1. Wann und wo gibt es Möglichkeiten für alternative Geschichten?
  2. Welche Voraussetzungen müssen alternative Geschichten erfüllen?
  3. Welche konkreten Möglichkeiten gibt es für alternative Geschichten?
  4. Was für eine Bedeutung hat Unwahrscheinliches in der alternativen Geschichte?
  5. Welche Gefahr stellt Wunschdenken für alternative Geschichten dar?
  6. Welchen Nutzen hat Wunschdenken für die alternative Geschichte?

    Quellen und Literatur

In diesem Blog geht es, wie auf der ersten Seite erwähnt, nicht nur um Unterhaltung, sondern auch um wissenschaftlich plausible Szenarien. Daher sind diese Bereiche im Blog getrennt.

Während bei Hintergründen die Seriosität im Vordergrund steht, dienen die Geschichten dem Vergnügen der lesenden User. Dazwischen stehen die Kategorie Szenarien und die Rezensionen. Diese sollen einerseits keine reine Fantasie sein, andererseits aber auch die vielfältigen Möglichkeiten von alternativen Geschichten zeigen.

1. Wann und wo gibt es Möglichkeiten für alternative Geschichten?

Potenzielle Ankerpunkte ergeben sich nicht zu jedem Zeitpunkt in der Vergangenheit. Die tatsächlich geschehene Geschichte weist zwar immer wieder Wendepunkte auf, an denen bestimmte Entscheidungen und Entwicklungen Weichenstellungen für den weiteren Verlauf der Vergangenheit waren.

Doch nicht alle haben aus meiner Sicht viele Möglichkeiten, um Richtung, Tempo und Art der weiteren Geschichte zu beeinflussen. Vor allem bestimmte Ereignistypen sind dafür besonders geeignet, zum Beispiel:

  • Anfang und Ende von Kriegen
  • Verhandlungen über Verträge
  • Regierungswechsel und bedeutende Entscheidungen von wenigen Machthabern
  • einflussreiche Erfindungen und Entdeckungen
  • Erscheinen und Verschwinden von bedeutenden Persönlichkeiten
  • Notlagen und Krisen
Statue von Octavian, besser bekannt als Kaiser Augustus.
Gerade mächtige Herrscher in Umbruchszeiten bieten viel Stoff für alternative Geschichten: Zum Beispiel Kaiser Ausgust, der das römische Kaisertum begründete.
(Gilmanshin/Shutterstock)

2. Welche Voraussetzungen müssen alternative Geschichten erfüllen?

Über die grundsätzlichen Bedingungen von alternativen Geschichten gibt es aus meiner Sicht keine Einigkeit, sowohl in der Wissenschaft als auch in der Literatur. Eine erste Stütze formulierte der Geschichtsprofessor Alexander Demandt bereits in den 1980er Jahren mit folgenden drei Voraussetzungen:

  1. „Realitätsferne Alternativen sind unrealistisch“
  2. „Die Ereignisse sind unterschiedlich determiniert“
  3. „Unwahrscheinliche Ereignisse stehen vereinzelt“

Zusammenfassend sollen vor allem Historiker sich nicht von Wunschgedanken an bessere Alternativwelten beeinflussen lassen, um nicht ins Unwissenschaftliche abzudriften. Sie müssen stattdessen bei ihren alternativgeschichtlichen Szenarien besonders genau auf die tatsächlichen Fakten und Grundlagen der Geschichte achten.

Die Wissenschaftler Geoffrey Parker und Philipp Tetlock stellten für die Nutzung der Methodik zusätzlich die Ceteris-paribus-Regel (unter sonst gleichen Bedingungen-Regel) auf. Diese bedeutet, dass nur ein Glied in der historischen Ereignis- und Kausalkette verändert wird. Alle anderen Bedingungen bleiben gleich. Damit wollen sie verhindern, dass die weiter unten beschriebenen Unwahrscheinlichkeiten in alternativen Geschichten überhandnehmen.

