Im Jahr des Herrn 800 ist das christliche Abendland im Umbruch. Nicht nur steigen die Spannungen zwischen beiden römischen Reichen. Auch das Frankenreich strebt nach einem Platz jenseits des Schattens Roms. Während Kriege am Horizont immer deutlicher werden, rückt ein bisher unbekanntes Volk in das Zentrum der Ereignisse: das der Bajuwaren.

Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal am 15. September 2020. Er wird seitdem immer wieder überarbeitet und mit neuen Kapiteln weiter geschrieben.

  1. Der Bootsmann
  2. Der Soldat
  3. Die Magistra
  4. Der Tote
  5. Die Mörderin (neu)
  6. Der Strategos (neu)

1. Der Bootsmann

Christopheros Technítis genoss den frühen Sommermorgen. Um diese Zeit war es selbst im Kontoskalion-Hafen von Konstantinopel noch ruhig. Er hatte keine Schwierigkeit, über den Pier zu schlendern und das langsam erwachende Treiben zwischen den Schiffen zu beobachten.

In der Hauptstadt des Oströmischen Reiches kreuzten sich viele Handelswege und Völker. Sein ungewöhnlich blondes Haar war nur ein Beweis unter vielen.

Solange sein Kunde nicht auftauchte, genoss Christopheros lieber, wie die aufgehende Sonne langsam die Kuppel der Hagia Sophia und die Dächer des Kaiserpalastes zum Leuchten brachte. Immer wieder ein erhabener Anblick.

Hier zu leben war selbst für Leute wie ihn ab und an ein Privileg. Auch wenn die Rhomäer nicht mehr wie vor Jahrhunderten das Mittelmeer alleine beherrschten, gehörte ihr Reich doch zu den Großmächten der bekannten Welt.

Karte von Konstantinopel mit der Aufteilung der Stadt in der byzantinischen Zeit.
Karte von Konstantinopel während der oströmisch-byzantinischen Zeit. Der Kontoskalion-Hafen befand sich an der Südküste zwischen den anderen beiden Häfen.
(Wikimedia Autor: Furfur/Cplakidas)

Er blickte auf seine Hände. Er war nun schon weit in seinen Dreißigern. Aber sein Körper war durch seine harte Arbeit immer noch so durchtrainiert, dass sogar junge Frauen erröteten, wenn er sie ansprach.

Das Leben hatte es bisher gut gemeint mit ihm. Und es würde noch besser werden, wenn er seine heutige Arbeit erledigt hätte.

Es klang einfach: Einen Passagier zu einem Schiff rudern, das bereits vor einer Stunde langsam den Hafen verlassen hatte und nun letzte Vorbereitungen traf, draußen die Segel zu setzen.

Niemand war besser darin, im langsam erwachenden Irrsinn, der normalerweise den Hafen prägte, die schnellste Route zu den Segelschiffen am Bosporus zu finden. Und niemand war schweigsamer.

Das war in diesem Falle die wichtigere Eigenschaft, fand Christopheros. Zu überstürzt erschien ihm sein Auftraggeber von Anfang an.

Als Sohn eines Fischers hatte er auch bemerkt, wie hastig das Schiff den Hafen noch bei Dunkelheit verlassen hatte.

Auch wenn sie versucht hatten, ihren Hintergrund zu verbergen, war er sich sicher: Wie solche Dilettanten konnten nur die Halb-Barbaren aus dem westlichen Rom arbeiten. Jeder niedrige byzantinische Beamte hätte sich neben solchen Amateuren geschämt.

Er hatte, wie immer, nicht nachgefragt. Er wusste, was auf dem Spiel stand, schon allein aufgrund der Bezahlung, die seine Auftraggeber nach einer viel zu kurzen Verhandlung herausgerückt hatten.

Und jeder in Konstantinopel wusste, dass es um das Verhältnis zwischen den beiden Imperien nicht zum Besten stand. Nicht, seitdem Kaiserin Irene ihren Sohn geblendet und die Regierung wieder übernommen hatte.

