Anfang der 1980er Jahre stand die Welt am Abgrund des „Kalten Krieges“. Doch im Jahr 2010 stellt sich heraus, dass der Atomkrieg näher war als gedacht.

Ankerpunkt

Die Blöcke Anfang der 1980er Jahre

Anfang der 1980er Jahre stand die Welt am Rande eines Nuklearkrieges.

Zwar war sie vor allem in Europa bereits seit Ende des Zweiten Weltkriegs in die zwei Blöcke der USA-geführten, westlichen NATO (auf der Karte in blau) sowie den von der UdSSR angeführten östlichen „Warschauer Pakt“ (rot) geteilt.

Karte von Europa im Kalten Krieg
(Borhax/Shutterstock)

In dieser Zeit verschärfte sich der Konflikt aber ein letztes Mal entscheidend.

In den USA war 1980 mit Ronald Reagan ein konservativer Hardliner Präsident geworden, der die UdSSR nicht nur als Gegner im „Kalten Krieg“ sah.

Für ihn war sie das „Reich des Bösen“, das mit allen Mitteln zu bekämpfen und zu besiegen war.

Daher startete er eine gigantische Aufrüstung des US-Militärs, um die UdSSR in einem möglichen Krieg schlagen zu können.

Im Frieden sollte die US-Dominanz gezeigt und die Sowjetunion quasi „tot gerüstet“ werden.

In Westdeutschland war dieser Kurs mehr als umstritten. 1982 brach zum Beispiel die sozial-liberale Koalition des Kanzlers Helmut Schmidt an der Frage des „NATO-Doppelbeschlusses“ auseinander.

Der NATO-Doppelbeschluss

Dieser sah vor, dass die UdSSR die Aufforderung bekommen sollte, ihre atomar bestückten Mittelstreckenraketen abzurüsten.

Denn diese bedrohten zwar Westeuropa, aber nicht die USA.

Daher fürchteten die westeuropäischen NATO-Länder ein Auseinanderbrechen des Militärbündnisses, falls die Sowjetunion mit einem Einsatz der Raketen drohen würde.

Sollte die UdSSR nicht auf diese Aufforderung eingehen, sah der „Doppelbeschluss“ vor, in Westeuropa US-amerikanische Mittelstreckenraketen als Gegenstück zum sowjetischen Arsenal zu installieren.

Diese Konfrontation sorgte vor allem in der westdeutschen Bevölkerung für enorme Ängste vor einem Atomkrieg. Anfang der 1980er Jahre kam es daher zu zahlreichen Friedensdemonstrationen mit hunderttausenden Teilnehmern.

1983 gewann aber die nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition an die Macht gekommene konservative Regierung unter Helmut Kohl die Bundestagswahl, die im Vorfeld teilweise als Referendum über den „Doppelbeschluss“ gegolten hatte.

Die neue Regierung konnte den Beschluss daher Ende des Jahres endgültig durchsetzen.

Die marode Sowjetunion

Die UdSSR war seit Ende der 1970er Jahre vom Kurs der Entspannung abgewichen.

1979 war sie mit Truppen der „Roten Armee“ in das benachbarte Afghanistan einmarschiert, um dort ein kommunistisches Regime zu unterstützen.

Auch die Stationierung der atomar bestückten Mittelstreckenraketen galt als Provokation für die NATO.

Eine These war, dass die Sowjetunion mit diesem Kurs der außenpolitischen Härte von der eigenen maroden Lage ablenken wollte.

Kommunistische rote Fahne mit Hammer und Sichel
(All themes/Shutterstock)

Nicht nur wirtschaftlich befand sich die Supermacht Anfang der 1980er Jahre in einer immer größeren Krise. Auch gesellschaftlich und politisch stagnierte das repressive Regime immer mehr.

Symbol dafür war das überalterte Zentralkomitee der herrschenden kommunistischen Partei, das nach dem Tod des langjährigen Generalsekretärs Leonid Breschnew zunächst nur zwei altgediente Funktionäre zu Nachfolgern wählte.

So folgten auf den 76-jährigen Breschnew der 70-jährige Yuri Andropow und nach dessen Tod 1984 der 72-jährige Konstantin Tschernenko.

Während der ehemalige KGB-Chef Andropow noch als vergleichsweise energischer und intellektueller Anführer gegolten hatte, war Tschernenko ein Symbol des Stillstands.

Da Breschnew in den letzten Jahren seiner Amtszeit unter schweren gesundheitlichen Problemen gelitten hatte und seine beiden Nachfolger ebenfalls aufgrund mehrerer Krankheiten schnell verstarben, galt die kommunistische Partei und ihr System insgesamt als veraltet sowie im Niedergang.

