Was wäre, wenn Du Dein Leben noch einmal leben könntest? Jeff Winston erhält genau diese Chance. Doch ist es wirklich Glück, sein Leben immer wieder zu leben, oder ein Fluch?

Ankerpunkt

Die Rolle von Individuen in der Geschichte

In der Geschichtswissenschaft gibt es schon lange eine Debatte darüber, wer der eigentliche „Treiber“ der Geschichte ist.

Lange galt das Credo des Historikers Heinrich von Treitschke, das lautete „(Große) Männer sind es, welche die Geschichte machen“.

Als klassisches Beispiel dafür galt Otto von Bismarck mit seinem Einfluss auf die Gründung des Deutschen Reiches 1871.

Diese Einsicht hat sich mittlerweile überlebt, nicht nur, weil sie faktisch zum Beispiel Frauen ausschloss.

In Deutschland konzentrierte sich die seitdem dominierende Sozialgeschichte der „Bielefelder Schule“ vor allem auf Strukturen, seien sie nun wirtschaftlicher, sozialer oder politischer Natur.

Damit öffnete sie die Geschichtsschreibung nicht nur für bis dahin vernachlässigte Gruppen, sondern überhaupt für größere Entwicklungen.

Sie vernachlässigte darüber aber wiederum Individuen.

Denn im gleichen Maße, wie Strukturen Individuen in ihren Handlungsspielräumen bestimmen, sind sie jedoch von Individuen geschaffen und ausgestaltet.

So ist die Struktur des Nationalsozialismus ohne den Einfluss des „Führers“, des Individuums Adolf Hitler, nicht zu denken.

Foto einer beschädigten Christus-Figur, die an einem rostigen Kreuz hängt
Das Christentum basiert auf jahrhundertealten Strukturen, ist aber ohne seinen Gründer Jesus Christus undenkbar.
(Michel Stevelmans/Shutterstock)

Dieser je nach Sichtweise Gegensatz oder dieses Wechselspiel sorgen für ein nicht sauber erklärbares Spannungsfeld in der Erklärung von Geschichte.

Daher ist die Frage der Geschichtswissenschaft, welche Rolle Individuen in der Geschichte spielen, noch lange nicht geklärt.

Das Beispiel des Kennedy-Attentats

Das erfolgreiche Attentat auf den US-Präsidenten John F. Kennedy in Dallas am 22. November 1963 zeigte dieses Spannungsfeld sehr stark.

Der Tod des US-Präsidenten galt in jedem Fall als nationales Trauma und einer der Tage, an den sich die Zeitzeugen ein Leben lang erinnern.

Gedenkmünze für Präsident John F. Kennedy
Die Präsidentschaft von John F. Kennedy galt lange Zeit vor allem wegen seiner Ermordung als Mythos. (Prachaya Roekdeethaweesab/Shutterstock)

Viele „Was wäre wenn“-Fragen kreisen um eine verhinderte Ermordung von Kennedy, der durch seinen gewaltsamen Tod zu einem nationalen Mythos wurde.

So wurde in der Nacherzählung die Präsidentschaft von Kennedy verklärt, was die danach folgende Entwicklung, zum Beispiel durch den Vietnamkrieg noch negativer aussehen ließ.

„Sein Tod markiert für viele Amerikaner den Übergang vom selbstbewussten, hoffnungsvollen Amerika zum irrenden, zweifelnden, angstgetriebenen Amerika.“

Sebastian Fischer: Der Tag, an dem Amerika seine Unschuld verlor

Kritiker dieser Sichtweise erklären, dass Kennedy als Präsident und Individuum kaum auf die Strukturen seiner Zeit einwirkte.

Daher hätte ein verhindertes Attentat auch keine Auswirkungen auf die generelle Entwicklung der Weltgeschichte gehabt.

So hätte Kennedy weder den Vietnamkrieg verhindert, noch die Rassendiskriminierung schneller beendet.

Jedoch ist das Paradoxe daran, dass erst sein Tod dazu führte, dass wichtige Gesetzesvorhaben, zum Beispiel gegen die Rassendiskriminierung von Schwarzen von seinem Nachfolger Lyndon B. Johnson durchgesetzt werden konnten.

Zuletzt lebt das Individuum John F. Kennedy trotz seiner persönlichen Mängel und politischen Fehler als Mythos weiter und beeinflusst damit weit nach seinem Tod immer noch die USA.