Christopheros bemerkte seinen Klienten sofort. Der Kleidung nach zu urteilen eine hochgestellte Persönlichkeit, die so tat, als hätte sie sich als einfacher Hafenarbeiter verkleidet. Also wirklich die Halb-Barbaren.

So offensichtlich in seinem Versuch, die Eile und Nervosität zu verbergen.

Umso ruhiger blieb Christopheros und winkte ihm erst, als sich ihre Blicke trafen. Bevor der Klient im Boot überhaupt Halt gefunden hatte, hatte er es bereits losgemacht und den ersten Ruderschlag getan.

Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass es besser war, wenn er sich noch schneller bewegte als sonst.

Er sollte recht behalten: Aus reinem Instinkt heraus ging er in Deckung, als er ein sehr vertrautes Zischen in der Luft hörte.

Sein Klient, nervös, stolpernd auf dem schwankenden Boot, war nicht so schlau gewesen.

Das sagte ihm der Schrei sofort.

2. Der Soldat

Um Zenturio Sebastianus Vulneratis war die Hölle los. Männer schrien um ihn herum, als das massive Wildschwein kreischend auf ihn zukam.

Die Sauhatz galt nicht umsonst als Mutprobe für die Edlen dieses Landes.

Zuerst war es auch gut gegangen: Die Männer hatten das Tier in den Sümpfen aufgespürt und aufgescheucht, als es sich arglos an einem Baum gerieben hatte.

Doch die Überraschung war vergangen und der angegriffene Keiler ging zum Angriff über.

Aber Sebastianus sah den nahenden Tod nicht. Stattdessen waren die Bilder wieder da.

Er als grüner Rekrut vor seiner ersten Schlacht in Pannonien. Eine Welle an Reitern kam schreiend auf ihn zu.

Er als Veteran, blutüberströmt, auf einem längst vergessenen Schlachtfeld zum Frankenreich am Rhodanus.

Er als Offizier, brüllend seine Männer zum Angriff gegen auf Sizilien eingefallene Muslime treibend.

Er als Geschlagener auf einem verzweifelten Rückzug, nachdem seine Einheit auf der Heerstraße am Lacus Lemanus in einem Hinterhalt aufgerieben war.

Bilder von römischen Soldaten in der Spätantike
Illustrationen von Soldaten der römischen Armee in der Spätantike.
(Sammy33/Shutterstock)

Seine Reflexe aus einem Leben voller Kämpfe retteten ihm das Leben.

Instinktiv sprang er zur Seite und entkam so den 200 Kilogramm, die an ihm vorbeirasten. Ohne sein Ziel bewusst zu fixieren, löste er die Verkrampfungen in seinen Händen und stieß mit seiner Lanze nach dem Wildschwein, bevor es wendete.

Als er wieder zu Sinnen kam, lag der Eber schon im Sterben. Die Jagd war erfolgreich beendet, ohne dass er wusste, wie.

Er streifte die Verwirrung ab, als die restlichen Männer schnell näher kamen. Einer der örtlichen Adeligen klopfte ihm anerkennend auf die Schulter:

„Ihr Römer versteht etwas von der Jagd. Das schafft nicht jeder.“

Während Sebastianus Männer daraufhin jubelten, wechselten die Einheimischen schweigend Blicke.

Sebastianus war als Angehöriger des Ritterstandes zwar in erster Linie Soldat, aber er hatte sich über seinen Auftrag informiert. Diese Gesandtschaft würde ankommen. Daher schwieg er ebenso, bis auch seine Männer verstummten.

Das Volk in diesen Landen war zwar barbarisch, aber im Moment ein Verbündeter Roms. Daher erlaubte er den Männern kurz dem ältesten Sohn des Herzogs zu gedenken, der eine solche Hatz nicht überlebt hatte.

Ein seltsames Volk, das hier zwischen der Zivilisation Roms und den fast unbewohnten Wäldern Germaniens hauste.

