1. Was wäre gewesen, wenn?
  2. Alternative Vergangenheiten
  3. Struktur des Blogs
  4. Aktuelle Relevanz von Alternative History Szenarien
  5. Politische Dimension von alternativen Geschichten
  6. Fazit für den Blog

    Quellen und Literatur

1. Was wäre gewesen, wenn?

Seit Jahrhunderten beschäftigt Menschen die Frage, was sich verändern würde, wäre ein Ereignis in der Vergangenheit anders verlaufen. Der starke Reiz solcher „Was-wäre-wenn“-Fragen stammt sicherlich auch davon, dass sich jeder diese schon im eigenen Leben gestellt hat. Klassische Beispiele sind:

  • Was wäre gewesen, wenn ich mich in dieser oder jener Situation in meinem Leben anders verhalten hätte?
  • Was wäre gewesen, wenn ich manche Personen nie oder bei einer anderen Gelegenheit getroffen hätte?

Solche Gedanken gehören zur Analyse der Erfolge und Misserfolge im Leben eines jeden Menschen. Die vermeintliche Alternativlosigkeit der eigenen Gegenwart und Zukunft wird dabei durch einen hypothetischen Griff in die Vergangenheit ausgehebelt.

Diese Einordnung kann helfen, die eigene Situation realistischer einzuschätzen. Sie kann aber natürlich auch zu einer verzerrten Rückschau und einer entsprechend zu negativen oder positiven Interpretation der eigenen Vergangenheit führen. Insofern ist dieses Gedankenspiel auch mit Vorsicht zu genießen.

2. Alternative Vergangenheiten

Meiner Meinung nach verhält es sich mit der Analyse von alternativen Vergangenheiten in der Geschichte ähnlich. Ausgangspunkt ist in diesen Fällen ein historisches Ereignis oder eine Entscheidung in der Vergangenheit. Diese werden in der Wissenschaft und Literatur als Wende- oder Diversionspunkte bezeichnet.

Wichtig ist, dass bei der Entscheidung verschiedene Optionen möglich waren oder das Ereignis verschiedene Entwicklungen in der Zukunft auslösen konnte. Hier im Blog nenne ich sie Ankerpunkte, da solche Punkte quasi den Anker bilden, von dem aus sich die Szenarien wie ein Segelschiff in das unbekannte Gewässer einer alternativen Vergangenheit aufmachen.

Drei Pfiele, die von einem gemeinsamen Punkt abgehen.
Ausgehend von einem festgelegten Ankerpunkt sind verschiedene Abzweigungen der Geschichte möglich.
(Sasha Ka/Shutterstock)

Ausgehend von den Ankerpunkten spekuliert der jeweilige Urheber über eine veränderte, alternative Vergangenheit und deren Folgen. Zum Beispiel wird Adolf Hitler beim Attentat des 20. Julis 1944 nicht nur leicht verletzt, sondern stirbt an den Folgen des Bombenanschlags statt wie in der „realen“ Vergangenheit erst kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Spekulation wäre, wie sich ein früherer Tod Hitlers auf den weiten Verlauf des Krieges ausgewirkt hätte.

Der Fantasie sind dabei zuerst keine Grenzen gesetzt, denn solche alternativen Vergangenheiten sind nicht festgelegt. Da sie nicht geschehen sind, kann niemand mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit sagen, wie sie verlaufen könnten.

Nach meiner Erfahrung gibt es für jede Vergangenheit, die sich Menschen als bessere Utopie vorstellen können, genauso viele Möglichkeiten für schlechtere Entwicklungen in Form von Dystopien. So ist sowohl denkbar, dass die Nationalsozialisten 1933 nicht an die Macht gekommen wären, als auch dass sie 1945 den Zweiten Weltkrieg siegreich oder vergleichsweise unbeschadet überstanden hätten.

