Was wäre gewesen, wenn Adolf Hitler das Attentat am 20. Juli 1944 nicht überlebt hätte? Diese oft gestellte Frage verarbeitet Christian von Ditfurth in einen dichten Roman, in der die Welt und Deutschland nach einem anders geendeten Zweiten Weltkrieg vor entscheidenden Weichenstellungen stehen.

Ankerpunkt

Am 20. Juli 1944 kam es zum erfolgreichsten Attentatsversuch auf Adolf Hitler.

Eine Widerstandsgruppe um den Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg versuchte nicht nur den Führer des Dritten Reichs durch einen Sprengstoffanschlag zu ermorden. Gleichzeitig unternahmen sie mit der „Operation Walküre“ einen Putschversuch gegen das nationalsozialistische Regime.

Da Hitler das Attentat überlebte, scheiterte der Umsturz und die meisten Verschwörer wurden hingerichtet.

Bereits seit 1941 war Stauffenberg überzeugt, dass nur eine Beseitigung Hitlers und ein darauf folgender Friedensschluss den Zweiten Weltkrieg noch zu einem günstigen Ende für das deutsche Volk bringen könnten. A

ber erst im Mai 1943, nachdem er von einer schweren Kriegsverletzung geheilt war, trat er über seinen Posten beim Allgemeinen Heeresamt mit weiteren Verschwörern in Kontakt.

Diese Institution war auch für einen Putsch notwendig, da es als einzige Macht im Dritten Reich nicht dem nationalsozialistischen Regime direkt unterstellt war.

Es verfügte aber über Zugriff auf knapp zwei Millionen Soldaten, die im sogenannten Ersatzheer dienten, und im Falle von Aufständen eingesetzt werden sollten. Die Soldaten aus zum Beispiel Wachtrupps und Verwaltungseinheiten waren die einzige Möglichkeit, einen Staatsstreich im Deutschen Reich militärisch abzusichern.

Frontverlauf des Zweiten Weltkrieges in den Jahren 1944 und 1945
Diese Karte der Jahre 1944 und 1945 zeigt in etwa den Stand auch im Juli 1944. Die beiden am hellsten erscheinenden Rotschattierungen zeigen, dass damals noch ein Großteil Europas durch das Dritte Reich besetzt war.
(Wikimedia Autor: San Jose)

Doch die Verschwörergruppe um Stauffenberg, Oberst Henning von Tresckow und den ehemaligen General Ludwig Beck musste ständig eine Aufdeckung durch die Gestapo und nationalsozialistische Offiziere fürchten.

Dennoch gelang es ihnen, ein weit verzweigtes Netzwerk von über 200 Beteiligten aus verschiedenen Gesellschaftsschichten aufzubauen, die Pläne für den Einsatz des Einsatzheeres unter dem Codenamen „Operation Walküre“ für einen Staatsstreich zu ändern und sogar eine Liste für eine zivile Nachkriegsregierung unter dem ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler auszuarbeiten.

Doch mit ihren Plänen gingen die Verschwörer ein hohes Risiko ein: Im Juli 1944 stand trotz der sich abzeichnenden Niederlage eine Mehrheit der Bevölkerung und der Soldaten hinter dem nationalsozialistischen Regime. Die Alliierten forderten weiterhin die bedingungslose Kapitulation, was für die meisten der Verschwörer unannehmbar war.

Auch löschte eine mögliche Ermordung Hitlers nicht die restlichen Machtblöcke des Dritten Reiches, wie die SS, aus, die kein Interesse an einer Rückkehr zu Demokratie und Rechtsstaat hatten.

Zuletzt bot sich nur noch die Möglichkeit, dass Stauffenberg selbst sowohl das Attentat auf Hitler in dessen ostpreußischem Hauptquartier Wolfsschanze ausführte, als auch den Putsch selbst koordinierte.

Als beides schließlich am 20. Juli 1944 startete, gingen mehrere Dinge schief: Bei der Vorbereitung der Bombe unterbrochen, konnte Stauffenberg nur die Hälfte des Sprengstoffs scharf machen. Ein schwerer Eichentisch, über den sich Hitler gerade mit seinem kompletten Oberkörper lehnte, absorbierte einen Großteil der Sprengkraft. Die Bombe explodierte zwar, aber Hitler überlebte nur leicht verletzt.

Es gelang den Verschwörern auch nicht, die Kommunikationsverbindungen zwischen der Wolfsschanze und der Außenwelt zu unterbinden. Der Einsatz des Einsatzheeres scheiterte bereits in Ansätzen, da die Meldungen von Hitlers Überleben und die Gegenbefehle zu „Operation Walküre“ schneller kommuniziert wurden.

Stattdessen schlugen regimetreue Kräfte den Staatsstreich bereits am selben Tag nieder: Stauffenberg und mehrere seiner Mitverschwörer wurden sofort erschossen.

Andere Mitglieder des Netzwerkes begingen Selbstmord oder wurden nach Verhaftung und Schauprozessen bis Kriegsende hingerichtet. Selbst nicht in das Attentat eingeweihte Verwandte und Kinder nahm das Regime in Sippenhaft.

Noch weit nach Kriegsende galten die Verschwörer in Deutschland als Verräter. Dies begann sich erst langsam ab Mitte der 1950er Jahre zu ändern.

