1. Berufsethos der Historiker versus Alternative History
  2. Gründe für Alternative History in der Wissenschaft
  3. Kontrafaktische Methodik in der Geschichtswissenschaft
  4. Nutzen von Alternative History für die Geschichtswissenschaft
  5. Bewusstsein für die Freiräume von Geschichte
  6. Alternative History in der deutschen Geschichtswissenschaft
  7. Voraussetzungen für Alternative History in der Wissenschaft
  8. Möglichkeiten für Alternative History Ankerpunkte
  9. Zufall und Alternative History
  10. Wissenschaftliches Wunschdenken in der Alternative History

    Quellen und Literatur

„Gar nicht.“

So beantwortet bisher die Mehrheit der (deutschen) Historikerinnen und Historiker die Frage im Titel.

Warum ist das so?

1. Berufsethos versus Alternative History

Das liegt aus meiner Sicht an ihrem Berufsethos.

Historiker (er-)klären Ereignisse und Entwicklungen in der Geschichte über belegbare Quellen, bis bewiesene Thesen und Fakten vorliegen.

Wer sich ohne dieses Berufsethos mit Geschichte beschäftigt, ist aus diesem Blickwinkel ein amateurhafter (Dorf-)Chronist.

Historiker suchen stattdessen nach Gesetzmäßigkeiten, um Geschichte jenseits der bloßen Jahreszahlen und Ereignisse zu erklären.

Diese Urteile, zum Beispiel über die Rolle von berühmten Individuen, sind aber nur möglich, wenn historische Entwicklungen relativ eindeutig feststehen.

Bibliothek mit Buch und Richterhammer im Vordergrund
(Chinnapong/Shutterstock)

Indem Alternative History dazu Alternativen aufbaut, zerstört es die Grundlage von relativ eindeutig formulierten Gesetzmäßigkeiten.

Zum Beispiel betrachtet die Sozialgeschichte große Entwicklungslinien als Treiber der Geschichte und keine Individuen.

Haben Akteure aber Spielraum für alternative Entscheidungen, stellt sich die Frage nach dem Gewicht von großen Entwicklungslinien.

Um Alternative History ins Lächerliche zu ziehen, zitieren diese Historiker gerne den französischen Philosophen Blaise Pascal:

Die Nase der Kleopatra, wäre sie kürzer gewesen, die Weltgeschichte hätte einen ganz anderen Verlauf genommen.

Blaise Pascal

In diesem Spott wirkt Kleopatra durch eine kleinere Nase nicht attraktiv auf die Feldherrn Julius Cäsar und Marc Antonius. Da beide sich nicht verführen lassen, verläuft die römische Geschichte angeblich anders.

Daher bleibt Alternativ History in Deutschland eine umstrittene und wenig angewandte Methodik.

2. Gründe für Alternative History in der Wissenschaft

Durch dieses Ablehnen begehen meiner Meinung nach Historiker aus Angst vor dem alternativgeschichtlichen Tod lieber methodischen Selbstmord.

Andere Fächer sind hier weiter:

In der Philosophie, Psychologie, Wirtschaftswissenschaft und Soziologie werden Counterfactuals, objektiv falsche oder unrealistische Annahmen, ohne große Diskussion verwendet. Sie dienen in diesen Fächern als Hilfsmittel, um wissenschaftliche Fragen genauer zu untersuchen.

Zum Beispiel prüfte der Wirtschaftshistoriker Robert Fogel in „Railroads and American Economic Growth“ den Beitrag der Eisenbahn zur Entwicklung der USA: Indem er sie vollständig aus der Wirtschaftsbilanz herausstrich.

Obwohl er für diese Analyse starken Widerspruch erntete, erhielt er 1993 den Wirtschafts-Nobelpreis ausdrücklich für seine Arbeit mit „counterfactual alternatives“.

Zudem wagt sich die Geschichtswissenschaft durch die Pflicht, aus unvollständiger Überlieferung die Vergangenheit zu rekonstruieren, in das Feld der Spekulation hinaus. Oft lassen auch Quellen unterschiedliche Interpretationen der Vergangenheit zu.