3. Struktur des Blogs

Um es konkreter zu machen, können sich Geschichtsinteressierte gerne folgende Fragen stellen, nach denen ich den Blog grob strukturiert habe:

  • Wo liegen Wende- oder Diversionspunkte in der Vergangenheit? Welche Ereignisse oder Entwicklungen leiten sie ein beziehungsweise beeinflussten sie?
    Dafür gibt es hier im Blog die Kategorie der „Historischen Hintergründe“.
  • Welche Ereignisse oder Entwicklungen ergaben sich aus möglichen Änderungen? Gibt es bestimmte Ereignisse auch unter anderen Ausgangsbedingungen?
    Für diese Art der halb wissenschaftlichen, halb literarischen Spekulation gibt es die Kategorie der „Imaginären Szenarien“.
  • Welche Spielräume hatten die einzelnen Akteure in diesen Entwicklungen überhaupt?
    Diese nun fast komplett literarisch geprägte Kategorie gibt es unter „Fiktive Geschichten“.

Mit diesen Fragen haben sich natürlich schon andere aus Wissenschaft und Literatur beschäftigt. Deren Antworten sind in diesem Blog in der Kategorie „Romane und Filme“ zu finden. Somit ist es das Ziel des Blogs, das Thema der Alternative History möglichst voll umfassend zu behandeln und einzuordnen.

4. Aktuelle Relevanz von Alternative History Szenarien

Aus meiner Sicht dienen alternative Geschichten und die dahinter stehenden Szenarien nicht nur einem literarischen Vergnügen oder der kreativeren Erforschung der Vergangenheit. Sie können, wenn sie wissenschaftlich fundiert sind, auch helfen, die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft entsprechend besser zu gestalten.

Entsprechend lassen sich die Fragen zu alternativen Vergangenheiten auch auf die Gegenwart beziehen:

  • Wo liegt im Moment das Potenzial für einen Wende- oder Diversionspunkt? Welche Ereignisse oder Entwicklungen leiten sie ein und beeinflussten sie in der Zukunft?
  • Welche Ereignisse oder Entwicklungen ergeben sich aus möglichen Änderungen der Wendepunkte? Gibt es bestimmte Entwicklungen auch unter anderen Ausgangsbedingungen?
  • Welche Spielräume haben die aktuellen Akteure in diesen Entwicklungen?

Damit gewinnt das Thema meiner Meinung nach eine viel größere Relevanz: Mit einer solchen Denkweise entwickelt sich eine „Was wäre wenn“-Frage nicht nur zu einer privaten Nabelschau der eigenen Vergangenheit oder einer literarischen Spekulation über Alternative Histories.

Diese Szenarien zeigen uns, dass die bisherige Entwicklung nie wirklich so alternativlos-erfolgreich oder alternativlos-negativ wie teilweise wahrgenommen war. Eine darauf aufbauende Szenarienanalyse folgert logischerweise, dass die aktuelle Gegenwart und die darauf aufbauende Zukunft ebenfalls nicht alternativlos-erfolgreich oder alternativlos-negativ sind.

5. Politische Dimension von alternativen Geschichten

Mit diesem Hintergrund gewinnt alternative Geschichte aus meiner Sicht eine politische Dimension: Die heutige Politikergeneration nimmt zwar gerne das Argument einer vermeintlichen Alternativlosigkeit, um eigene Ziele und Anliegen möglichst ohne große Diskussion und Veränderung durchzusetzen.

Wenn aber, wie ich bereits sagte, die Vergangenheit nie alternativlos war, sind es Gegenwart und Zukunft ebenfalls nicht. Daher muss sich auch die heutige Politik wieder mehr angewöhnen, in Alternativen zu denken.

Diese Dimension zeigt sich vor allem bei der Alternative History Literatur: Politisch eher linke Verfasser stellen alternative Gesellschaftsstrukturen und ökonomische Bedingungen in den Vordergrund. Konservative Autoren betonen dagegen die individuelle Entscheidungs- und Willensfreiheit von historischen Akteuren.

