Nach dem Zweiten Weltkrieg setzen die USA den Morgenthau-Plan konsequent um. 1962 reist der britische Geheimagent Tubber daher in ein immer noch zerstörtes Deutschland. Und ein gefährliches, wie er bald feststellt.

Ankerpunkt

Der Morgenthau-Plan

Als der Zweite Weltkrieg in den letzten Zügen lag, planten die Alliierten die gemeinsame Nachkriegszeit. Denn lange hatten die einzelnen Staaten der Anti-Hitler-Koalition unterschiedliche Vorstellungen.

In den USA bildete sich um den Finanzminister Henry Morgenthau eine Fraktion, die eine weitgehende Deindustrialisierung und politische Aufteilung des Deutschen Reiches forderte.

Als Reaktion auf eher milde Nachkriegskonzepte des Kriegs- und Außenministeriums verfasste Morgenthau einen nach ihm benannten Plan und brachte diesen ins Kabinett ein.

Darin forderte er die totale Deindustrialisierung des Deutschen Reiches und dessen Aufteilung in mehrere Staaten.

Präsident Franklin D. Roosevelt (siehe Bild), der dem Plan seines Freundes Morgenthau zuerst positiv gegenüber stand, entzog ihm aber die Unterstützung nach Protesten in der US-amerikanischen Öffentlichkeit.

Außenansicht des Franklin Delano Roosevelt Memorial in Washington DC
(Vacclav/Shutterstock)

Auch Argumente, dass ein zerstückeltes und deindustrialisiertes Deutschland dauerhaft instabil, wirtschaftlich verelendet und damit politisch wieder gefährlich werden könnte, sorgen für ein Ende des Morgenthau-Plans.

So blieb auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 zwischen US-Präsident Roosevelt, dem britischen Premierminister Winston Churchill und dem sowjetischen Diktator Josef Stalin Deutschland als einheitlicher politischer und wirtschaftlicher Raum erhalten.

Nur die Franzosen, die nicht an der Konferenz beteiligt waren, hielten noch etwas länger an Teilungsplänen fest.

Die Stunde Null

Als „Stunde Null“ gilt in der deutschen Geschichte die unmittelbare Nachkriegszeit, die auf die Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 folgte.

Zwar waren damit die Kämpfe beendet.

Aber die Folgen von sechs Jahren Krieg an Menschen und Ländern waren jetzt umso mehr sichtbar.

So waren viele Städte in Deutschland und Europa nicht nur bei den unmittelbaren Kampfhandlungen zerstört worden, sondern auch durch zahlreiche Luftangriffe zwischen 1939 und 1945.

Die vier Siegermächte USA, UdSSR, Großbritannien und Frankreich übernahmen die Kontrolle über ihre jeweiligen Besatzungszonen (siehe Karte), während andere Teile des Deutschen Reiches direkt an Polen und die Sowjetunion gingen.

Karte der vier Besatzungszonen in Deutschland
(Wikimedia-Autor: glglgl)

Im zerstörten Land lebten Millionen Menschen im Elend und Hunger, ohne Wohnung, regelmäßige Versorgung mit Nahrungsmitteln oder Medikamenten.

Ebenso viele waren durch den Krieg und die Verbrechen traumatisiert sowie körperlich und mental erschöpft. Überall suchen Vertriebene, Ausgebombte oder „Displaced Persons“, also ehemalige Gefangene der Nationalsozialisten, nach einer Existenz.

In Erzählungen der damaligen Zeit ging es häufig um „Hamsterfahrten“, bei denen Stadtbewohner auf dem Land wertvolle Gegenstände gegen Lebensmittel eintauschten. Viele Dinge des täglichen Bedarfs konnten die Deutschen zeitweilig nur auf dem Schwarzmarkt oder durch Schmuggel erwerben.

Auch die „Enttrümmerung“ der ausgebombten Städte kam nur langsam voran. Vielerorts verpflichteten die alliierten Militärverwaltungen zum Beispiel ehemalige nationalsozialistische Funktionäre zu Räumaktionen.

Doch das Elend beschränkte sich nicht nur auf Deutschland. Auch im restlichen Europa sowie bei den Siegermächten Frankreich, Großbritannien und UdSSR waren weite Landstriche zerstört und die Bevölkerung vom Krieg hart getroffen.

So galten die Olympischen Spiele 1948 in London wegen der zeitgleichen Beseitigung der Kriegszerstörungen, der nach wie vor bestehenden Rationierung von Lebensmitteln und ihrer bescheidenen, häufig improvisierten Ausführung als „Austerity Games“, die Spiele der Entbehrungen.

Der eigennützige Aufschwung

Doch vor allem mit Hilfe der Alliierten in den britischen und US-amerikanischen Zonen kam das soziale und wirtschaftliche Leben wieder in Gang. Zum Beispiel sorgten britische Offiziere 1945 für die erste Produktion des später legendären „VW-Käfers“.