Daher kann die Forschung die Vergangenheit nie zu 100 Prozent sicher wiedergeben. Sie muss Lücken mithilfe von neuen Analysen schließen und damit die Geschichte „neu konstruieren“.

Dies stellt aus meiner Sicht mehr als einen Schritt in Richtung Alternative History dar.

Der Historiker Hugh Trevor-Roper wandte sich daher bei seiner Abschiedsvorlesung in Oxford 1980 gegen jeglichen Determinismus, eindeutige Vorfestlegungen, in der Geschichtswissenschaft.

Er brachte stattdessen Alternative History für die Analyse der verschiedenen historischen Möglichkeiten ins Spiel.

History is not merely what happend: it is what happend in the context of what might have happend.
Geschichte ist nicht nur was geschah: Sie ist, was geschah im Zusammenhang mit dem, was hätte geschehen können.“

Hugh Trevor-Roper

Deshalb hat meiner Meinung nach Alternative History einen Nutzen für die Geschichtswissenschaft.

3. Kontrafaktische Methodik in der Geschichtswissenschaft

In der Geschichtswissenschaft heißt das entsprechende Werkzeug „kontrafaktische Methodik“, also wörtlich ein „Vorgehen entgegen der Fakten“.

Das heißt, der Historiker trifft Annahmen, die nicht dem tatsächlichen historischen Ablauf entsprechen, um daraus neue Erkenntnisse zu gewinnen. Er bleibt dabei zwar eng an den vorhandenen Quellen. Er verlässt diese aber zeitweise bewusst, um möglichen Alternativen auf die Spur zu kommen.

Wichtig ist dabei, dass der Historiker die daraus resultierenden Szenarien jeweils auf ihre Plausibilität prüft, um sich von bloßen Spekulationen oder rein literarischen Erzählungen abgrenzen.

Ein Problem für diese Methodik stellt aber die dünne Quellenbasis für viele Abschnitte der Geschichte, wie die Antike, dar.

Überblick über das Forum Romanorum, dass seit der Antike nur noch als Ruinen erhalten ist.
(Viacheslav Lopatin/Shutterstock)

Denn basiert die Plausibilitätsprüfung nur auf einigen Quellen, beißt sich aus meiner Sicht die kontrafaktische Katze in den Schwanz. Denn dann landen die Analysen mangels Quellenbasis wieder bei einem historischen Determinismus, den Alternative History eigentlich ausschließen soll.

Dieser Falle kann der Historiker nur entgehen, wenn er sich an bestimmte Kriterien hält.

Für den Ankerpunkte Blog habe ich die Kategorien deshalb nach „historischen Hintergründen“, „imaginären Szenarien“, „fiktiven Geschichten“ und „Romanen und Filmen“ aufgetrennt. Damit ist jedem Leser klar, wo die Wissenschaft endet und die Literatur beginnt.

4. Nutzen von Alternative History für die Geschichtswissenschaft

Für mich bietet Alternative History daher einen Nutzen für die Wissenschaft, da sie hilft, die reale Entwicklung besser zu erklären.

Denn Kausalzusammenhänge („Wenn, dann“) lassen sich nur komplett analysieren, wenn auch in ihren Alternativen („Was wäre wenn“) gedacht wird.

Werden diese Alternativen nicht mitgedacht, ist die ganze Begründung für die Wichtigkeit eines historischen Ereignisses nicht überprüfbar. Die Komplexität, zum Beispiel des Zweiten Weltkriegs wird durch Alternative History deutlicher.

Deutsche Infanterie vor einem brennenden Dorf während der Operation Barbarossa
(Everett Collection/Shutterstock)

Hier bin ich ganz beim französischen Historiker Braudel:

 „Auf [ihre] eigene Weise prüft [die alternative Geschichte] das Gewicht von Ereignissen, Episoden und Akteuren, die ihrer eigenen und anderer Leute Meinung nach für den gesamten Gang der Geschichte verantwortlich waren.“

Historiker Fernand Braudel

Alternative History gibt zusätzlich besser Auskunft über die Grenzen und Zwänge von Individuen bei verschiedenen Ereignissen.