In der konservativen Auslegung spielt auch der Zufallsfaktor eine überragende Rolle, was solche Geschichten eher der Unterhaltung als der Wissenschaft zuordnet. Denn meiner Meinung nach hasst ein Wissenschaftler nichts so sehr, wie den Zufall.

Entsprechend werden in der (Geschichts-)Wissenschaft „Was-wäre-wenn“-Experimente selten als plausibles Mittel der Forschung angesehen und verwendet. Häufig erweisen sich leider auch als wissenschaftlich deklarierte Alternative Historys als rein spekulative Geschichtenerzählerei. Sie driften teilweise ins Lächerliche ab und beschädigen somit die Reputation der Methodik in der Geschichtswissenschaft immer wieder. Der Historiker Johannes Dillinger bezeichnet solche Werke halb ironisch als „Geschichtszirkus“.

Häufig stellt sich solche Literatur auch als reine politische Polemik heraus. So werden jeweils Rechnungen aus vergangenen Ereignissen oder aus nationalen Traumata, zum Beispiel Bürgerkriegen, geblichen.

Dies trifft zum Beispiel stark auf die spanische Alternative History Community zu. Deren häufigster Bezugspunkt stellt immer noch der Spanische Bürgerkrieg dar. Dieser prägt nicht nur durch seine Kriegszerstörungen, sondern auch durch seine anschließenden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Säuberungen und Verwerfungen Spanien bis auf den heutigen Tag.

Foto des zerstörten Madrids nach der Eroberung im Spanischen Bürgerkrieg
Die Zerstörungen des Spanischen Bürgerkriegs prägen das Land bis heute und bis in die Alternative History Literatur hinein. Foto des zerstörten Madrids nach der Eroberung durch Francos Putschisten. Ausgehend von einem Ankerpunkt sind verschiedene Abzweigungen möglich.
(Everett Collection/Shutterstock)

Das aus meiner Sicht krasseste Beispiel für eine solche politische Dimension stellt jedoch häufig die britische Literatur zum Thema dar: Deren Autoren schreiben zu gerne Geschichten, in denen der Katholizismus, der Sozialismus, die Nazis oder sonstige Entwicklungen vom europäischen Festland Großbritannien entweder bedrohen oder bereits unterworfen haben. Ungeschminkt tritt dabei häufig neben Nostalgie auf das verlorene Empire eine latente Feindseligkeit gegenüber Kontinentaleuropa und dessen Entwicklungen zutage.

6. Fazit für den Blog

In eine solche Richtung – einerseits objektiv wissenschaftlich ankündigen, andererseits hochpolitisch schreiben – sollen aber weder alternative Geschichten noch dieser Blog abdriften. Für beide gilt daher aus meiner Sicht ein alter Grundsatz der Geschichtswissenschaft noch stärker: Wer die Vergangenheit erforscht, beschreibt, analysiert und interpretiert, zeigt dabei mindestens soviel über die eigene Gegenwart wie über die Vergangenheit.

So sagt ein Ankerpunkt oder Diversionspunkt für eine alternative Vergangenheit aus, wo die Gegenwart die treibenden Kräfte der Geschichte vermutet. Nur wenn sich die Autoren, egal ob im Ankerpunkte Blog oder anderswo, dies bewusst machen, können sie gute Szenarien und Geschichten schreiben.

Quellen und Literatur

  • Johannes Dillinger: Uchronie. Ungeschehene Geschichte von der Antike bis zum Steampunk. Paderborn 2015.
  • Richard J. Evans: Veränderte Vergangenheiten. Über kontrafaktisches Erzählen in der Geschichte. München 2013.
  • Thomas Lindemann: Wenn Nazis siegen und die Schweiz Krieg führt. Alternative Geschichte, auf: welt.de (26.09.2008).
  • Hans-Peter von Peschke: Was wäre wenn. Alternative Geschichte. Darmstadt 2016.

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