Weder Sebastianus noch sie selbst schienen zu wissen, woher sie ursprünglich gekommen waren und warum sie auf einmal in den ehemaligen römischen Provinzen Rätien und Pannonien aufgetaucht waren, als Rom wieder seine Fühler gen Norden ausgestreckt hatte.

Sebastianus hoffte, bald mehr über diese Leute herauszubekommen.

Verbündete hin oder her. Wenn die Bajuwaren seinem Auftrag in die Quere kamen, würde er als Römer und Soldat handeln, wie er es immer getan hatte.

Dennoch war er froh, wenn sie diese Sumpflandschaft am nächsten Tag hinter sich lassen würden. Die lokalen Führer versicherten, dass sie bald bei einer Furt an einem Kloster den Fluss passieren und wieder in Gegenden kämen, wo sie ihre Pferde besser nutzen konnten.

Angenehmere Gegenden. Sebastianus schnaubte weniger wegen der Anstrengung, als über diese Einschätzung.

Sein Trupp bestand aus unterschiedlichen Mitgliedern mit unterschiedlichen Vorstellungen von Annehmlichkeiten.

Während die Soldaten ihre Unterkunft in einem Gehöft namens Kisoing als quasi luxuriös empfanden, beschwerten sich die Gesandten ständig. Die Handwerker und Händler waren sowieso nur an ihren eigenen Geschäften interessiert.

Immerhin reichten die weiteren Gehöfte, die sich hier an einem Bachlauf entlang zogen, aus, um die vielen Menschen so weit zu versorgen, dass sie sich einmal der Tradition der Sauhatz hingeben konnten.

Sebastianus wusste, dass diese Region einmal römisch gewesen war. Die Bajuwaren behaupteten, dass sie zum Beispiel die alten Straßen noch nutzten. Doch er hatte bisher zu seinem Kummer kaum Spuren seiner Zivilisation gefunden.

Noch mehr besorgten ihn aber die Leute, die er zu beschützen hatte. Er hatte erfahren, dass die jährliche Gesandtschaft schon vor dem Winter aufgebrochen war, um den nächsten gemeinsamen Feldzug gegen die Awaren zu planen. Warum also in großer Eile eine neue hinterherschicken?

Sebastianus schaltete diese Gedanken routiniert aus, als sich die Gruppe aus römischen und bajuwarischen Jägern dem provisorischen Lager näherte, das seine Männer aufgeschlagen hatten.

Er hörte schon das Wiehern der vielen Pferde. Seine eigenen Soldaten waren stolz auf ihren Status als Cataphractii, die als schwer gepanzerte Kavallerie die Elite des römischen Heeres im Westen darstellten.

Doch auch die Bajuwaren hatten eine Vorliebe für die Pferdezucht. Daraus hatte sich zumindest zwischen zwei Gruppen ein Gesprächsthema jenseits der diplomatischen Etikette ergeben.

Aber bisher auch nur bei diesen Pferdenarren. Sebastianus setzte daher wieder die Maske des Befehlshabers der Wachtruppe auf, als sie das Lager betraten.

Erst recht als er dem Gesandten begegnete. Dieses Mal schaffte er es sogar beim Grüßen, dessen entstellende Wunde auf der rechten Kopfseite zu ignorieren.

Der Gruppe um die bajuwarische Magistra wich er dennoch lieber von vorneherein aus.

3. Die Magistra

Guntrud von den Anniona sah die Stadt nicht zum ersten Mal. Doch zum ersten Mal fiel ihr auf, wie klein sie war.

Ratisbona. Oder wie es ihre römischen Begleiter stoisch nannten: Castra Regina.

In jedem Fall der Hauptsitz des Herzogs der Bajuwaren.

Sie erkannte nun die Einteilung der Stadt, die ihr bisher verborgen geblieben war. In der Mitte noch gut sichtbar das Quadrat des ehemaligen römischen Lagers. Wie Flügel davon abspreizend die westlichen und östlichen Vorstädte.

Hatten die Jahre im alten Rom also doch etwas gebracht.