Alternative History zeigt so, dass vermeintlich einzigartige Entwicklungen oder entscheidende Ereignisse nicht so relevant sind, wie es auf den ersten Blick erscheint. So hätte auch eine Niederlage der Griechen gegen die Perser nicht die Entwicklung einer republikanischen Staatsform verhindern müssen, da zum Beispiel den Germanen proto-republikanische Ordnungen bekannt waren.

Zusätzlich bietet Alternative History als Methodik eine neue Möglichkeit, um die tatsächliche Geschichte durch den Blickwinkel ihrer damaligen Alternativen besser darzustellen.

Dies gilt auch für eine Hierarchie der möglichen Ursachen von historischen Ereignissen und Entwicklungen. So können Historiker besser klären, ob ein möglicherweise geänderter Faktor auch der entscheidende Grund für eine andere Entwicklung wäre.

Der Historiker […] muss gegenüber seinem Objekt einen indeterministischen Gesichtspunkt wahren. Er versetzt sich ständig in einen Augenblick der Vergangenheit, in dem die erkennbaren Faktoren noch verschiedene Ereignisse zulassen. Spricht er von Salamis, dann ist es noch möglich, dass die Perser siegen werden, spricht er vom Staatsstreich des Brumaire, so ist noch offen, ob Bonaparte nicht eine schmähliche Zurückweisung erfahren werde.

Johan Huzinga

So können alternative Geschichten auch die Begrenztheit und die Zwänge der Entscheidungen in der Vergangenheit klarer machen und dem von Historikern verhassten Wunschdenken der Gegenwart plausibel den Boden entziehen.

Sie hilft auf diese Weise zu erklären, weshalb sich die Geschichte so in der Realität entwickelt hat.

5. Bewusstsein für die Freiräume von Geschichte

Zusammenfassend bietet Alternative History die Möglichkeit, das Bewusstsein des Historikers für die Freiräume von Geschichte zu schärfen.

Ihm bleibt dadurch immer klar, dass die Vergangenheit nicht zwangsläufig auf die tatsächliche Gegenwart hinausgelaufen ist.

Auch führte sie nicht gerade zu einem bestimmten moralisch besserem Ziel- oder Endpunkt, wie es Religion, Philosophie und teilweise Politik häufig propagieren.

Der Historiker Alexander Demandt fasste diesen Vorteil prägnant zusammen.

„Es geht darum, Geschichte um- und weiterzudenken, um eine Gedankenübung, die das historische Bewusstsein erweitert und von dem Wahn befreit, dass es nicht anders hätte kommen können.

Alexander Demandt

Demandt verwendet dazu das Bild eines Hauptwegs, der die tatsächlich geschehene Geschichte zeigt, und mehreren diesen begleitenden Nebenwegen. Diese abbrechenden, verwickelnden Pfade flankieren die „reale“ Geschichte und zeigen die einstmals möglichen, aber nie eingetretenen alternativen Möglichkeiten der Vergangenheit.

Geschichte läuft so nicht wie ein Gleis bei strahlendem Sonnenschein in eine Richtung, sondern verzweigte und in Richtung einer nebeligen Zukunft.

Foto von zwei Gleisen, die in den Nebel führen
(Nneirda/Shutterstock)

6. Alternative History in der deutschen Geschichtswissenschaft

Alexander Demandt war es auch, der Alternative History in Deutschland erstmals 1984 mit dem Werk Ungeschehene Geschichte einem vergleichsweise breiterem Publikum bekannt machte.

Er verteidigte dabei die Methodik als Mittel der Geschichtswissenschaft, legte an sie aber besonders strenge Maßstäbe an.

Mit dieser strengen Auslegung unterschied er sich von den bis dahin dominierenden französischen und angloamerikanischen Autoren.

Pointiert fasste meines Erachtens der britische Historiker Richard J. Evans nicht nur den damaligen Unterschied, sondern auch die teilweise bis heute bestehenden Differenzen zwischen angloamerikanischen und deutschen Historikern bei Alternative History zusammen:

Das Traktat Demandts [1984] brachte einen Hauch deutscher Ernsthaftigkeit in die Debatte. Doch schon bald brach sich die angloamerikanische Leichtichkeit wieder Bahn […].