Neben dem Willen der Alliierten, Deutschland nicht dauerhaft versorgen zu wollen, sorgte vor allem der beginnende „Kalte Krieg“ im westlichen Europa für einen Aufschwung.

Denn damals teilten sich Europa und Deutschland bis 1990 in zwei Blöcke (siehe Karte).

Karte von Europa im Kalten Krieg
(Borhax/Shutterstock)

Um den sowjetischen Einfluss einzudämmen und die Überlegenheit des eigenen demokratisch-kapitalistischen Systems zu beweisen, beschlossen die USA mit dem „Marshallplan“ milliardenstarke Entwicklungshilfe. Und forcierten gleichzeitig die westeuropäische wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit.

Damit und mit immer größeren Lockerungen für die besiegten Deutschen in ihren jeweiligen Besatzungszonen schufen die westlichen Alliierten die Basis für das „Wirtschaftswunder“ der 1950er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland.

Inhalt

Die endlose Stunde Null

In „Im Jahre Ragnarök“ findet dieser Nachkriegsaufschwung nie statt.

Nachdem Stalin im Februar 1945 unerwartet an einer Grippe gestorben war, hatte die „Rote Armee“ ihre Offensive gegen das Dritte Reich eingestellt. Stattdessen hatte sich die UdSSR im folgenden langjährigen Bürgerkrieg selbst zerstört.

17 Jahre später ist das ehemalige Deutsche Reich in die „Föderation Deutscher Länder“ aus der britischen sowie amerikanischen Besatzungszone sowie die französisch gestützte „Rheinische Republik“ geteilt.

Nach dem „zweiten Morgenthau-Plan“ ist die Föderation eine in 28 Einzelländer aufgespaltene Hülle, die nach der strikten Deindustrialisierung weiter in Zerstörung und Elend des Zweiten Weltkriegs (siehe Bild) versinkt.

Foto von Ruinen in Dresden
(Rostislav Glinsky/Shutterstock)

Denn 1949 war J. Edgar Hoover durch den Tod des Präsidenten Charles Lindbergh in das höchste Amt der USA aufgestiegen und hatte die Besatzungspolitik nochmals verschärft.

Zudem führte eine verheerende Grippewelle in den 1950er Jahren zu vielen entvölkerten Landstrichen. Auch die massenhafte Behandlung mit Elektroschocks zum Ausmerzen der nationalsozialistischen Ideologie sorgte für tausende Tote.

Aber auch Großbritannien hat den Krieg nicht gut überstanden: Ebenfalls von Armut gekennzeichnet existiert das Empire samt Kolonien nur durch die Hilfe der USA.

Aus Sparsamkeitsgründen wurden alle britischen Geheimdienste zusammengefasst und sind häufig nur mit der Unterdrückung von Aktionen gegen die in der Bevölkerung verhassten US-Amerikaner beschäftigt.

Deutschland im Jahr 1962

Vor diesem Hintergrund reist der erfolglose britische Geheimagent John Tubber 1962 nach Hamburg. Er soll in der britischen Zone der „Föderation deutscher Länder“ einem Mord sowie einem möglichen Kunstraub nachgehen.

Gemeinsam mit dem deutschen Kommissar Günter Dünnbrot reist Tubber nach Kassel weiter, um seinen Fall zu klären.

Doch die Ereignisse verkomplizieren sich schnell: Denn der Tote handelte mit wertvollen Kunststücken, für die sich auch die US-Amerikaner und ihre Geheimdienste interessieren.

Gleichzeitig plagen Tubber immer mehr Kopfschmerzen und Tagträume, in denen er Bilder aus der Vergangenheit der Orte sieht, die er in Deutschland bei seinen Ermittlungen besucht.

Noch verwirrender wird die Sache, als Tubber bei seinen Ermittlungen ein Treffen zwischen einem korrupten US-Offizier und dessen Schwarzmarktkontakten beobachtet. Denn der Schwarzmarkthändler ist der Tote aus Kassel.

Erschwerend hinzukommt seine Neigung, einmal festgelegte Pläne und Ziele mit Scheuklappen bis zum bitteren Ende durchzusetzen.

Eine Neigung, die ihn immer wieder zu halsbrecherischen Aktionen verführt, die ihn den Kopf kosten können. Zum Beispiel in der verbotenen Zone um die Festung Königsstein bei Dresden (siehe Bild).

Foto des Königsstein
(LianeM/Shutterstock)

Und vor allem, als sich eine dieser Ahnungen als wahr herstellt.

Rezension

Unklare Ankerpunkte

„Im Jahre Ragnarök“ führt Oliver Henkel in eine dystopische Nachkriegszeit ein.

Diese resultiert aus zwei Ankerpunkten.

Zuerst der Tod Stalins im Zweiten Weltkrieg. Statt wie in der realen Geschichte am 5. März 1953 stirbt er in dieser Alternativwelt im Februar 1945 an einer Grippe.