Passend fasste der Journalist Wolfram Neidhard diese Lage zusammen:

Spötter regten kurz vor Gorbatschows Machtübernahme im März 1985 an, den UN-Sitz von New York nach Moskau zu verlegen, weil sich die Spitzenpolitiker der Welt dort ohnehin jedes Jahr zum Begräbnis treffen würden.

Wolfram Neidhard

Die Welt am Abgrund

Insgesamt führte die Situation in beiden Blöcken des „Kalten Krieges“ zu einer höchst angespannten Lage.

Beide Seiten standen sich wieder feindselig gegenüber und verfügten über das Potenzial, die Erde in einem Atomkrieg mehrfach zu vernichten.

Als Symbol galten die gegenseitigen Boykotte der Olympischen Spiele in Moskau 1980 und in Los Angeles 1984.

Mehrfach stand die Welt in dieser Zeit tatsächlich auch am Rande eines Atomkrieges. Daher blühte auch das Genre der Dystopie, dessen Geschichten in vom Atomkrieg verwüsteten Städten stattfanden.

Grafik einer zerstörten Stadt
(SugaBom86/Shutterstock)

Im November 1983 interpretierte die UdSSR beispielsweise das NATO-Manöver „Able Archer 83“ als Vorbereitung für einen Angriff auf das eigene Land.

Im September 1983 hatte nur das besonnene Verhalten des Offiziers Stanislaw Petrow im sowjetischen Frühwarnsystem einen Atomkrieg verhindert.

Denn er interpretierte einen angeblichen Abschluss von einzelnen US-amerikanischen Atomwaffen korrekt als technischen Fehler.

Ansonsten wäre die Wahrscheinlichkeit sehr hoch gewesen, dass angesichts der kurzen Zeiten für eine Entscheidung die sowjetische Führung bei einer Angriffsmeldung einen sofortigen Gegenschlag befohlen hätte.

Die Lage entspannte sich erst mit der Wahl des mit 54 Jahren vergleichsweise jungen Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der kommunistischen Partei in der UdSSR.

Er setzte mit Reagan gemeinsam erfolgreich auf Kommunikation zwischen den Blöcken, Entspannungspolitik und Abrüstungsverträge.

Daher geriet die Welt seitdem nie mehr in so große Gefahr eines Atomkriegs wie Anfang der 1980er Jahre.

Inhalt

In „Das Moskau-Spiel“ verschachtelt Christian von Ditfurth mehrere Handlungsstränge ineinander: einerseits im Jahr 2010, andererseits im „Kalten Krieg“ Anfang der 1980er Jahre.

Cover des Romans "Das Moskau-Spiel"
(Eigenes Bild)

Der Mord im Jahr 2010

Die Handlung beginnt 2010 mit einem Auftrag an den jungen Agenten des „Bundesnachrichtendienst“ (BND) Theo Martenthaler.

In Moskau starb mit Georg Scheffer einer der fähigsten BND-Mitarbeiter.

Doch der angebliche Verkehrsunfall warf so viele Fragen auf, dass der Geheimdienst dem nachgehen möchte.

Da sein Vater, Henri Martenthaler, mit Scheffer schon einmal für den BND in den 1980er Jahren in Moskau zusammengearbeitet hat, befragt Theo auch diesen.

Schnell stellt der junge Agent, dessen Verhältnis zum Vater zwischen Ablehnung und Nachahmung schwankt, fest, dass dieser mehr als nur ein Geheimnis verbirgt.

Doch seine ersten Nachforschungen in Moskau bestätigen zwar die Verdächtigungen.

Sie scheitern aber schnell und enden für Theo blamabel.

Gedemütigt und von Alkoholproblemen geplagt, entschließt sich Theo, noch einmal auf eigene Faust nach Moskau zu reisen und zu ermitteln.

Dabei stößt er zunächst auf keine Lösung seines Falls.

Dafür aber auf ein viel größeres Geheimnis aus der Zeit des „Kalten Krieges“.

Ein Geheimnis, das sowohl der russische Geheimdienst als auch sein Vater mit allen Kräften verbergen wollen.

Das Moskau-Spiel in den 1980ern

Im zweiten Handlungsstrang folgt „Das Moskau-Spiel“ dem jungen BND-Agenten Henri Martenthaler, der Anfang der 1980er Jahre nach Moskau versetzt wird.

Er übernimmt den Posten des BND-Residenten an der Botschaft, der im Geheimdienst zwar als prestigeträchtig gilt.

Er hat es aber mit dem sowjetischen Geheimdienst, dem legendären KGB, mit einem Gegner zu tun, der nicht nur über viel größere Ressourcen verfügt, sondern auch mit allen Wassern gewaschen ist.

Gleichzeitig eskaliert der „Kalte Krieg“ immer mehr und läuft Gefahr in einen heißen Konflikt überzugehen.