Als Mitglied der Annionia gehörte sie zum Hochadel der Bajuwaren. Ihre golddurchwirkte und teuer gefärbte Kleidung zeigte dies nach außen deutlich.

Doch für die Römer war sie aber nichts anderes als eine der ungewaschenen Barbaren, die eine Schwächephase des Imperiums genutzt hatten.

Sie erinnerte sich noch genau an jenen Tag kurz vor ihrem Aufbruch. Auch, wenn es Jahre her war.

Als ihre Sippe am ersten warmen Frühjahrstag die Leichen ihrer Brüder herausgeholt hatte, um sie endlich im aufgetauten Boden zu beerdigen. Sie waren gemeinsam gestorben und wurden gemeinsam in die Ewigkeit gehen, wie es bei solchen Anlässen Tradition war.

Unbewusst griff sie nach dem Elbenpfeil aus Bronze. Solche Amulette sollten vor Krankheit und Bösem schützen.

Doch sie hatten ihren Brüdern in der Fehde nichts genutzt, die fast ihre Familie ausgelöscht hatte.

Sie war gerade erst in das heiratsfähige Alter gekommen. Daher schickte sie ihr Vater nach Italien.

Um einen Mann zu heiraten, der schon auf dem Sterbebett lag, als sie gerade die Alpen überquerte.

Aber auch, um dem möglichen Untergang ihrer Sippe zu entgehen.

Doch die wenigen Jahre in Italia hatten sich gelohnt.

Als Mitglied des Adels der Bajuwaren war sie zwar vor die Verhältnisse ihres Stammes gebildet, konnte auf die Beizjagd gehen, Brettspiele spielen und die Heldensagen der Vergangenheit auf der Leier spielen.

Doch ungebunden und mit einem Geschlechternamen versehen, der bei vielen Römern die Illusion von zivilisierten Vorfahren weckte, hatte sie sich das wiedererstandene Imperium genauer ansehen können als manch anderer Barbar.

Sie hatte viel gelernt. Und sie war entschlossen, dieses Wissen zu nutzen.

Ganz bewusst fasste sie sich an die Spahta, die an ihrem Gürtel hing. Das zweischneidige Langschwert war eines der besten Schmiedestücke, das ihr Volk hervorbringen konnte. Es hatte sie nach Italia begleitet und ebenfalls nun bei ihrer Rückkehr.

Illustration des Schwerttyps Spatha
War sowohl bei Römern als auch bei Germanen in der Spätantike eine beliebte Waffe: die Spatha.
(Attila N/Shutterstock)

Denn bei den Blutfehden der Bajuwaren waren auch die Frauen bewaffnet.

4. Der Tote

Sebastianus Vulneratis bemühte sich, nicht abzudriften, während der Gesandte Roms und der junge Mann auf dem schlichten Thron diplomatische Höflichkeiten austauschten.

Doch bevor ihn wieder die Bilder überfielen, meldeten sich seine Instinkte: Irgendetwas stimmte nicht.

Es beobachtete zuerst seine Männer, die in voller Rüstung angetreten waren. Sie sollten den Barbaren zeigen, dass die Krieger einer römischen Legion auf einem anderen Niveau waren als die Bauernsoldaten dieser Region.

Auch sie wirkten nervös. Das konnte jedoch auch daran liegen, dass die meisten von ihnen noch nie einem solchen Anlass beigewohnt hatten.

Sein Blick wanderte zu den bajuwarischen Würdenträgern, die mit ihren bunten Gewändern und den Händen an den Schwertern vergeblich versuchten, mit dem Glanz des Imperiums mitzuhalten.

Ihm fiel sofort auf, dass er im Gegensatz zu seinen Männern dort viele Alte und ein paar wenige Junge sah.

Das war nicht verwunderlich. Waren doch von den Edlen am Hof des Herzogs die meisten im wehrfähigen Alter ihrem Herren auf den Feldzug gefolgt.

Erst als er die Gesichter näher musterte, fand er dort die gleiche Anspannung, die er auch bei sich bemerkt hatte.

