Im Jahr des Herrn 800 ist das christliche Abendland im Umbruch. Nicht nur steigen die Spannungen zwischen beiden römischen Reichen. Auch das Frankenreich strebt nach einem Platz jenseits des Schattens Roms. Während Kriege am Horizont immer deutlicher werden, rückt ein bisher unbekanntes Volk in das Zentrum der Ereignisse: das der Bajuwaren.

  1. Der Bootsmann
  2. Der Soldat
  3. Die Magistra

1. Der Bootsmann

Christopheros Technítis genoss den frühen Sommermorgen. Um diese Zeit war es selbst im Kontoskalion-Hafen von Konstantinopel noch ruhig. Er hatte keine Schwierigkeit, über den Pier zu schlendern und das langsam erwachende Treiben zwischen den Schiffen zu beobachten.

In der Hauptstadt des Oströmischen Reiches kreuzten sich viele Handelswege und Völker. Sein ungewöhnlich blondes Haar war nur ein Beweis unter vielen.

Solange sein Kunde nicht auftauchte, genoss Christopheros lieber, wie die aufgehende Sonne langsam die Kuppel der Hagia Sophia und die Dächer des Kaiserpalastes zum Leuchten brachte. Immer wieder ein erhabener Anblick.

Hier zu leben war selbst für Leute wie ihn ab und an ein Privileg. Auch wenn die Rhomäer nicht mehr wie vor Jahrhunderten das Mittelmeer alleine beherrschten, gehörte ihr Reich doch zu den Großmächten der bekannten Welt.

Karte von Konstantinopel mit der Aufteilung der Stadt in der byzantinischen Zeit.
Karte von Konstantinopel während der oströmisch-byzantinischen Zeit. Der Kontoskalion-Hafen befand sich an der Südküste zwischen den anderen beiden Häfen.
(Wikimedia Autor: Furfur/Cplakidas)

Er blickte auf seine Hände. Er war nun schon weit in seinen Dreißigern. Aber sein Körper war durch seine harte Arbeit immer noch so durchtrainiert, dass sogar junge Frauen erröteten, wenn er sie ansprach.

Das Leben hatte es bisher gut gemeint mit ihm. Und es würde noch besser werden, wenn er seine heutige Arbeit erledigt hätte.

Es klang einfach: Einen Passagier zu einem Schiff rudern, das bereits vor einer Stunde langsam den Hafen verlassen hatte und nun letzte Vorbereitungen traf, draußen die Segel zu setzen.

Niemand war besser darin, im langsam erwachenden Irrsinn, der normalerweise den Hafen prägte, die schnellste Route zu den Segelschiffen am Bosporus zu finden. Und niemand war schweigsamer.

Das war in diesem Falle die wichtigere Eigenschaft, fand Christopheros. Zu überstürzt erschien ihm sein Auftraggeber von Anfang an.

Als Sohn eines Fischers hatte er auch bemerkt, wie hastig das Schiff den Hafen noch bei Dunkelheit verlassen hatte.

Auch wenn sie versucht hatten, ihren Hintergrund zu verbergen, war er sich sicher: Wie solche Dilettanten konnten nur die Halb-Barbaren aus dem westlichen Rom arbeiten. Jeder niedrige byzantinische Beamte hätte sich neben solchen Amateuren geschämt.

Er hatte, wie immer, nicht nachgefragt. Er wusste, was auf dem Spiel stand, schon allein aufgrund der Bezahlung, die seine Auftraggeber nach einer viel zu kurzen Verhandlung herausgerückt hatten.

Und jeder in Konstantinopel wusste, dass es um das Verhältnis zwischen den beiden Imperien nicht zum Besten stand. Nicht, seitdem Kaiserin Irene ihren Sohn geblendet und die Regierung wieder übernommen hatte.

Christopheros bemerkte seinen Klienten sofort. Der Kleidung nach zu urteilen eine hochgestellte Persönlichkeit, die so tat, als hätte sie sich als einfacher Hafenarbeiter verkleidet. Also wirklich die Halb-Barbaren.

So offensichtlich in seinem Versuch, die Eile und Nervosität zu verbergen. Umso ruhiger blieb er und winkte ihm erst, als sich ihre Blicke trafen.

Bevor der Klient im Boot überhaupt Halt gefunden hatte, hatte Christopheros es bereits losgemacht und den ersten Ruderschlag getan.

Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass es besser war, wenn er sich noch schneller bewegte als sonst.

Er sollte recht behalten: Aus reinem Instinkt heraus ging er in Deckung, als er ein sehr vertrautes Zischen in der Luft hörte.

Sein Klient, nervös, stolpernd auf dem schwankenden Boot, war nicht so schlau gewesen.

Das sagte ihm der Schrei sofort.