Während der Westen rhetorisch und militärisch immer weiter aufrüstet, fühlt sich die kriselnde UdSSR immer mehr in die Ecke gedrängt.

So arbeitet Henri Martenthaler nicht nur gegen den aggressiv auftretenden KGB, sondern auch gegen nicht minder gefährlichen CIA-Agenten Craig Mavick.

Letzterer fordert vor allem Informationen, mit denen er hofft, einen Krieg gegen die UdSSR gewinnen zu können.

Als dritter Handlungsstrang von „Das Moskau-Spiel“ folgt der Roman dem Agenten Kasimir Jewgonowitsch Eblow, der in den 1980er Jahren für den KGB arbeitet und 2010 zum General des russischen Geheimdienstes aufgestiegen ist.

In den 1980er Jahren sieht er es nicht nur als seine Aufgabe, feindliche Agenten in Moskau dingfest zu machen, sondern auch die marode Sowjetunion zu beschützen.

Als er davon erfährt, dass nur die Befehlsverweigerung von Stanislaw Petrow einen Atomkrieg verhindert hat, wachsen seine Zweifel an der derzeitigen Ausgestaltung des kommunistischen Systems.

Danach bleibt er dem KGB und der Sowjetunion weiter treu, wandelt sich aber zu einem Gegner des stagnierenden Kurses der kommunistischen Führung.

Als jedoch mit dem Generalsekretär Andropow seine Hoffnung auf einen Kurswechsel stirbt und mit Konstantin Tschernenko ein Verfechter der Stagnation gewählt wird, sieht er sich zu drastischen Maßnahmen gezwungen.

Maßnahmen, zu deren Umsetzung er die Hilfe von Henri Martenthaler braucht.

Maßnahmen, die auch 2010 noch im Dunkeln bleiben müssen.

Rezension

Stärke: Charaktere und Moskau

„Das Moskau-Spiel“ stellt im Vergleich zu anderen Romanen des Autors Christian von Ditfurth keine „Alternative History“ dar.

Denn an der für die breite Öffentlichkeit bekannten, „realen“ Geschichte ändert sich nichts.

Nur an der Geheimdienstfront spielt Christian von Ditfurth ein „Was wäre wenn“-Szenario durch.

Hier versuchen Agenten verschiedener Seiten, der Geschichte eine Wendung zu geben.

Dazu spielt er zwei Stärken aus.

Erstens ist „Das Moskau-Spiel“ spannend geschrieben. Die ständigen Wendungen in den verschiedenen Handlungssträngen sorgen für große Lust auf das jeweils nächste Kapitel.

Zweitens beschreibt er sowohl das Moskau der 1980er Jahre als auch des Jahres 20210 sehr detailreich und lässt den Leser daher schnell in die Handlung eintauchen.

Manchmal und vor allem am Anfang ist der Roman allerdings etwas verwirrend, da Christian von Ditfurth zwischen mehreren Zeitebenen in einem Kapitel springt.

Auch bei seinen Charakteren bleibt sich der Autor treu.

Erneut ist der Hauptcharakter ein Einzelgänger, der wie im klassischen „Film noir“ auf sich gestellt in feindseliger Umgebung agiert – und wegen einer Frau seine professionelle Erfahrung vergisst und in Schwierigkeiten kommt.

Dieses Mal übertreibt es Christian von Ditfurth aus meiner Sicht aber auch mit einzelnen Charakteren, die nicht nur mental gebrochen agieren, sondern auch überzeichnet wirken.

So wird der CIA-Mann Craig Mavick als 1:1-Karikatur des neokonservativen Reagan-Anhängers und arroganten Neureichen beschrieben.

Schwäche: Alternative History

Vor dem Hintergrund der „Alternative History“ ist „Das Moskau-Spiel“ natürlich unrealistisch, vor allem, was den Höhepunkt der Handlung in den 1980er Jahren und das folgende Leben der Charaktere aus dieser Zeit angeht.

Auch das Bild von Tschernenko hat nichts mit der Realität zu tun, sondern dient als Vorlage für die „Alternative History“-Handlung.

Apropos Handlung: Deren Beschreibung im Klappentext stimmt nicht mit dem Inhalt im Roman überein.

Mein Fazit daher: „Das Moskau-Spiel“ ist aus Sicht der reinen Handlung sehr gut geschrieben und empfehlenswert, aus Sicht der reinen Alternative History nicht.

Bei diesem Thema empfehle ich eher die Werke „Das Luxemburg-Komplott“, „Der Consul“ oder „Der 21.Juli“.

Quellen und Literatur

  • Christian von Ditfurth: Das Moskau-Spiel. Köln 2010.

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann teile ihn gerne mit anderen!