Was wäre wenn... jemand einen Blog über Alternative History schreiben würde?

1871: Die Schlacht bei Dorking von Sir George Tomkyns Chesney

Was wäre, wenn Großbritannien 1871 erobert und das Empire zerschlagen worden wäre? In diesem Invasionsroman von Sir George Tomkyns Chesney aus dem gleichen Jahr passiert genau das.

Ankerpunkt

Die alte Großmacht Großbritannien

Das 19. Jahrhundert galt als die Blütezeit des weltumspannenden „British Empire“.

Zwar hatte Großbritannien bereits vorher Kolonien im heutigen Kanada und Indien sowie in der Karibik unter seiner Kontrolle.

Doch seit dem Seesieg in der „Schlacht von Trafalgar“ konnte das Land eine mehr oder minder unangefochtene Stellung als führende See- und Handelsmacht erringen.

So expandierten die Gebiete in Amerika und Indien.

Vor allem die „Royal Navy“ entwickelte sich zu einem Instrument der Expansionspolitik in diesem nach der amtierenden Königin (siehe Bild) benannten „viktorianischen“ Zeitalter.

Foto einer Statue von Queen Viktoria
(casinozack/Shutterstock)

Bis 1871 beanspruchte Großbritannien nicht nur Australien und Neuseeland für sich, sondern gründete auch neue Kolonien, wie zum Beispiel Singapur, und erpresste koloniale Konzessionen in China und Afrika.

Vor allem Indien entwickelte sich zum „Juwel der Krone“, denn die größte Kolonie des Empire wurde systematisch wirtschaftlich zugunsten von Großbritannien ausgebeutet.

Entsprechend ist Großbritannien um diese Zeit nicht nur die führende Kolonial- und Seemacht, sondern auch die bedeutendste Wirtschaftsmacht der Welt.

So ist London Mitte des 19. Jahrhunderts die größte Stadt der Welt, Zentrum des internationalen Handels sowie einer der bedeutendsten Häfen und Industriestandorte der Erde.

Doch dieser herausragende Status von Großbritannien täuschte nicht darüber hinweg, dass diese Stellung immer durch andere Mächte herausgefordert und bedroht wurde.

Vor allem, als nach 1871 zu den „alten“ Rivalen Frankreich und Russland das neu gegründete Deutsche Reich kam.

Die neue Großmacht Deutsches Reich

Als 1871 in Versailles das Deutsche Reich (siehe Bild) gegründet wurde, war dies mehr als eine Neugliederung Deutschlands.

Karte des Deutschen Reiches von 1871 bis 1918.
(Wikimedia Autor: ziegelbrenner/CC BY-SA 3.0)

Anstelle des Deutschen Bundes, der eine Pufferfunktion für das europäische Machtgleichgewicht wahrnahm, trat eine neue Großmacht.

Der Aufstieg des Königreichs Preußen von der schwächsten Großmacht zur größten Kontinentalmacht sorgte aber auch aus anderen Gründen für Unruhe.

Denn die Vereinigung Deutschlands war keineswegs friedlich vonstattengegangen.

So führte Preußen 1866 nicht nur einen Bürgerkrieg gegen das Kaiserreich Österreich und dessen Verbündete im Deutschen Bund.

Nach dem Sieg bei Königgrätz annektierte es auch mehrere deutsche Staaten wie Hannover oder Frankfurt.

Im neuen Norddeutschen Bund, der die Vorlage für das Deutsche Reich war, waren die meisten deutschen Staaten außer Österreich mit Preußen vereinigt.

Hessen, Baden, Württemberg und Bayern waren mit ihm durch Bündnisverträge verbunden.

Geradezu ein Schock für die Welt war der anschließende Sieg der Deutschen im deutsch-französischen Krieg 1870/71.

Das französische Kaiserreich, das als führende Militärmacht des Kontinents galt, scheiterte nicht nur in mehreren Grenzschlachten mit seinen Angriffsplänen an den besser vorbereiteten Deutschen.

Als nach der Schlacht von Sedan eine komplette französische Armee mitsamt Kaiser Napoléon III. kapitulierte, brach das Kaiserreich sogar zusammen.

Die daraufhin entstandene französische Republik kapitulierte erst nach mehreren Niederlagen.

Durch diesen Sieg hatte das Deutsche Reich seine militärische Macht bewiesen.