2. Der Soldat

Um Zenturio Sebastianus Vulneratis war die Hölle los. Männer schrien um ihn herum, als das massive Wildschwein kreischend auf ihn zukam.

Die Sauhatz galt nicht umsonst als Mutprobe für die Edlen dieses Landes.

Zuerst war es auch gut gegangen: Die Männer hatten das Tier in den Sümpfen aufgespürt und aufgescheucht, als es sich arglos an einem Baum gerieben hatte.

Doch die Überraschung war vergangen und der angegriffene Keiler ging zum Angriff über.

Aber Sebastianus sah den nahenden Tod nicht. Stattdessen waren die Bilder wieder da.

Er als grüner Rekrut vor seiner ersten Schlacht in Pannonien. Eine Welle an Reitern kam schreiend auf ihn zu.

Er als Veteran, blutüberströmt, auf einem längst vergessenen Schlachtfeld zum Frankenreich am Rhodanus.

Er als Offizier, brüllend seine Männer zum Angriff gegen auf Sizilien eingefallene Muslime treibend.

Er als Geschlagener auf einem verzweifelten Rückzug, nachdem seine Einheit in einem Hinterhalt aufgerieben war.

Bilder von römischen Soldaten in der Spätantike
Illustrationen von Soldaten der römischen Armee in der Spätantike.
(Sammy33/Shutterstock)

Seine Reflexe aus einem Leben voller Kämpfe retteten ihm das Leben. Instinktiv sprang er zur Seite und entkam so den 200 Kilogramm, die an ihm vorbeirasten. Ohne sein Ziel bewusst zu fixieren, löste er die Verkrampfungen in seinen Händen und stieß mit seiner Lanze nach dem Wildschwein, bevor es wendete.

Als er wieder zu Sinnen kam, lag der Eber schon im Sterben. Die Jagd war erfolgreich beendet, ohne dass er wusste, wie.

Er streifte die Verwirrung ab, als die restlichen Männer schnell näher kamen. Einer der örtlichen Adeligen klopfte ihm anerkennend auf die Schulter: „Ihr Römer versteht etwas von der Jagd. Das schafft nicht jeder.“

Während Sebastianus Männer daraufhin jubelten, wechselten die Einheimischen schweigend Blicke.

Sebastianus war als Angehöriger des Ritterstandes zwar in erster Linie Soldat, aber er hatte sich über seinen Auftrag informiert. Diese Gesandtschaft würde ankommen. Daher schwieg er ebenso, bis auch seine Männer verstummten.

Das Volk in diesen Landen war zwar barbarisch, aber im Moment ein Verbündeter Roms. Daher erlaubte er den Männern kurz dem ältesten Sohn des Herzogs zu gedenken, der eine solche Hatz nicht überlebt hatte.

Ein seltsames Volk, das hier zwischen der Zivilisation Roms und den fast unbewohnten Wäldern Germaniens hauste.

Weder Sebastianus noch sie selbst schienen zu wissen, woher sie ursprünglich gekommen waren und warum sie auf einmal in den ehemaligen römischen Provinzen Rätien und Pannonien aufgetaucht waren, als Rom wieder seine Fühler gen Norden ausgestreckt hatte.

Sebastianus hoffte, bald mehr über diese Leute herauszubekommen.

Verbündete hin oder her. Wenn die Bajuwaren seinem Auftrag in die Quere kamen, würde er als Römer und Soldat handeln, wie er es immer getan hatte.

Dennoch war er froh, wenn sie diese Sumpflandschaft am nächsten Tag hinter sich lassen würden. Die lokalen Führer versicherten, dass sie bald bei einer Furt an einem Kloster den Fluss passieren und wieder in Gegenden kämen, wo sie ihre Pferde besser nutzen konnten.

Angenehmere Gegenden. Sebastianus schnaubte weniger wegen der Anstrengung, als über diese Einschätzung.

Sein Trupp bestand aus unterschiedlichen Mitgliedern mit unterschiedlichen Vorstellungen von Annehmlichkeiten. Während die Soldaten ihre Unterkunft in einem Gehöft namens Kisoing als quasi luxuriös empfanden, beschwerten sich die Gesandten ständig. Die Handwerker und Händler waren sowieso nur an ihren eigenen Geschäften interessiert.

Immerhin reichten die weiteren Gehöfte, die sich hier an einem Bachlauf entlang zogen, aus, um die vielen Menschen so weit zu versorgen, dass sie sich einmal der Tradition der Sauhatz hingeben konnten.

Sebastianus wusste, dass diese Region einmal römisch gewesen war. Die Bajuwaren behaupteten, dass sie zum Beispiel die alten Straßen noch nutzten. Doch er hatte bisher zu seinem Kummer kaum Spuren seiner Zivilisation gefunden.