Doch bevor er diesem Gedanken weiterfolgen konnte, endete die auf Latein geführte Einführung des Gesandten und die Menge am Königshof begann sich aufzulösen.

Vulnerabilis vermied es wie immer, dem Gesandten ins Gesicht zu blicken, spürte aber dessen Blick. Er blieb an seinem Platz, bis dieser vor ihm stand.

„Ihr werdet Georg von den Hahilinga die letzte Ehre erweisen. Von Krieger zu Krieger.“

Als hätte er gespürt, wie unangenehm seine Anwesenheit für ihn war, entfernte sich der Gesandte sofort wieder.

Und ließ ihn mit der Erkenntnis zurück, dass er dem Empfang nicht gefolgt war und daher nicht wusste, wer „Georg von den Hahilinga“ war und wo er ihm die letzte Ehre zu erweisen hatte.

Er trat aus dem Turm heraus, der den Herzogshof bildete und entließ seine Männer in ihre Quartiere.

Nun stand er auf einem kleinen Marktplatz und sah sich um. Er glaubte, vor sich eine kleine Kirche zu sehen und er erkannte natürlich neben dem Herzogshof die wuchtige Gestalt der Basilika der Stadt.

Bevor er seine Orientierungslosigkeit in dieser Stadt der Barbaren auf römischem Fundament weiter wachsen konnte, hörte er, wie jemand ein paar Worte auf Bajuwarisch an ihn richtete.

Vulnerabilis musste immer noch abwesend gewirkt haben, denn erst jetzt bemerkte er den bajuwarischen Krieger vor ihm.

Dieser versuchte es nun in einem durchaus passablen Latein.

„Verzeiht Herr, wolltet Ihr nicht auch Georg von den Hahilinga die letzte Ehre erweisen?“

Vulnerabilis schüttelte schnell die Verwirrung ab und folgte dem Krieger mit einem Nicken.

Zu seinem Glück war der Weg nicht weit und betraten am anderen Ende der Basilika in einer abzweigenden Straße ein unscheinbares Gebäude, in dem sich eine kleine Kapelle befand.

Dort lag ein alter Mann auf einer Bank vor dem Altar. Er wirkte noch recht kräftig, was durch das Schwert in seinen gefalteten Händen verstärkt wurde.

Vulnerabilis schwieg und unterdrückte einen Anfall von Schauder ob des Toten. Er stand stramm und tat so, als wäre er in ein Gebet versunken.

Auch der bajuwarische Krieger schwieg. Er wirkte zwar nicht mehr ganz jung, aber durchaus muskulös. Auf dem Schlachtfeld wäre er ein ernstzunehmender Gegner.

Als ob er den Blick bemerkt hätte, begann dieser zu sprechen:

„Georg von den Hahilinga war ein großer Krieger. Er hatte seine beste Zeit zwar schon hinter sich. Aber der Herzog schätzte seinen Rat.“

Pflichtschuldig nickte Vulnerabilis und nutzte die Chance, seinen Blick endgültig vom Toten zu lösen.

„Seine Erfahrung wird Ratisbona fehlen. Jetzt, wo so viele alte Krieger uns verlassen haben.“

Er musste Vulnerabilis fragenden Blick bemerkt haben, denn er fuhr fort.

„Ihr wisst es nicht? In den letzten Wochen starben auch Theodo von den Drozza und Grifo von den Fagana. Bald jede Woche trauert der Herzogshof um einen der Satrapes.“

Vulnerabilis wusste, dass mit den Satrapes die Edlen des Landes gemeint waren. Zumindest hatte er nun die Lösung für die Anspannung bei den Bajuwaren.

„Wir sollten nun gehen, Herr, nicht, dass wir auch bald dort liegen. Ich möchte nicht am Abend zu Bett gehen und am nächsten Morgen mit Schaum vor dem Mund sterben.“

Vulnerabilis stutzte: „Was meint ihr damit?“

„Nun. Alle drei waren zwar alt, aber hatten aber den Winter gut überstanden. Doch im Frühjahr starben sie, als ginge ein böser Geist in Ratisbona um.“

Der Krieger griff zu einem Amulett am Hals und Vulnerabilis schauderte.