Richard J. Evans

Meiner Meinung nach hat Alexander Demandt mit seinen Maßstäben aber recht.

Denn nur mit dem Einhalten von wissenschaftlichen Standards und einer hohen Plausibilität lässt sich Alternative History als relevante Methodik nutzen.

7. Voraussetzungen für Alternative History in der Wissenschaft

Als erste Stütze dafür formulierte Demandt drei Prinzipien.

  1. „Realitätsferne Alternativen sind unrealistisch“
  2. „Die Ereignisse sind unterschiedlich determiniert“
  3. „Unwahrscheinliche Ereignisse stehen vereinzelt“

Verkürzt gesagt sollen Historiker bei Alternative History besonders genau auf die tatsächlichen Fakten und Grundlagen der „realen“ Geschichte achten. Jeder Anschein von unwissenschaftlicher Spekulation oder Wunschdenken ist zu vermeiden.

Der Militärhistoriker Geoffrey Parker und der Psychologie Philipp Tetlock stellten zusätzlich die Ceteris-paribus-Regel („unter sonst gleichen Bedingungen“-Regel) auf.

Diese bedeutet, dass nur ein Glied in der historischen Ereignis- und Kausalkette verändert wird. Alle anderen Entwicklungen bleiben gleich. Ein Beispiel: Die Invasion der Alliierten in Frankreich 1944 scheitert. Die Ereignisse an den anderen Fronten bleiben aber vorerst gleich.

Blick aus einem Landungsboot der Operation Overlord auf den Omaha Abschnitt der Normandie
(Everett Collection/Shutterstock)

Daraus folgend stellte Demandt folgende kurze Grundregeln auf:

  • minimaler Eingriff in die Geschichte:
    Am besten nur eine Veränderung in der Kausalkette, um Willkür zu vermeiden.
  • Selbstbeschränkung, was den Zeitraum angeht:
    Nur eine kurze Zeitspanne nach dem Ankerpunkt wird erforscht, um mangels Grundlagen in der „realen“ Geschichte nicht in Spekulationen zu kommen.
  • Selbstkritik und Transparenz bei der Perspektive wahren:
    Die Standards „normaler“ historischer Wissenschaft müssen gesichert bleiben, damit die Szenarien zum Verständnis sowohl innerhalb als auch außerhalb der Wissenschaft beitragen.
  • Zuletzt eine Ermunterung:
    Historiker sollen sich trauen, nicht nur die Standardszenarien, sondern auch wenig bekannte Punkte in der Geschichte zu erforschen.
    Aus meiner Sicht bietet zum Beispiel Regionalgeschichte, wie die der ehemaligen freien und Reichsstadt Regensburg, interessante Hintergründe.
Foto der Steinernen Brücke und des Doms in Regensburg.
(Eigenes Foto)

Davon abgesehen, sah Demandt keine weiteren Restriktionen außerhalb der Naturgesetze.

8. Möglichkeiten für Alternative History Ankerpunkte

Potenzielle Ankerpunkte ergeben sich dennoch nicht zu jedem Zeitpunkt in der Vergangenheit.

Es gab zwar in der Geschichte immer wieder Wendepunkte, an denen bestimmte Entscheidungen und Entwicklungen Weichenstellungen für den weiteren Verlauf der Vergangenheit waren.

Doch nicht alle haben aus meiner Sicht die Möglichkeit, um Richtung, Tempo und Art der weiteren Geschichte in eine alternative Weise zu beeinflussen. Nur bestimmte Ereignistypen sind dafür besonders geeignet, zum Beispiel:

  • Anfang und Ende von Kriegen
  • Verhandlungen über Verträge
  • Regierungswechsel und bedeutende Entscheidungen von wenigen Machthabern wie Kaiser Augustus
  • einflussreiche Erfindungen und Entdeckungen
  • Erscheinen und Verschwinden von bedeutenden Persönlichkeiten
  • Notlagen und Krisen
Statue von Octavian, besser bekannt als Kaiser Augustus.
(Gilmanshin/Shutterstock)

Daraus ergeben sich nach Demandt folgende konkrete Möglichkeiten für Alternative History Szenarien.

