Was wäre gewesen, wenn das Römische Reich seinen Untergang abgewendet hätte? Wie würde danach eine Welt im Jahr 800 aussehen, in der der fränkische König Karl seinen Auftritt hat? Diesen spannenden Fragen widmet sich Oliver Henkel in seinem Debütroman.

Ankerpunkt

Das Jahr 476 galt in der klassischen Geschichtsforschung als das Ende des Römischen Reiches. Der Kriegsherr Odoaker tötete den letzten weströmischen Heermeister Orestes und setze dessen Marionetten-Kaiser Romulus ab.

Anschließend schickte er die kaiserlichen Insignien nach Konstantinopel und erklärte sich zum König von Italien. Damit erlosch das römische Kaisertum in Westeuropa.

Karte der spätantiken Welt während der Restauratio Imperii.
Als Orientierung eine Karte des Jahres 550, auf dem Höhepunkt der Restauratio imperii.
(Wikimedia Autor: Captain Blood)

Zwar gab es im 6. Jahrhundert unter dem Kaiser Justinian Versuche des Oströmischen Reiches, das alte Imperium im Westen zurückzuerobern – die Restauratio imperii.

Dieser Eroberungen konnte Konstantinopel aber nicht lange behaupten, da nicht genügend Truppen und Finanzmittel zur Verfügung standen. Vor allem der Aufstieg des Islam sorgte dafür, dass sich die Oströmer kaum mehr auf den Westen konzentrieren konnten.

Dies sorgte dafür, dass das Frankenreich das Vakuum füllte – vor allem, als im Jahr 800 mit Karl dem Großen deren König zum ersten römischen Kaiser des Mittelalters gekrönt wurde.

Inhalt

Im Jahr 796 von „Die Zeitmaschine Karls des Großen“ sehen Rom und das Weströmische Reich dagegen einer guten Zukunft entgegen. Seitdem das Kaiserhaus der Scorpii den Niedergang aufgehalten hatte, hat das Reich verlorene Provinzen in Afrika und Spanien zurückerobert.

So gestärkt konnte es den christlichen Religionskonflikt zwischen Arianern und Katholiken überstehen und das Oströmische Reich in dessen Krisen unterstützen.

Der gescheiterte Versuch von arabischen Stämmen, im Osten eine Religion namens Islam mit Feuer und Schwert zu etablieren, ist nur noch eine Randnotiz in der Geschichte.

Cover von "Die Zeitmaschine Karls des Großen".
„Die Zeitmaschine Karls des Großen“, der Debütroman von Oliver Henkel.

Doch diese Stabilität stellt sich als trügerisch heraus: Im Norden fällt der König der Franken, Karl, seltsame Entscheidungen in Form einer Invasion in das Land der Sachsen. Als Andreas Sigurdius als Spion Westroms dorthin geschickt wird, zeigt sich, dass dies kein Zufall ist.

Während er und ein mysteriöser Verbündeter auf immer mehr Geheimnisse im Norden stoßen, eskaliert im Osten ein weiterer Konflikt. Das Oströmische Reich muss sich mit einer massiven Invasion seines ewigen Rivalen, der persischen Sassaniden, auseinandersetzen. Auch hier stellt sich die Gefahr schnell als größer heraus, als es die beiden römischen Reiche gedacht hatten.

So erweisen sich schnell beide Entwicklungen als existentielle Bedrohung für die wiedererstarkten Imperien in West- und Ostrom.

Rezension

Das Szenario, das Oliver Henkel entwarf, erwies sich als sehr interessant, da er das Überleben des Römischen Reiches im Westen mit der Kaiserkrönung Karls des Großen in der realen Welt verband. Er baute auch die Welt des neu erstandenen Weströmischen Reiches gut auf.

Leider schöpfte er meines Erachtens das vorhandene Potenzial der Geschichte nicht aus. Die Charaktere wirkten zum Beispiel sehr schablonenhaft und schwarz-weiß. Die Handlung war dadurch vor allem für den Teil, der sich mit der Invasion der Sassaniden beschäftigt, stark vorhersehbar.

Ebenso unbefriedigend war für mich die Erklärung für die Entstehung der Alternativwelt. Diese Mängel hatten mich aber auch für meine alternativen Geschichten zum Nachdenken gebracht. Denn für eine gute Erzählung genügt eine gut gestaltete Alternativwelt nicht.

Zuletzt war mir im Laufe meines Geschichtsstudiums aufgefallen, dass sich das Römische Reich natürlich im Laufe seiner Geschichte stark verändert hatte. Das Westrom des Jahres 476 hatte jenseits der Titel wenig mit dem klassischen Rom zu tun, das wir aus dem Geschichtsunterricht – oder aus Asterix – kennen.

Umso unrealistischer war es, dass das Weströmische Reich des Jahres 796 eher dem klassischen Imperium ähnelte, als dem spätantiken Reich, aus dem es hervorgegangen wäre. Ob dies vielleicht nur ein redaktioneller Kniff von Oliver Henkel war, um der Leserschaft das Verständnis für den Roman zu erleichtern, ist mir unklar.

Insgesamt blieb für mich der Eindruck eines Romans mit sehr viel Potenzial, dass aber leider nicht annähernd ausgeschöpft wurde. Daraus habe ich aber auch viel für meine eigenen Geschichten gelernt.

Quellen und Literatur

  • Oliver Henkel: Die Zeitmaschine Karls des Großen. Norderstedt 2001
  • GEO Epoche: Das Römische Imperium. April 2001.
  • GEO Epoche: ROM. Die Geschichte des Kaiserreichs. April 2012.
  • DER SPIEGEL Geschichte: Das Ende des Römischen Reiches. Januar 2009.

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