Daher fühlen sich alle Großmächte Europas, darunter Großbritannien, herausgefordert.

Tatsächlich entwickelte das Kaiserreich nicht nur eine erfahrende, gut ausgestattete Armee.

Sondern auch eine dynamische Wirtschaft und Wissenschaftslandschaft sowie vergleichsweise sehr gut ausgebaute Infrastrukturen und Sozialversicherungssysteme.

Reichskanzler Otto von Bismarck gelang es allerdings bis zu seiner Entlassung 1890, die Befürchtungen vor einer darauf basierenden deutschen Dominanz in Europa und der Welt zu zerstreuen.

Erst die provokative „Weltpolitik“ des Kaisers Wilhelm II. führte zu Bündnissen gegen das Deutsche Reich und in den Ersten Weltkrieg.

Inhalt

50 Jahre nach der Schlacht bei Dorking

„Wir Engländer sollten wachen und schaffen. – Ermüden wir jetzt und träumen selbstzufrieden dahin, so werden wir eines Tages unsanft geweckt werden mit der Tatsache, daß unsere Zeit dahin ist, und daß in dem Wettstreit europäischer Großmächte Deutschland die erste ist und der Rest – nirgends.“

Macm. Mag. July 1878, 221

In „Die Schlacht bei Dorking“ erzählt ein Engländer 50 Jahre nach den Ereignissen vom Untergang des britischen Empire nach einem verlorenen Krieg.

Der ungenannte Protagonist beginn zuerst mit einer kurzen Zustandsbeschreibung der „alten guten Zeit“ seiner Jugend.

In dieser beherrschte Großbritannien aus seiner Sicht mit seinen Kolonien und seiner Flotte den weltweiten Freihandel.

Dies sorgte für wachsenden Wohlstand in einer wachsenden Bevölkerung.

Doch der Status als „Werkbank der Welt“ täuschte über die Abhängigkeit vom Welthandel hinweg.

Der Erzähler kritisiert, dass das Land damals keine Vorkehrungen gegen einen nicht genannten, aber leicht als das Deutsche Reich erkennbaren Gegner unternommen hatte.

So hing die Sicherheit Großbritanniens nur an wenigen Kriegsschiffen wie der 1860 gebauten „HMS Warrior“ (siehe Bild aus der heutigen Zeit).

Foto des alten Kriegsschiffes HMS Warrior
(colin13362/Shutterstock)

Dieser hatte 1870/71 Frankreich, die führende Militärmacht des Kontinents, vernichtend geschlagen ohne das Großbritannien davon eine Gefahr für die Insel ableitete.

Stattdessen scheiterte eine notwendige Militärreform an der Schwäche der Regierung und deren Abhängigkeit vom Parlament.

Im Vertrauen auf die Stärke der „Royal Navy“ und das geografische Hindernis des Kanals, zog die Regierung sogar noch Truppen nach Indien, Kanada und Irland ab.

Als auch die Flotte immer mehr zum Schutz der Kolonien verteilt wurde, eskalierte die Lage schließlich.

Die Invasion von Großbritannien

Als das Deutsche Reich Dänemark und die Niederlande annektierte, erklärte Großbritannien den Krieg.

Dieser entwickelte sich zum „Krieg von Überraschungen“, denn das Deutsche Reich erwies sich als deutlich besser vorbereitet.

So kappte es alle Kommunikationsverbindungen zwischen Großbritannien und Nordeuropa.

Die überraschte „Royal Navy“ erfuhr daher zu spät von einer Flotte, die sich für eine Invasion der Inseln sammelte.

Als sich die britische Flotte zum Angriff in der Nordsee formierte, lief sie in eine Falle und wurde fast komplett vernichtet.

Zwar stellte sich Großbritannien mit seiner verbliebenen Armee und Freiwilligenverbänden der Invasion entgegenzustellen.

Doch die hastig zusammengestellten Milizen waren untrainiert und kaum für Gefechte ausgerüstet.

Daher erwies sich die chaotisch organisierte, unter Nachschubproblemen leidende Verteidigung der Invasion nicht gewachsen.

Die entscheidende, blutige „Schlacht bei Dorking“, 40 Kilometer südlich von London in Surry (siehe Bild aus der heutigen Zeit), endete daher in einer vernichtenden Niederlage der Verteidiger.

Foto der Landschaft von Dorking
(TomCarpenter/Shutterstock)

Da der Feind gleichzeitig das einzige Arsenal des Landes in Woolwich einnahm, war der Krieg verloren.