  • Große Umbrüche bleiben aus:
    Die Amerikanische und Französische Revolution finden nicht statt.
  • Abgeblockte Entwicklungen laufen weiter:
    Der Aufstieg Schwedens im 16. und 17. Jahrhundert zur Großmacht in Nordeuropa setzt sich doch fort.
Karte von Schweden zwischen 1560 und 1660
(Wikimedia Autor: Memnon335bc)
  • Knappe Konflikte haben ein anderes Ergebnis:
    Die Schlachten von Gettysburg im Amerikanischen Bürgerkrieg oder von Stalingrad im Zweiten Weltkrieg haben andere Sieger und Verlierer.
  • Die historische Rolle einer Person wird durch eine andere übernommen:
    Der Sozialdemokrat Kurt Schumacher wird statt des Konservativen Adenauer erster Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.
  • Geschichte verschiebt sich räumlich:
    Frankfurt statt Bonn wird erste Bundeshauptstadt.
  • Historische Großereignisse laufen zeitlich verschoben ab:
    Der Erste und Zweite Weltkrieg starten nicht 1914 und 1939.

9. Zufall und Alternative History

Meiner Meinung nach kommt eine alternative Geschichte, in der Literatur mehr als in der Wissenschaft, nicht ohne einen Bezug auf Unwahrscheinlichkeiten in der Vergangenheit aus.

Denn konzentriert sich der Wissenschaftler und Schriftsteller zu sehr auf die Wahrscheinlichkeit und Plausibilität, landet er am Ende wieder bei der angeblich alternativlosen „realen“ Vergangenheit und Gegenwart.

Besonders die Wirkung des Zufalls, oftmals als „Schmetterlings-Effekt“ bezeichnet, trägt aber alternativen Szenarien oftmals Kritik ein.

Dieser Effekt aus der Physik bedeutet, dass durch den Flügelschlag eines Schmetterlings Entwicklungen in der Atmosphäre angestoßen werden können, die auf einem anderen Kontinent einen Wirbelsturm auslösen.

Spiegelbildlich auf die Geschichte übertragen wäre durch die Vielzahl an möglichen kleinen Ereignissen quasi alles und nichts möglich.

Diese theoretische Vielfalt der Möglichkeit kann wiederum dazu führen, dass die Plausibilität solcher Szenarien nicht mehr nachvollziehbar ist.

Dennoch ist dieser Zufallsfaktor in der Geschichte ein nicht zu unterschätzendes Kriterium und daher für Alternative History wertvoll.

In der Militärgeschichte gibt es dafür sogar den Spezialbegriff „Friktionen“.

Damit bezeichnete der Militärtheoretiker Carl von Claussewitz das unvermeidliche Geschehen von kleinen Verzögerungen, Fehlern und Missverständnisse in Schlachten und Feldzügen.

Diese machen jede militärische Planung zur Makulatur und Gefechte unberechenbar.

Da „Friktionen“ immer ein realer Faktor in historischen Ereignissen waren, müssen entsprechend in Alternative History einfließen.

So gehört die Schlacht von Waterloo 1815 zu den häufigsten Ereignissen der Weltgeschichte, in denen „Friktionen“ im Chaos der verschiedenen Gefechte die Basis für alternative Entwicklungen bilden.

Gemälde der Schlacht von Waterloo
(Morphart Creation/Shutterstock)

Ein weiterer Faktor aus dem Bereich des Unwahrscheinlichen sind sogenannte „Wildcard-Ereignisse“.

Sie existieren in der Zukunftsforschung als „seltene und überraschende Ereignisse mit massiven Auswirkungen“.

Zwei Bedingungen müssen für ein solches „Wildcard-Ereignis“ erfüllt sein: niedrige Wahrscheinlichkeit des Eintretens und hoher Einfluss auf die Entwicklung der Gegenwart.

Ein aktuelles Beispiel wäre das Eintreten der weltweiten Corona-Pandemie.

Für Alternative History ist aber zu beachten, dass solche Wildcards zwar in der Vergangenheit schon aufgetreten sind, aber zuvor relativ unwahrscheinlich waren.

Sie sollten daher aus meiner Sicht nicht inflationär verwendet werden.