Blick aus einem Landungsboot der Operation Overlord auf den Omaha Abschnitt der Normandie
Ein Beispiel für eine Änderung für eine alternative Geschichte: Die Invasion der Alliierten in Frankreich 1944 scheitert. Die Entwicklung an den anderen Fronten bleibt aber vorerst gleich.
(Everett Collection/Shutterstock)

Daraus folgend stellte Demadt neben historischer Sachkenntnis und rational disziplinierten Fantasie folgende kurze Grundregeln für die Anwendung in der Geschichtswissenschaft auf:

  • minimaler Eingriff
    Am besten nur eine Veränderung in der Kausalkette, um Willkür zu vermeiden.
  • Selbstbeschränkung, was den Zeitraum angeht
    Je weiter er geht und sich vom realen Geschichtsablauf entfernt, desto eher kommt das Szenario in den Bereich Science-Fiction oder Fantasy.
  • Selbstkritik und Transparenz bei der Perspektive wahren
    Die Standards „normaler“ historischer Wissenschaft müssen gesichert bleiben, damit die Szenarien zum Verständnis beitragen.
  • Zuletzt eine Ermunterung
    Historiker sollen sich trauen, nicht nur die Standardszenarien zu erforschen, sondern auch wenig bekannte Punkte in der Geschichte angehen.
Foto der Steinernen Brücke und des Doms in Regensburg.
Auch Regionalgeschichte, wie hier der ehemaligen freien und Reichsstadt Regensburg, bietet interessante Hintergründe für alternative Geschichten.
(Eigenes Foto)

Dies klingt nun nach zahlreichen Einschränkungen: Allerdings sah Demandt die mögliche Bandbreite von Wende- oder Diversionspunkten keinen weiteren Restriktionen außerhalb der Naturgesetze unterworfen. Sofern die geschichtswissenschaftlichen Standards gewahrt bleiben, war für ihn jeder Gedankengang grundsätzlich möglich.

3. Welche konkreten Möglichkeiten gibt es für alternative Geschichten?

Dies führt unweigerlich zur im ersten Absatz gestellten Frage der Plausibilität einzelner Szenarien. Ausgehend von der „echten“ Geschichte leitet Demandt daraus folgende konkreten Möglichkeiten für alternative Szenarien ab:

  • Große Umbrüche bleiben aus
    Die Amerikanische und Französische Revolution finden nicht statt.
  • Abgeblockte Entwicklungen laufen weiter
    Der Aufstieg Schwedens im 16. und 17. Jahrhundert zur Großmacht in Nordeuropa setzt sich doch fort.
Karte von Schweden zwischen 1560 und 1660
Schweden beherrschte im 17. Jahrhundert nicht nur die Ostsee, sondern war auch eine europäische Großmacht. (Wikimedia Autor: Memnon335bc)
  • Knappe Konflikte haben ein anderes Ergebnis
    Die Schlachten von Gettysburg im Amerikanischen Bürgerkrieg oder von Stalingrad im Zweiten Weltkrieg haben andere Sieger und Verlierer.
  • Die historische Rolle einer Person wird durch eine andere übernommen
    Der Sozialdemokrat Kurt Schumacher wird statt des Konservativen Adenauer erster Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.
  • Geschichte verschiebt sich räumlich
    Frankfurt statt Bonn wird erste Bundeshauptstadt.
  • Historische Großereignisse laufen zeitlich verschoben ab
    Der Erste und Zweite Weltkrieg starten nicht 1914 und 1939.

4. Was für eine Bedeutung hat Unwahrscheinliches in der alternativen Geschichte?

Meiner Meinung nach kommt eine alternative Geschichte, in der Literatur mehr als in der Wissenschaft, nicht ohne einen Bezug auf Unwahrscheinlichkeiten in der Vergangenheit aus.

Denn konzentriert sich der Wissenschaftler und Schriftsteller zu sehr auf die Wahrscheinlichkeit und Plausibilität, landet er am Ende wieder bei der angeblich alternativlosen „realen“ Vergangenheit und Gegenwart.