Ironisch bemerkt die Hauptfigur des Romans, dass einer der mächtigsten Männer der Welt durch eine der unscheinbarsten Organismen ausgeschaltet wurde.

Allerdings ist bei diesem Szenario fraglich, ob die UdSSR tatsächlich so stark auf Stalin fixiert waren, um mitsamt des kommunistischen Apparats binnen weniger Monate zu zerfallen.

Der zweite Wendepunkt ist, dass das Duo aus Charles Lindbergh und J. Edgar Hoover die US-Präsidentschaftswahl 1948 gewinnt.

Dies erscheint mir sehr unrealistisch, da Lindbergh bereits im Zweiten Weltkrieg politisch ausgeschaltet war und der jahrzehntelange FBI-Chef J. Egdar Hoover gerne mit dem angeblichen Zitat beschrieben wird, dass es ihm egal sei, wer unter ihm Präsident wäre.

Realistische historische Persönlichkeiten

Eine große Stärke von „Im Jahre Ragnarök“ ist dagegen das Spiel mit „realen“ historischen Persönlichkeiten.

Wie in „Kaisertag“ schafft es Oliver Henkel, diese sehr realistisch und unterhaltsam in den Roman einzubauen.

Vor allem die sehr lebendige Schilderung des US-Generals George Patton sticht hier hervor: Dieser war in der Realität tatsächlich cholerisch, selbstbewusst bis zur Arroganz und in seiner Rhetorik ehrlich, markig und gegenüber Personen, die er nicht schätze, unverschämt.

Daneben gibt es kleinere Auftritte des Trash-Regisseurs Edward D. Wood jr., des Schriftstellers Jack Kerouac und des Sängers Buddy Holly.

Realistisch sind auch die Versuche, den Deutschen mit Hilfe von Elektroschocks den Nationalsozialismus auszutreiben: Denn der in „Im Jahre Ragnarök“ erwähnte Dr. Cameron war tatsächlich in den 1950er Jahren an mehreren Experimenten der CIA zur Bewusstseinskontrolle beteiligt. Dabei favorisierte er den starken Einsatz von Elektroschocks zur Verhaltensänderung.

Auch der Polizeistaat, den Präsident Hoover in den USA im Roman aufbaut, erscheint mir nah an der Realität. Als Chef des FBI galt Hoover nicht nur als akribischer und oftmals verschiedene Gesetze brechender Schnüffler aller Aktivitäten, die er persönlich für anti-amerikanisch hielt.

Im Jahr 1950 wollte er sogar ohne Gerichtsverhandlung tausende vermeintliche Gegner der USA verhaften und ohne Rechtsschutz einsperren lassen.

Gute Geschichte mit Haken

Vor diesem Hintergrund ist die Geschichte spannend geschrieben. Auch da die Hauptfiguren, im Gegensatz zu „Die Zeitmaschine Karls des Großen“, gut funktionieren und vielschichtig sind.

Foto des Buchcovers von "Im Jahre von Ragnarök"
(Eigenes Bild)

So ist John Tubber eigentlich ein fachlich fähiger Agent.

Nur hat er die Neigung, vorschnell ehrgeizigen Plänen hinterherzujagen. Dabei agiert er blind für andere Fakten und macht kleinen Fehler, die zu seinem Scheitern führen.

Auch der zweifache Gag mit Tubbers Buchprojekt „Die Topographie der Levante und Kleinasiens und ihre Bedeutung für die Kriegszüge der alten Welt“ trägt eher zur Sympathie der Figur bei.

Die weiteren Figuren sind ebenfalls vielschichtig. Der deutsche Kommissar Günter Dünnbrot wirkt zwar teilnahmslos, ist aber literaturbegeistert.

Letzteres Interesse teilt er mit der luxemburgischen Prostituierten Chantal Schmitt, die beiden hilft, aber Tubber immer wieder mit derben Bemerkungen und Erfahrungsberichten aus der Fassung bringt.

Dagegen fällt die letzte Hauptfigur, Greta Donath, etwas ab. Doch die Ex-Prostituierte, die nun für die US-Amerikanischen Besatzer arbeitet, ergänzt das Trio gut.

Mit diesen vier Charakteren entfaltet sich eine spannende Geschichte, die Oliver Henkel mit einigen guten Wendungen anreichert.

Dieses Szenario ist aus meiner Sicht in sich schon so rund, dass der Deus ex machina der Zeitmaschine die bis dahin so plausible Geschichte irgendwie kaputt macht.

Denn sie hätte auch ohne funktioniert und stattdessen die diskussionswürdige Frage aufgeworfen, wie frei Individuen wie Tubber sind.

Denn wenn sie sehr zwanghaft agieren, wirken ihre Handlungen eher wie vom Schicksal vorbestimmt.

Das ist allerdings das einzige Manko an „Im Jahre Ragnarök“ von Oliver Henkel. Daher empfehle ich den Roman gerne weiter.

Quellen und Literatur

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