die Science-Fiction begann immer mehr ins Dystopische abzudriften. Als Ausweg bot sich die Fantasy an, in dessen Kielwasser quasi Alternative History mitschwamm.

Einer der bekanntesten Romane aus dieser Zeit ist Robert Harris Fatherland (Vaterland). Der Autor wählte 1992 wiederum einen Sieg des Dritten Reiches im Zweiten Weltkrieg als Hintergrund. Dieses Mal spielt das Szenario aber in der deutschen Hauptstadt „Germania“. Der Leser folgt dort einem SS-Kripobeamten bei der Lösung von Mordfällen unter prominenten Nationalsozialisten.

In eine andere Richtung ging Morbus Kithara von Christoph Ransmayer, das der Österreicher 1995 veröffentlichte. Angelehnt an die Nachkriegszeit versinkt ein fiktiver Ort vor dem Hintergrund wirtschaftlicher und kultureller Demontage sowie einer erzwungenen Erinnerungskultur immer mehr in einer krankhaften Gesellschaft.

7. Aktuelle Trends in der Literatur

Trotz einer Vielzahl von veröffentlichter Literatur blieb aber bezogen auf die Masse der starke Fokus auf klassischen Themen. Vor allem Geschichten im angelsächsischen Raum sowie die Militärgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts dominieren die Themen der Romane und Filme.

Vor allem der Zweite Weltkrieg erfreut sich so großer Beliebtheit, dass er angesichts der Menge an Publikationen quasi als eigenes Genre gelten kann. Jenseits der Politik- und Militärgeschichte werden aber andere Bereiche, zum Beispiel die Regionalgeschichte, noch immer vernachlässigt. Eine Lücke, die ich gerne mit meinem Blog schließen möchte.

Foto der Steinernen Brücke und des Doms in Regensburg.
Hat auch viel Potenzial für alternative Geschichten: Regionalgeschichte wie diejenige der Stadt Regensburg.
(Eigenes Foto)

Dieser Fokus auf den Zweiten Weltkrieg im angelsächsischen Raum kommt allerdings nicht von ungefähr. Briten und Amerikaner können sich diesen kontrafaktischen Nervenkitzel leisten. Denn sie hatten in der „realen“ Geschichte niemals selbst eine nationalsozialistische Besetzung mit deren schwerwiegenden Folgen für die Gesellschaft erlebt. Ähnlich sieht es der Geschichtsphilosoph Aviezer Tucker.

[Die Popularität alternativer Geschichten], in denen die Nazis den Krieg gewonnen haben […] lässt sich vermutlich auf die ästhetische Faszination zurückzuführen, die von apokalyptischen Landschaften ausgeht, von in sich stimmigen, realistischen Darstellungen eines alternativen, schrecklichen Universums, wie in einem Gemälde von Bosch.

Aviezer Tucker

Grundsätzlich hat sich damit die Alternative History besonders im angelsächsischen Raum als ein schon länger existierendes literarisches Genre etabliert. Wie es DER SPIEGEL 2013 formulierte, werden die hypothetischen Fragen und Szenarien immer noch von vielen Lesern sehr spannend eingeschätzt.

Solange dieses Interesse anhält, wird zumindest das literarische Genre der alternativen Geschichte immer weitergehen. Zwar scheint es im deutschen Raum noch nicht annähernd so populär, aber dieser Blog braucht schließlich auch Ziele.

Quellen und Literatur

  • Alexander Demandt: Es hätte auch anders kommen können. Wendepunkte deutscher Geschichte. Berlin 2015.
  • Johannes Dillinger: Uchronie. Ungeschehene Geschichte von der Antike bis zum Steampunk. Paderborn 2015.
  • Richard J. Evans: Veränderte Vergangenheiten. Über kontrafaktisches Erzählen in der Geschichte. München 2013.
  • Thomas Lindemann: Wenn Nazis siegen und die Schweiz Krieg führt. Alternative Geschichte, auf: welt.de (26.09.2008).
  • Peter Maxwill: Als Hitler den Krieg gewann. Alternativgeschichtsforschung, auf: spiegel.de (09.12.2013).
  • Hans-Peter von Peschke: Was wäre wenn. Alternative Geschichte. Darmstadt 2016.

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