Besonders die Wirkung des Zufalls, oftmals als „Schmetterlings-Effekt“ bezeichnet, trägt aber alternativen Szenarien oftmals Kritik ein. Dieser Effekt aus der Physik bedeutet, dass durch den Flügelschlag eines Schmetterlings Entwicklungen in der Atmosphäre angestoßen werden können, die auf einem anderen Kontinent einen Wirbelsturm auslösen.

Spiegelbildlich auf die Geschichte übertragen wäre quasi alles und nichts möglich. Diese theoretische Vielfalt der Möglichkeit kann wiederum dazu führen, dass die Plausibilität solcher Szenarien komplett lächerlich ist.

Gerade dieser Zufallsfaktor ist es aber, der Schlachten und Militärgeschichte so „attraktiv“ für alternative Geschichten macht. In diesem Fachbereich gibt es dafür sogar den Spezialbegriff „Friktionen“. Damit bezeichnete der Militärtheoretiker Carl von Claussewitz das unvermeidliche Geschehen von kleinen Verzögerungen, Fehlern und Missverständnisse in Schlachten und Feldzügen.

Gemälde der Schlacht von Waterloo
Die Schlacht von Waterloo 1815 gehört zu den häufigsten Ereignissen der Weltgeschichte, in denen Friktionen im Chaos der verschiedenen Gefechte die Basis für alternative Entwicklungen bilden. (Morphart Creation/Shutterstock)

Diese machen jede militärische Planung zur Makulatur und Gefechte durch Unvorhersehbarkeiten wie Wetter oder Gewalt gegen entscheidende Befehlshaber unberechenbar. Diese „Friktionen“ sind immer auch ein realer Faktor in historischen Ereignissen gewesen und müssen entsprechend in die Szenarienanalyse einfließen.

Ein weiterer Faktor aus dem Bereich des Unwahrscheinlichen sind sogenannte „Wildcard-Ereignisse“. Sie existieren in der Zukunftsforschung als „seltene und überraschende Ereignisse mit massiven Auswirkungen“. Zwei Bedingungen müssen für eine solche Entwicklung erfüllt sein: niedrige Wahrscheinlichkeit des Eintretens und hoher Einfluss auf die Entwicklung der Gegenwart.

Für alternative Geschichten ist daher zu beachten, dass solche Wildcards zwar in der Vergangenheit schon aufgetreten sind, aber zuvor relativ unwahrscheinlich waren. Sie sollten daher aus meiner Sicht nicht inflationär verwendet werden. Genau dies passiert gerne beim Thema des nächsten Absatzes.

5. Welche Gefahr stellt Wunschdenken für alternative Geschichten dar?

Der mächtigste Faktor in einer alternativen Geschichte stellt aber das Wunschdenken der Autoren dar. Auch Historiker verstoßen gerne in diesem „Rausch der Spekulation“ (Richard J. Evans) gegen die eigentlich aufgestellten Bedingungen und unterminieren damit aus Sicht ihrer Kollegen die Glaubwürdigkeit der Methodik.

Gefährlich, da unwissenschaftlich, wird es vor allem, wenn Szenarien mit einer Art Deus ex machina zur Lösung eines bestimmten Dilemmas beginnen.

Teilweise wird gerne eine geniale Einzelperson genutzt, um alle historischen Probleme zu lösen. 1979 bat zum Beispiel der BBC-Moderator Daniel Snowman zehn Historiker Beiträge zum Thema „Wenn ich … gewesen wäre“ zu liefern. Als Bedingung stellte er zwar, dass die Beiträge plausible Alternativen der Vergangenheit darstellen sollten.

Allerdings gerieten alle Autoren in die Falle des Wunschdenkens. Sie nutzten zum Beispiel ihr Wissen, um den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu verhindern. Zudem krankte allein die Fragestellung an der Einstellung, dass „große Männer“ die Geschichte bestimmen.