„Oder was meint ihr?“

Vulnerabilis war zwar ein Diplomat, wusste aber, dass es für die Gesandtschaft ungünstig war, sich über den Aberglauben der Barbaren lustig zu machen.

In Rom wäre in jedem Fall nach anderen Ursachen als Geistern gefragt worden.

„Ich wünsch Euch, dass das nicht der Fall ist und wir alle noch lange zu leben haben.“

Der Bajuware nickte dankbar.

Vulnerabilis wollte so schnell wie möglich das Thema und vor allem den Ort wechseln. Also ging er Richtung Ausgang und registrierte dankbar, dass ihm der Krieger folgte.

„Wo habt ihr so gut Latein gelernt?“

Der Bajuware grinste.

„Die Priester haben es mir ab und an mit dem Stock beigebracht.“

„Es scheint Euch nicht geschadet zu haben. Wie ist Euer Name?“

Das Grinsen schien für einen Moment noch breiter zu werden.

„Ihr könnt mich Christopherus nennen.“

Vulnerabilis schien der Name fast etwas zu unwahrscheinlich für einen Barbaren. Doch bevor er das Gespräch vertiefen konnte, schlugen seine Instinkte an.

Er bemerkte, wie vom Herzogshof mehrere Menschen über die Straßen eilten. Einer davon, ein Krieger, aus Sicht von Vulnerabilis noch ein halbes Kind, wurde von Christopherus angehalten.

Er sprach zu schnell für ihn. Vulnerabilis wünschte sich kurz, er hätte mit ihr doch etwas mehr Zeit verbracht, um die Sprache dieses Landes zu lernen.

Dann wandte sich Christopherus wieder mit entsetztem Gesicht an ihn.

„Es scheint, als wäre tatsächlich ein böser Geist in der Stadt.“

Die Hand um sein Amulett war verkrampft.

5. Die Mörderin

Während sich die Gesandtschaft bei einem der zahlreichen Söhne des Herzogs vorstellte, bemühte sich Guntrud von den Anniona, möglichst unauffällig den Torbogen eines Innenhofs zu beobachten.

Erst als sie sicher war, dass dort kein Gesinde arbeitete, zog sie den Mantel noch mehr ins Gesicht und betrat den Hof.

Sie wartete kurz, ob jemand sie ansprach.

Als das nicht der Fall war, nahm sie eine Holztreppe, die in den ersten Stock des Hauses führte. Sie machte bewusst Lärm, um nicht das Misstrauen des Bewohners zu erwecken.

Foto einer Holztreppe an einer weißen Wand.
Eine Treppe kann zu jedem Ziel führen.
(Eigenes Bild)

Wie erwartet, musste sie nicht einmal klopfen.

Die Tür öffnete sich bereits, bevor sie die Treppe ganz genommen hatte.

Ein Mann in den Vierzigern trat ihr entgegen. Ihr fiel auf, dass er den rechten Fuß etwas nachzog. In seinem Gürtel lag eine Spahta, auf die er demonstrativ seine linke Hand gelegt hatte.

Erst als sie den Mantel zurückschlug und ihr Gesicht enthüllte, schien er sich ein bisschen zu entspannen.

Sie atmete ebenfalls aus und sprach die Sätze, die sie seit Stunden im Kopf wiederholt hatte:

„Ich bringe ein Geschenk für Adabald von den Huosi. Die Gesandtschaft Roms fand Euch nicht am Herzogshof und schickte mich daher, es zu überbringen.“

Möglichst langsam löste sie die Schnüre um das eingewickelte Schwert an ihrem Rücken. Ebenso langsam nahm sie es in beide Hände und präsentierte es.

Wie sie es erhofft hatte, entspannte sich der Mann erneut etwas.