Inhalt

Die zweite Chance

Am 18. Oktober 1988 erleidet Jeffrey „Jeff“ Winston in seinem Büro einen Herzinfarkt, während er mit seiner Frau telefoniert.

Der 43-jährige Nachrichtendirektor beim Radio stirbt unzufrieden mit seinem erfolglosen Leben und vor allem seiner langsam scheiternden Ehe.

Umso mehr ist er überrascht, als er nach seinem Herzinfarkt in seinem Collegezimmer aufwacht – im Jahr 1963.

Nachdem er die erste Überraschung abgeschüttelt hat, entschließt sich Jeff, die Möglichkeiten zu nutzen.

„Die Welt jenseits der Fenster war kein Traum – sie war ebenso konkret wie unschuldig, ebenso wirklich wie blind optimistisch.
Frühling 1963.
Und es gab so viele Möglichkeiten.

Ken Grimmwood: Replay – Das zweite Spiel
Foto des Marsches auf Washinton mit Blick auf das Washinton Monument
Der Marsch auf Washington mit der Rede von Dr. Martin Luther King („I have a dream“) gehörte zu den bekanntesten Ereignissen des Jahres 1963 und stand für die Aufbruchsstimmung Anfang der 1960er Jahre.
(Everett Collection/Shutterstock)

Zuerst beginnt er auf Sportereignisse zu wetten. Da er die größten Überraschungen kennt, gewinnt er schnell enorme Summen.

Damit investiert er in Firmen, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten von den wirtschaftlichen Entwicklungen profitieren.

Fluch oder Segen?

Doch als Jeff versucht, den Mord an John F. Kennedy zu verhindern, scheitert er.

Zwar kann er Lee Harvey Oswald bei der Polizei als Verdächtigen anschwärzen.

Doch Kennedy stirbt trotzdem beim Attentat eines neuen, bisher unbekannten Mörders.

Gleichzeitig steigt sein Geschäftspartner aus und Jeff grübelt über den Sinn seines Reichtums.

Foto von zwei Gleisen, die in den Nebel führen
Auch mit dem Vorwissen eines anderen Lebens erweist sich ein Leben als schwer plan- und optimierbar. (Nneirda/Shutterstock)

Auch sein Beziehungsleben erweist sich als Serie von Misserfolgen. So scheitert daran, seine zukünftige Frau für sich zu gewinnen.

Danach heiratet er aus Kalkül eine Frau aus der Ostküstenelite, die er nicht liebt.

Aber aus dieser Ehe geht seine Tochter Gretchen hervor, die er abgöttisch liebt.

Sie und die Tatsache, dass er 1988 von den Ärzten für gesund erklärt wird, halten ihn am Leben.

Doch dann erleidet er wieder einen Herzinfarkt. Stirbt. Und wacht 1963 auf.

Diesen Zyklus durchlebt Jeff mehrfach mit unterschiedlichen Erfahrungen.

Erst als er Pamela Philips kennenlernt, stellt er fest, dass er nicht der einzige ist, der sein Leben nochmals lebt.

Falls er dachte, dass er damit einer Lösung des Rätsels näherkommt, irrt er sich.

Eher im Gegenteil. Er lernt Fluch und Segen der zweiten Chancen erst richtig kennen.

Rezension

Die große Frage der Alternative History

Warum gibt es nach „Der letzte Tag der Schöpfung“ wieder einen Science fiction Roman in einem Blog für Alternative Geschichte?

Weil auch Ken Grimwood an einer Grundfrage der Alternative History rührt:

  • Was wäre, wenn ich selbst mein Leben nochmals leben könnte?

Welche Entscheidungen würde ich anders und welche genauso wieder treffen? Und welche Folgen hätte diese Wiederholung?

Diese Frage ist eine, die jeden Mensch bewegt.

Diesem Thema widmet sich „Replay – Das zweite Spiel“ umfassend.

Dies wird schon im Titel deutlich, denn „Replay“ bedeutet im Englischen sowohl „Wiederholung“ als auch „Wiederholungsspiel“.

Nicht umsonst war der Roman die Inspiration für die Filme „Und täglich grüßt das Murmeltier“ sowie „12:01“.

Ken Grimwood geht dabei aber nicht den Pfad des Wunschdenkens, sondern widerlegt diesen komplett.