Porträt des Kaisers Friedrich III
Der kurzzeitig amtierende, liberal gesinnte deutsche Kaiser Friedrich III. wird in alternativen Geschichten häufig als Beispiel eines „großen Mannes“ genannt, der bei längerer Regierungszeit die deutsche Geschichte entscheidend verändert hätte.
(Oleg Golovnev/Shutterstock)

Der britische Historiker Richard J. Evans argumentiert daher leicht ironisch, dass der Erkenntnisgewinn von alternativen Geschichten eher darin liegt, dass die Leser viel mehr über die Überzeugungen und Hintergründe der wissenschaftlichen Autoren erfahren als bei normaler Geschichtswissenschaft. Dies lässt sich natürlich auch über die Schöpfer von Alternative History Literatur sagen.

6. Welchen Nutzen hat Wunschdenken für die alternative Geschichte?

Solches Wunschdenken lässt sich aber auch anders nutzen: Futurologen verwendengerne die Technik des „Backcastings“. Damit analysieren sie, wie die Gegenwart verlaufen müsste, um in der Zukunft ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen.

Ähnlich können Historiker auch bei alternativen Geschichten verfahren. Indem sie zum Beispiel fragen, wie der Erste Weltkrieg hätte verhindert werden können, sind sie erst einmal gezwungen, umfassend nachzuforschen, aus welchen Gründen er ausgebrochen ist. So verwendet, kann die Methodik sowohl für die Geschichte als auch für die Politik nützlich sein.

Verhaftung des Attentäters Gavrilo Princip kurz nach dem Mord an Erherzog Franz Ferdinand.
Eines der bekanntesten Wunschdenken für alternative Geschichten: Könnte der Erste Weltkrieg durch das Verhindern des Attentats von Sarajewo verhindert werden?
(Everett Historical/Shutterstock)

Für Szenarien, die sich mit der Gegenwart und klar politischen Dimensionen beschäftigen, halte ich das Wunschdenken sogar, wie auf der Seite „Was ist alternative Geschichte?“ beschrieben, für unabdingbar

Alternative Geschichte kann so auch bewusst machen, wie unwahrscheinlich tatsächliche Ereignisse, im positiven wie negativen waren. Als Beispiel dient der Zusammenbruch des Ostblocks und die Wiedervereinigung Deutschlands, die bis ins Jahr 1989 niemand vorausgesehen hatte. Dies bedeutet sowohl Erkenntnisse für die Vergangenheit als auch eine gute Einschätzung für die Gegenwart und deren Unabwägbarkeiten.

Solche Szenarienanalysen geben zusätzlich neue Einsichten in die Frage zwischen individuellen Spielräumen und (angeblichen) äußeren Umständen. Auch hier bieten sich wiederum Erkenntnisse für die Gegenwart und zum Beispiel deren politische Akteure.

Für den Publizisten Hans-Peter von Peschke ist daher das Befrieden von Wunschdenken, vor allem in der Literatur und deren verschiedenen Genres, vollkommen in Ordnung, da viele Menschen genau aus diesem Grund solche Geschichten lesen wollen. Sei es um sich an Dystopien zu gruseln oder an Utopien oder Satiren zu erfreuen. Wenn sie zusätzlich noch etwas daraus über die Geschichte lernen, umso besser.

Quellen und Literatur

  • Alexander Demandt: Es hätte auch anders kommen können. Wendepunkte deutscher Geschichte. Berlin 2015.
  • Johannes Dillinger: Uchronie. Ungeschehene Geschichte von der Antike bis zum Steampunk. Paderborn 2015.
  • Richard J. Evans: Veränderte Vergangenheiten. Über kontrafaktisches Erzählen in der Geschichte. München 2013.
  • Thomas Lindemann: Wenn Nazis siegen und die Schweiz Krieg führt. Alternative Geschichte, auf: welt.de (26.09.2008).
  • Peter Maxwill: Als Hitler den Krieg gewann. Alternativgeschichtsforschung, auf: spiegel.de (09.12.2013).
  • Hans-Peter von Peschke: Was wäre wenn. Alternative Geschichte. Darmstadt 2016.

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