„Kommt herein.“

Er ließ sie nicht aus den Augen als sie die Kammer betrat. Immerhin hatte er den Arm vom Schwert gelöst.

„Zeigt es mir.“

Erneut machte sie möglichst langsame Bewegungen und hoffte, er würde ihr dies sogar noch als Unsicherheit oder Ungeschicklichkeit auslegen.

Sie wickelte die Spahta aus dem Leder und folgte dabei seinem Blick. Noch behielt er vor allem ihre Schulter und Arme im Auge. Einem erfahrenen Krieger, wie es Adabald von den Huosi zweifelsfrei war, würde so keine verdächtige Bewegung entgehen.

Das hatte sie befürchtet.

Als sie das ausgewickelte Schwert erneut in beide Hände nahm und sich bei der Präsentation leicht verbeugte, lüftete sich wie zufällig ihr Mantel etwas.

Für einen kurzen Moment wanderte der Blick des alten Mannes direkt auf ihr Dekolleté.

Darauf hatte sie gewartet.

In einer fließenden Bewegung trat sie nach vorne, zog mit der linken Hand die Schwertscheide weg und mit der rechten das Schwert über den Kopf.

Bevor der überraschte Adalbert seine Hand an seiner Waffe hatte, hatte sie auch die linke Hand an ihrem Schwertgriff.

Das monatelange Training mit ihm hatte sich gelohnt.

Ohne nachzudenken, spürte sie schon den Sog ihrer Hände, die die Spahta wieder nach unten rissen.

Adalbert hatte seine Hand gerade erst am Schwert, als sie ihn direkt am Kopf traf. Sie hörte ein Knacken und ein Grunzen. Er taumelte nach hinten,

Wie er es ihr beigebracht hatte, hielt sie die Spannung aufrecht, nahm das Schwert nochmals hinter ihren Kopf und schlug nochmals mit voller Wucht zu.

Er hatte im Training immer wieder erklärt, dass es beim Schwertkampf nicht auf Kraft, sondern auf eine möglichst gute Technik ankam, um viel Wucht in den Schlag zu bekommen.

Er hatte recht behalten, bemerkte sie, als Adalbert mit einem Stöhnen zusammenbrach.

Auch jetzt war der Kampf nicht vorbei. Sie wechselte schnell den Griff um das Schwert und rammte es Adalbert direkt in die Kehle.

Er zuckte nur noch kurz und Blut begann sich auf dem Boden zu verteilen.

Sie hatte das in den letzten Stunden immer wieder durchgespielt und wie mechanisch wischte sie das Blut von ihrem Schwert. Sie prüfte, ob an ihrem Mantel und Kleid eventuell Blut klebte.

Als sie das erledigt hatte, wickelte sie die Spahta wieder ein, befestigte sie wieder unter ihrem Mantel und begab sich zur Tür.

Nur einen kurzen Moment gönnte sie sich.

Mit einem Lächeln blickte sie noch einmal auf den Leichnam, bevor sie möglichst leise die Tür schloss.

Sie holte nochmals tief Luft und lief dann, wie wenn sie auf einem Spaziergang wäre, aus dem Innenhof.

Das erste Mal war gelungen.

6. Der Strategos

Manuel Palaiogolos beobachtete distanziert den Rauch, der sich langsam über das Flusstal legte. Die einzigen Schreie, die er noch leise hier oben hörte, wenn der Wind günstig wehte, stammte von den plündernden Soldaten.

Er seufzte und rief sich noch einmal die Wichtigkeit seiner Aufträge ins Gedächtnis. Anders lies sich seine derzeitige Situation auch nicht länger aushalten.

Zwar genoss er durch sein kleines Gefolge zumindest einige Annehmlichkeiten der Zivilisation. Aber nach Monaten in diesen barbarischen Landen war seine Geduld langsam aufgebracht.

Trotzdem gelang es ihm, wieder die freundliche Maske des Diplomaten aufzusetzen, als er die näherkommenden Pferde hörte.

Eine Horde dieser barbarischen Krieger kam näher und seine Bewacher legten instinktiv die Hände an ihre Bögen.