Der Protagonist, schwer verwundet, versuchte daraufhin nach Hause zu fliehen.

Nachdem auch London gefallen war, kapitulierte Großbritannien endgültig.

Danach musste es nicht nur hohe Reparationen zahlen, sondern auch seine Flotte sowie Kolonien abgeben und Besatzungstruppen im Land dulden.

50 Jahre nach Kriegsende ist Großbritannien immer noch verarmt, während das Deutsche Reiche die Stelle des einstigen Empires eingenommen hat.

Am Ende schließt der Erzähler mit einem deprimierenden Fazit und einem fiktiven Ratschlag in die Vergangenheit.

Wir hätten ebenso stark als Landmacht sein müssen, wie wir es als Seemacht waren, oder hätten andernfalls uns mit der stärksten Landmacht, der wir eben den Krieg erklärt hatten, zu Schutz und Trutz verbinden und mit ihr gemeinsam unsere Interessen in der Welt vertreten sollen.

Sir George Tomkys Chesney: Die Schlacht bei Dorking

Rezension

Der erste Invasionsroman

Mit „Die Schlacht bei Dorking“ begründete Sir George Tomkyns Chesney gleich zwei Genres.

Zuerst begründete er das kurzlebige Genre der Invasionsliteratur, die sozusagen ein Untergebiet der Military Science-Fiction ist.

Diese Literatur hatte bis zum Ersten und kurzzeitig bis zum Zweiten Weltkrieg eine – meistens deutsche – Invasion der Britischen Inseln zum Thema. In mehreren davon war die relativ flache Küste bei Harwich (siehe Bild aus der hetigen Zeit) der Handlungsschauplatz.

Foto der Küste bei Harwich
(Henk Colijn/Shutterstock)

Auch „Die Schlacht bei Dorking“ ist ein solches fiktives Werk, das aber hintergründig Politik macht.

Denn Sir George Tomkyns Chesney wollte damit auf die drohende Gefahr durch das neu gegründete Deutsche Reich aufmerksam machen.

Denn im Roman ist der eigentlich namenlose Feind dennoch klar, denn die Soldaten sprechen auch im englischen Original deutsch.

Er propagierte daher eine Stärkung der Heimatverteidigung, wie sein wenig subtiler letzter Absatz zeigt.

Der erste Military Science-Fiction-Roman

Da sich „Die Schlacht bei Dorking“ (siehe Nachdruck der deutschen AUsgabe von 1879) vor allem auf das Militär und Schlachten in der damaligen Zukunft konzentrierte, gilt der Roman als eines der ersten Werke der Military Science-Fiction.

Foto des Nachdrucks der ersten Deutschen Ausgabe von "Die Schlacht bei Dorking"
(Eigenes Bild)

So beschreibt der Autor die militärischen Vorgänge sowie Orte sehr detailliert.

Man merkt der Handlung die Erfahrung aus seiner eigenen jahrzehntelangen Militärzeit an.

Wie viele Science-Fiction Autoren verlängert Sir George Tomkyns Chesney allerdings die eigenen Erfahrungen aus der Gegenwart in die Zukunft.

So bleibt er nah am deutsch-französischen Krieg.

Zu Beginn stehen sich wieder auf der einen Seite die bestens vorbereiteten deutschen Angreifer und auf der anderen Seite die überforderten Verteidiger gegenüber.

Die namensgebende Schlacht bei Dorking läuft dann ähnlich wie die Grenzschlachten im deutsch-französischen Krieg.

Denn die deutschen Angreifer können einfach so lange angreifen bis sie Erfolg haben, da die Verteidigung zu chaotisch läuft, um fehlgeschlagene, deutsche Angriffe auszunutzen.

Allerdings übertreibt es Sir George Tomkyns Chesney aus meiner Sicht mit seiner politischen Botschaft.

Dass er mit der Friedensarmee nicht zufrieden ist, zeigt er durch die Darstellung der britischen Generäle als unfähig, alt und mit Orden aus alten Schlachten behangen.

Sein Sarkasmus zeigt sich auch in Kleinigkeiten.

Zum Beispiel heißt eine Fregatte, die ahnungslos in die feindliche Flotte segelt und sofort geentert wird, „Inconstant“ (Unbeständig).

Insgesamt ist die Handlung trotz einiger Spannung übertrieben in eine Richtung laufend.