10. Wissenschaftliches Wunschdenken in der Alternative History

Ein mächtiger Faktor auch in der wissenschaftlichen Methodik von Alternative History stellt das Wunschdenken der Autoren dar.

Es muss daher vor einem Nutzen der Methodik mitgedacht werden.

Denn auch Historiker verstoßen gerne in diesem „Rausch der Spekulation“ (Richard J. Evans) gegen die eigentlich aufgestellten Bedingungen und unterminieren damit die Glaubwürdigkeit der Methodik.

Gefährlich, da extrem unwissenschaftlich, wird es vor allem, wenn Szenarien mit einer Art Deus ex machina zur Lösung eines bestimmten Dilemmas beginnen.

Zum Beispiel wird gerne eine geniale Einzelperson genutzt, um alle historischen Probleme zu lösen.

So bat 1979 der BBC-Moderator Daniel Snowman zehn Historiker Beiträge zum Thema „Wenn ich … gewesen wäre“ zu liefern.

Als Bedingung stellte er zwar, dass die Beiträge plausible Alternativen der Vergangenheit darstellen sollten.

Allerdings gerieten alle Autoren in die Falle des Wunschdenkens. Sie nutzten daher ihr Wissen, um den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu verhindern. Zudem krankte allein die Fragestellung an der Einstellung, dass „große Männer“ die Geschichte bestimmen.

Für Deutschland wird der kurzzeitig amtierende, liberal gesinnte Kaiser Friedrich III. häufig als Beispiel eines „großen Mannes“ genannt, der bei längerer Regierungszeit die deutsche Geschichte in Richtung eines liberalen Wunschdenkens entscheidend verändert hätte.

Porträt des Kaisers Friedrich III
(Oleg Golovnev/Shutterstock)

Der britische Historiker Richard J. Evans argumentiert daher leicht ironisch, dass der Erkenntnisgewinn von Alternative History eher darin liegt, dass die Leser viel mehr über die Überzeugungen und Hintergründe der wissenschaftlichen Autoren erfahren als bei normaler Geschichtswissenschaft.

Wunschdenken lässt sich aber auch bewusst für Alternative History nutzen.

So verwenden Zukunftsforscher gerne die Technik des „Backcastings“. Damit analysieren sie, wie die Gegenwart verlaufen müsste, um in der Zukunft ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen.

Ähnlich können Historiker auch bei Alternative History verfahren.

Zum Beispiel, indem sie fragen, wie der Erste Weltkrieg hätte verhindert werden können. Denn um die Frage zu beantworten, sind sie erst einmal gezwungen, umfassend nachzuforschen, aus welchen Gründen er ausgebrochen ist und welche Rolle das Attentat von Sarajevo zum Beispiel dabei spielte.

Verhaftung des Attentäters Gavrilo Princip kurz nach dem Mord an Erherzog Franz Ferdinand.
(Everett Historical/Shutterstock)

Alternative Geschichte kann so auch bewusst machen, wie unwahrscheinlich tatsächliche Ereignisse waren.

Als Beispiel dient der Zusammenbruch des Ostblocks und die Wiedervereinigung Deutschlands, die bis ins Jahr 1989 niemand vorausgesehen hatte.

Für den Publizisten Hans-Peter von Peschke ist das Befrieden von Wunschdenken sogar vollkommen in Ordnung, da viele Menschen genau aus diesem Grund solche Geschichten in der Literatur und deren verschiedenen Genres lesen wollen.

Im Vordergrund steht, sowohl in der Literatur als auch in der Wissenschaft, dass die Menschen durch Alternative History etwas über die Geschichte lernen.

Quellen und Literatur

  • Alexander Demandt: Es hätte auch anders kommen können. Wendepunkte deutscher Geschichte. Berlin 2015.
  • Johannes Dillinger: Uchronie. Ungeschehene Geschichte von der Antike bis zum Steampunk. Paderborn 2015.
  • Richard J. Evans: Veränderte Vergangenheiten. Über kontrafaktisches Erzählen in der Geschichte. München 2013.
  • Hans-Peter von Peschke: Was wäre wenn. Alternative Geschichte. Darmstadt 2016.

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