Inhalt

1953 stirbt mit Josef Stalin der Diktator der Sowjetunion. Da diese eine der drei Supermächte darstellt, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Kalten Krieg gegeneinander stehen, führt dies zu zahlreichen Kämpfen um eine neue Balance auf der Welt. Neben der UdSSR und den USA hat vor allem das Deutsche Reich seine Vormacht über Europa ausgebaut und sieht diese von den anderen bedroht.

In dieser angespannten Lage kontaktieren zwei CIA-Agenten den ehemaligen SS-Angehörigen Knut Werdin, der inzwischen in New Mexico lebt. Dieser hatte bereits 1944 eine entscheidende Rolle gespielt und soll es 1953 nochmals durch eine Reise in das Deutsche Reich tun.

Buchcover von "Der 21. Juli" mit den Symbolen der drei Supermächte dieser Alternativwelt.
Die drei Supermächte in „Der 21. Juli“.
(Eigenes Foto)

Zurück im Jahr 1944: Der SS-Mann Knut Werdin agiert nicht nur durch seine Tätigkeit für die SS, sondern auch durch seine Rolle als Doppelagent immer an Rande des Todes.

Gleichzeitig gerät er immer mehr in den Kreis der Verschwörer des 20. Julis um Stauffenberg. Hier verfolgt die SS eine eigene Strategie, in der Werdin immer mehr zum Bauernopfer verschiedener Seiten wird.

Dieses Spiel endet auch nicht, nachdem das Attentat auf Adolf Hitler glückt. Am 21. Juli 1944 tritt zwar eine Regierung der „Nationalen Versöhnung“ aus den Verschwörern und der SS an und am 6. Mai 1945 gelingt dem Deutschen Reich ein Atomschlag auf Minsk, der dem Zweiten Weltkrieg nochmals eine überraschende Wendung gibt.

Doch genau in diesem Moment steht das Leben von Werdin auf Messers Schneide.

Zurück im Jahr 1953 und im Deutschen Reich muss sich der ehemalige SS-Angehörige in einem Land zurechtfinden, das mit seiner Identität ringt.

Einerseits ist es den Verschwörern des 20. Julis mit Reichskanzler Goerderler und Generalstabschef Stauffenberg gelungen, ihre Machtposition zu halten. Andererseits genießt die SS unter Heinrich Himmler durch den erfolgreichen Bau der Atombombe großen Respekt, den sie im Machtkampf bisher nutzen konnte.

Vor diesem Hintergrund versucht Werdin seine Mission zu erfüllen, auch wenn ihm selbst unklar ist, was deren eigentliches Ziel ist.

Rezension

Christian von Ditfurt hat mit „Der 21. Juli“ einen spannenden Alternative History Roman rund um ein gelungenes Attentat auf Adolf Hitler geschrieben.

Er beschrieb nicht nur seinen Hauptcharakter und dessen Umfeld sehr tief und keineswegs schwarz-weiß. Knut Werdin ist ein SS-Mann mit vielen Schattierungen und seinen eigenen Geheimnissen, die ihn jederzeit im Dritten Reich des Jahres 1944 das Leben kosten können. Dennoch lässt er sich sowohl auf eine Romanze ein als auch auf das gefährliche Spiel mit der SS und den Verschwörern des 21. Julis.

Vor allem der Mittelteil, der diese Zeit behandelt, war sehr spannend geschrieben und es blieb fast bis zum Schluss unklar, wie und warum Werdin nach New Mexico gelangt ist.

Auch baute Christian von Ditfurt zahlreiche historische Persönlichkeiten ein, sowohl bei den Verschwörern als auch bei der SS und anderen involvierten Gruppierungen.

Dadurch, dass diese Charaktere nicht nur angerissen wurden, sondern auch teilweise sehr breiten Raum einnahmen, gewann der Alternativ History Roman sehr viel historische Tiefe. Zusätzlich gewinnt der Roman durch das Zusammenspiel der unterschiedlichen Personen an Spannung und Dichte.

Die Welt des Jahres 1944 und 1953 schilderte Ditfurt aber nicht nur aus der Sicht von Knut Werdin, sondern auch aus Sicht der SS und des sowjetischen Geheimdienstes. Dabei schaffte er es sehr gut, die verschiedenen Ziele und Sichtweisen der Protagonisten, die um die Vorherrschaft im Deutschen Reich, Europa und der Welt ringen, glaubwürdig zu zeigen.

Auch baute er das Deutschland im fiktiven 1953 sehr detailliert auf und schuf damit eine glaubwürdige Alternativwelt. Dabei blieb die Spannungskurve bei der Reise von Werdin hoch und der Ausgang der Geschichte war durchaus überraschend.

Insgesamt gesagt, war „Der 21. Juli“ ein sehr gelungener Alternativ History Roman. Sehr kreativ fand ich die zeitliche Einteilung, bei der Ditfurt im Jahr 1953 startete, bevor er im Mittelteil auf die Ereignisse des Jahres 1944 einging, um dann wieder zu 1953 zurückzukehren. Nicht nur wegen der detaillierten Alternativwelt, sondern auch wegen der differenzierten Charaktere und der spannenden Handlung empfehle ihn gerne weiter.

Quellen und Literatur

  • Christian von Ditfurt: Der 21. Juli. München 2001.

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