Mit einer Handbewegung brachte er beide Gruppen zum Stehen.

„Mein Freund, Graf Ladulf, was habt ihr Gutes zu berichten?“ Er bemühte sich, nicht allzu künstlich zu lächeln.

„Mein Freund, Manuel von den Rhomäern, wir haben die Dörfer eingenommen. Niemand ist entkommen. Ich habe 50 Mann bereits ausgesandt, um das nächste Dorf… einzunehmen.“

Manuel atmete innerlich aus. Auch wenn Ladulf seinen Nachnamen nicht einmal ansatzweise aussprechen konnte, war er im Unterschied zu den meisten Barbaren einigermaßen kompetent.

„Das freut mich sehr. Ich hatte schon befürchtet, die Plünderungen und Brände hätten zuviel Aufmerksamkeit erregt.“

Er bemerkte, wie das Gesicht des Grafen kurz rot anlief. Aber sie beiden hatte sich noch gut genug unter Kontrolle.

Bevor die Situation unangenehm wurde, fuhr Manuel fort:

„Eure Männer haben sich bewährt. Es sei ihnen vergönnt, sich noch etwas auszutoben. Ich schicke den Euren noch 20 meiner besten Männer mit, damit sie eventuelle Schwierigkeiten schnell bereinigen.“

Er gab Baghatur ein entsprechendes Signal und nach Anweisungen in einer Sprache, die nur er und Baghaturs Mänenr verstanden, löste sich die Hälfte seiner Bewacher von der Gruppe und ritt den Berg herunter.

Der Graf schien das Friedensangebot zu begreifen. Er entspannte sich etwas und wies seine Männer an, die Boten loszuschicken.

Wenn er nicht ein Barbar wäre, würde er irgendwann einen brauchbaren Strategos abgeben, dachte Manuel.

„Die Boten erreichen die Hauptarmee rechtzeitig, dass sie es bis zum Abend in diese Dörfer schafft, um dort Quartier zu nehmen. Ab morgen können wir das Flusstal weitermarschieren. Ab hier ist der Fluss schiffbar, das heißt, wir können mit Flössen zumindest den Proviant schneller transportieren.“

„Gibt es noch weitere Dörfer auf unserem Weg?“

„Nur wenige. Die Bajuwaren siedeln erst seit wenigen Jahren in diesen Gebieten. Es gibt nur noch zwei Vorposten an den Flüssen, die uns gefährlich werden können.“

„In diesen Fällen schicke ich meine Männer.“ Manuel verneigte sich kurz mit Kopf und Oberkörper, um die Stimmung weiter zu entspannen.

Sein Blick wanderte zu einem kleinen Holzturm auf der Spitze des Bergrückens. Von hier aus überblickten Späher nicht nur die drei Dörfer am Fuße des Bergs, sondern auch das Umland in einem weiten Radius.

Die drei jungen Männer, die zuletzt dort Dienst getan hatten, waren immerhin einen schnellen Tod gestorben. Die Pfeile waren so tief in ihre Körper gedrungen, dass Manuel die Augen zusammenkneifen musste, um sie zu erkennen.

Er nickte anerkennend.

Der Graf hatte dies wohl auf sich bezogen und nickte ebenfalls.

„Ich werde mich wieder zu den Dörfern begeben und die Plünderungen beenden. Wir brauchen diese Quartiere noch.“

Sie verabschiedeten sich knapp und als die Reiter zwischen den Bäumen verschwunden waren, überschlug Manuel noch einmal seine Aufträge.

Sein erster Mann müsste mittlerweile schon lange am Ziel eingetroffen sein und dort für Unruhe sorgen. Natürlich bestand damit auch die Gefahr, dass er aufflog. Oder, was noch schlimmer wäre, tatsächlich erfolgreich wäre.

Doch auch für diesen Fall hatte er Sorge getragen.

Langsam entspannte er sich.

In drei Tagen sollte die fränkische Armee Ratisbona erreichen.

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