Noch mehr besorgten ihn aber die Leute, die er zu beschützen hatte. Er hatte erfahren, dass die jährliche Gesandtschaft schon vor dem Winter aufgebrochen war, um den nächsten gemeinsamen Feldzug gegen die Awaren zu planen. Warum also in großer Eile eine neue hinterherschicken?

Sebastianus schaltete diese Gedanken routiniert aus, als sich die Gruppe aus römischen und bajuwarischen Jägern dem provisorischen Lager näherte, das seine Männer aufgeschlagen hatten.

Er hörte schon das Wiehern der vielen Pferde. Seine Soldaten waren stolz auf ihren Status als Cataphractii, die als schwer gepanzerte Kavallerie die Elite des römischen Heeres im Westen darstellten.

Doch auch die Bajuwaren hatten eine Vorliebe für die Pferdezucht. Daraus hatte sich zumindest zwischen zwei Gruppen ein Gesprächsthema jenseits der diplomatischen Etikette ergeben.

Aber bisher auch nur bei diesen Pferdenarren. Sebastianus setzte daher wieder die Maske des Befehlshabers der Wachtruppe auf, als sie das Lager betraten.

Erst recht als er dem Gesandten begegnete. Dieses Mal schaffte er es sogar beim Grüßen, dessen entstellende Wunde auf der rechten Kopfseite zu ignorieren.

3. Die Magistra

Guntrud von den Anniona sah die Stadt nicht zum ersten Mal. Doch zum ersten Mal fiel ihr auf, wie klein sie war.

Ratisbona. Oder wie es ihre römischen Begleiter stoisch nannten: Castra Regina. In jedem Fall der Hauptsitz des Herzogs der Bajuwaren.

Sie erkannte nun die Einteilung der Stadt, die ihr bisher verborgen geblieben war. In der Mitte noch gut sichtbar das Quadrat des ehemaligen römischen Lagers. Wie Flügel davon abspreizend die westlichen und östlichen Vorstädte.

Hatten die Jahre im alten Rom also doch etwas gebracht.

Als Mitglied der Annionia gehörte sie zum Hochadel der Bajuwaren. Ihre golddurchwirkte und teuer gefärbte Kleidung zeigte dies nach außen deutlich.

Doch für die Römer war sie aber nichts anderes als eine der ungewaschenen Barbaren, die eine Schwächephase des Imperiums genutzt hatten.

Sie erinnerte sich noch genau an jenen Tag kurz vor ihrem Aufbruch. Auch, wenn es Jahre her war.

Als ihre Sippe am ersten warmen Frühjahrstag die Leichen ihrer Brüder herausgeholt hatte, um sie endlich im aufgetauten Boden zu beerdigen. Sie waren gemeinsam gestorben und wurden gemeinsam in die Ewigkeit gehen, wie es bei solchen Anlässen Tradition war.

Unbewusst griff sie nach dem Elbenpfeil aus Bronze. Solche Amulette sollten vor Krankheit und Bösem schützen.

Doch sie hatten ihren Brüdern in der Fehde nichts genutzt, die fast ihre Familie ausgelöscht hatte.

Sie war gerade erst in das heiratsfähige Alter gekommen. Daher schickte sie ihr Vater nach Italien.

Um einen Mann zu heiraten, der schon auf dem Sterbebett lag, als sie gerade die Alpen überquerte.

Aber auch, um dem möglichen Untergang ihrer Sippe zu entgehen.

Doch die wenigen Jahre in Italia hatten sich gelohnt.

Als Mitglied des Adels der Bajuwaren war sie zwar vor die Verhältnisse ihres Stammes gebildet, konnte auf die Beizjagd gehen, Brettspiele spielen und die Heldensagen der Vergangenheit auf der Leier spielen.

Doch ungebunden und mit einem Geschlechternamen versehen, der bei vielen Römern die Illusion von zivilisierten Vorfahren weckte, hatte sie sich das wiedererstandene Imperium genauer ansehen können als manch anderer Barbar.

Sie hatte viel gelernt. Und sie war entschlossen, dieses Wissen zu nutzen.

Ganz bewusst fasste sie sich an die Spahta, die an ihrem Gürtel hing. Das zweischneidige Langschwert war eines der besten Schmiedestücke, das ihr Volk hervorbringen konnte. Es hatte sie nach Italia begleitet und ebenfalls nun bei ihrer Rückkehr.

Illustration des Schwerttyps Spatha
War sowohl bei Römern als auch bei Germanen in der Spätantike eine beliebte Waffe: die Spatha.
(Attila N/Shutterstock)

Denn bei den Blutfehden der Bajuwaren waren auch die Frauen bewaffnet.

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