So bleibt der Feind lange unsichtbar und somit automatisch un(an)greifbar.

Auch schießt die englische Artillerie stundenlang ohne zu treffen, während Feuer der Angreifer sofort zu hohen Verlusten führt.

In eigener Sache: Vorsicht vor Rechtsextremen

Noch ein wichtiger Hinweis in eigener Sache.

Die Ausgabe von „Die Schlacht bei Dorking“ aus dem Jahr 2011 zeigt indirekt auch eine Gefahr der deutschen Alternative History.

Wie ich erst bei den Recherchen für diese Rezension herausfand, ist der damalige Verlag auch für rechte Auslegungen des Genres offen.

So beschreibt das Nachwort durchaus gut die Geschichte der deutschen Alternative History Romane und der Interpretationsgeschichte von „Die Schlacht bei Dorking“.

Dann findet der Rezensent aber auch warme Worte für deutsche Romane aus dem Genre, die offen in die nationalsozialistische Ecke gehen.

Da die Grenze zwischen „Die Schlacht bei Dorking“ und Empfehlungen für nationalsozialistisch angehauchte Literatur in der Ausgabe von 2011 offen ist, verzichte ich daher auf eine Nennung dieser Auflage im Quellen- und Literaturverzeichnis.

„Die Schlacht bei Dorking“ empfehle ich aber dennoch in einer anderen Auflage gerne weiter.

Denn Sir George Tomkyns Chesney begründete mit dem spannend geschriebenen Roman nicht zu Unrecht gleich zwei literarische Genres.

Quellen und Literatur

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  1. Dieter Lohr

    Guten Abend Herr Vergnon,

    da habe ich mich nun tatsächlich eines Vergehens schuldig gemacht, vor dem ich meine Studierenden immer eindringlichst warne: Immer genau die Quelle studieren, wenn man im Internet recherchiert. Peinlich, peinlich. (Zu meiner Ehrenrettung sei gesagt, dass ich zur Vorbereitung des Vortrags nur zwei Tage Zeit hatte.)
    Gut, dass Sie mich darauf aufmrksam gemacht haben, und nachträglich schönen Dank, dass ich das Bild verwenden, hm, „durfte“.

    Ein sehr interessanter Artikel übrigens. Es ist schon erstaunlich, wie das Buch die Zeiten und die Blickwinkel überdauert hat. Chesneys „Message“ ist klar, und dass die Rechten heutzutage auf alles stehen, was irgendwie die vergangene „Größe“ und „militärische Macht“ Deutschlands attestiert, ist klar. Alles Militaristen, die mit Krieg und Gewalt kein Problem haben. Aber wieso das Buch 1879 auf Deutsch erschienen ist, wo es doch tendenziell eher deutschfeindlich ist, ist mir nicht ganz klar. Die Botschaft lautet natürlich auch hier: Die Welt zittert vor Deutschland. Das kann man nun werten im Sinne auch der heutigen deutschen Militaristen: „Bravo, weiter so!“ (Gell, Sie lesen schon die ganzen Anführungsstriche, die ich mache…) Oder man könnte es auch – mit einer Portion Glaube an das Gute im Menschen – pazifistisch deuten: „So weit ist es also, dass alle Angst vor uns haben und uns nicht mögen. Muss das sein? Sollte man nicht gegensteuern?“ – Ich fürchte, die erste Deutung ist die realistischere.

    Schöne Grüße

    Dieter Lohr

  2. Was sich über den Herrn Übersetzer, Wilhelm Hübbe-Schleiden, herausfinden lässt, trägt meines Erachtens auch nicht gerade zur Erhellung bei.

  3. Guten Abend Herr Lohr,

    kein Problem wegen des Bildes. Es ging ja auch um keine kommerzielle Nutzung. Im Gegenteil hat es mich gefreut, dass Bild und Artikel Ihnen bei der Vorbereitung geholfen haben.

    Was die Gründe für die Übersetzung ins Deutsche 1879 angeht, habe ich leider auch keine Informationen. Ihre erste Interpretation finde ich aber angesichts der damaligen nationalistischeren Stimmung durchaus realistisch. Vielleicht war es auch eine Reaktion auf die hohen Wellen, die das Buch in Großbritannien und somit auf dessen Politik gegenüber dem Deutschen Reich geschlagen hat?

    Viele Grüße
    Bastian Vergnon

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