Vielmehr zeigt „Replay – Das zweite Spiel“, wie unmöglich es auch mit dem Vorwissen eines „vorherigen“ Lebens ist, ein „perfektes“ Leben zu führen.

Denn neue „bessere“ Entscheidungen führen für Jeff Winston und Pamela Philips zu neuen unerwarteten und negativen Konsequenzen.

Grafik mehrererer Linien und Uhren
Wenn jedes neue Leben eine neue Vergangenheit und Gegenwart erschafft, welches Leben ist dann noch von Wert?
(Natali art collections/Shutterstock)

Aus dieser Unmöglichkeit ergeben sich eine Reihe von Folgefragen.

Diese machen den Wunsch nach einer „zweiten Chance“ eher zu einem Fluch, denn zu einem Segen machen.

  • Wie viel ist ein einmaliges, individuelles Leben wert, wenn es wie bei einem Computerspiel – vermeintlich – beliebig oft wiederholen lässt?
  • Was ist dann auch die Erinnerung an die einzelnen Leben wert?
  • Wie viel wert sind die Mühen und Erfolge, in einem einzigen Leben ein erfolgreicher oder guter Mensch zu sein?

So merkt Jeff sehr schnell, dass einmalige emotionale Erlebnisse aus einem Leben nach einer Wiederholung unweigerlich für ihn mental verbrannt sind.

Mehrfach stehen beide Charaktere daher vor der Gefahr, mental an den Wiederholungen zu zerbrechen.

Vergeblich suchen Jeff und Pamela auch nach einem Sinn in ihren „Wiedergeburten“ ohne ihn je zu finden.

Denn sie finden heraus, dass sie zwar das Wissen hätten, den Lauf der Geschichte zu verändern.

Aber sie können damit zwar ihr eigenes Leben stark verändern, aber nie den generellen Lauf der Geschichte.

Hinzu kommt die mentale Isolation, als einzige die wiederholten Leben mitzumachen, was das Erlebte oftmals zu einem Gefängnis macht.

Die Reifeprozesse des Romans

Ken Gromwood gelingt es in „Replay – Das zweite Spiel“, diese großen Fragen in einen Reifeprozess der Hauptfiguren Jeff Winston und Pamela Philips einzubetten.

Wobei beide Charaktere bis zum Ende des Romans Menschen mit Widersprüchen und Fehlern bleiben.

So durchläuft zum Beispiel Jeff nur langsam einen charakterlichen Reifeprozess. Er lernt erst nach mehrfachem Scheitern, andere Menschen einzubeziehen und nicht nur alleine mit seinem Wissen zu arbeiten.

Diese Fehler machen „Replay – Das zweite Spiel“ auch realistisch.

So agiert Jeff beim ersten Mal im Jahr 1963 verwirrt, da er sich natürlich nicht an alles erinnern kann. Er verliert zum Beispiel seine damalige Freundin, da er sich nicht mehr an die Sexualmoral der frühen 1960er erinnern kann.

Ken Grimwood schafft es auch, die großen Fragen seines Romans in unterschiedliche Entwicklungen der Leben von Jeff Winston und Pamela Philips einzubetten.

Aus meiner Sicht spielt er dabei plausible Möglichkeiten durch, die jemand hat, der sein Leben nochmal leben kann.

Dabei gibt es auch kleine Anspielungen, da Pamela in einer Wiederholung mit Hollywoodstars wie Dustin Hofmann zusammen ist.

Das ist für mich eine große Leistung von Ken Grimwood.

Denn vielen Leben der Hauptfiguren summieren sich insgesamt auf mehrere hundert Jahre Handlung.

Ein guter erzählerischer Kniff besteht darin, dass „Replay – Das zweite Spiel“ weder den Grund für die Zeitschleifen erklärt, noch ob die alternativen Realitäten nach dem Tod von Jeff und Pamela noch weiter existieren.

Buchcover von Replay – Das Zweite Spiel
Mit „Replay – Das zweite Spiel“ erschuf Ken Grimwood nicht nur einen Klassiker der Science fiction, sondern auch ein Werk, das sich zum Nachdenken über das eigene Leben lohnt.
(Eigenes Bild)

Insgesamt empfehle ich daher „Replay – Das zweite Spiel“ absolut weiter.

Ich persönlich verlor fast jeglichen Wunsch, mein Leben nochmal zu leben.

Umso mehr war ich dankbar für das einzigartige Leben, das ich bisher habe.

Quellen und Literatur

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