Die Geschichte des Nachbarlandes ist nicht nur im Verhältnis zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen der Flamen und Wallonen reich an Wendungen. Belgien zeigt sich in den historischen Hintergründen auch von einer anderen Seite als der des „künstlichen“, nur zerstrittenen Landes.

Ankerpunkte

  1. 1302: Die erfolgreiche Brügger Frühmette und Sporenschlacht
  2. 1419: Der erste richtige Graf von Flandern
  3. 1485: Der gescheiterte Aufstand gegen die Habsburger
  4. 1567: Der kuriose Beginn des Achtzigjährigen Krieges
  5. 1577: Die gescheiterte Genter Pazifikation
  6. 1598: Die einmaligen belgischen Habsburger
  7. 1789: Die erfolglose Brabanter Revolution
  8. 1830: Die erfolgreiche belgische Revolution
  9. 1844: Der flämische Rechtschreibkrieg
  10. 1898: Das zweisprachig-einsprachige Königreich
  11. 1914: Das wehrhafte Belgien
  12. 1940: Die erfolgreiche Flucht der Exilregierung
  13. 1950: Die umstrittene Königsfrage
  14. 1952: Brüssel als „Hauptstadt Europas“
  15. 1963: Die starre Sprachgrenze

    Quellen und Literatur

1. 1302: Die erfolgreiche Brügger Frühmette und Sporenschlacht

Der Aufstand der flandrischen Städte gegen die französischen Besatzer entschied sich an zwei Ereignissen: erstens dem Massaker an der Brügger Garnison („Brügger Frühmette“) und zweitens der Schlacht gegen das französische Heer bei Kortrijk („Sporenschlacht“).

Foto der Statue der Anführer der Brügger Frühmette.
Noch heute steht auf dem Grote Markt von Brügge eine Statue mit den Anführern des Aufstandes, Jan Breydel und Pieter de Coninck.
(Eigenes Foto)

Damit verhinderte die reiche Grafschaft Flandern eine vorzeitige Integration in das Königreich Frankreich.

Wie hätte sich die Grafschaft Flandern unter französischer Besatzung weiterentwickelt?

2. 1419: Der erste richtige Graf von Flandern

Seine Vorgänger als Grafen von Flandern orientierten sich als Mitglieder des französischen Königshauses immer nach Frankreich. Erst Philipp der Gute (1396-1467) betrachtete seine flandrischen Ländereien als eigenen Komplex.

Daher begann er sie zu erweitern und aus bisher wenig zusammenhängenden Gebieten den Nukleus von Belgien (und den Niederlanden) zu schaffen.

Wie hätten sich Flandern und die anderen Gebiete entwickelt, wenn sich Philipp der Gute wie seine Vorgänger nach Frankreich orientiert hätte?

3. 1485: Der gescheiterte Aufstand gegen die Habsburger

Die Städte Gent und Brügge nahmen zeitweilig Kaiser Maximilian und dessen Kinder gefangen.

Jedoch scheiterten Pläne, sich als unabhängige Stadtrepubliken unter den Schutz Frankreichs zu stellen. Am Ende schlug der Kaiser den Aufstand nieder.

Was wäre gewesen, wenn sich Gent und Brügge unter französischen Schutz für unabhängig erklärt hätten?

4. 1567: Der kuriose Beginn des Achtzigjährigen Krieges

Eine vergleichsweise tolerante Religionspolitik provozierte calvinistische Aufstände. Zwar schlugen lokale Adelige und Autoritäten der spanischen Krone diese nieder. Aber der Brief mit dieser Erfolgsnachricht erreichte Madrid nicht rechtzeitig.

Daher kam es zu einer radikalen Intervention der spanischen Zentralgewalt, die den sogenannten Achtzigjährigen Krieg und die Abspaltung der Niederlande an dessen Ende auslöste.

Was wäre gewesen, wenn der Brief mit der Nachricht des niedergeschlagenen Aufstands rechtzeitig angekommen wäre?

5. 1577: Die gescheiterte Genter Pazifikation

Nach mehreren spanischen Niederlagen verhandelten die Generalstaaten der 17 Provinzen über einen Friedensvertrag, der das ganze Land unter dem aufständischen Prinzen von Oranien vereinte: Einzigartig waren Kapitel zur Glaubensfreiheit, die ein Unterdrücken von katholischen oder calvinistischen Minderheiten verboten.

Wegen religiöser Verfolgungen beider Seiten in einzelnen Provinzen scheiterte dieser Vertrag aber.

Wie hätte sich eine erfolgreichere Pazifikation auf die 17 Provinzen ausgewirkt?

6. 1598: Die einmaligen belgischen Habsburger

Der spanische König, Philipp II., übertrug die Herrschaft über die südlichen Niederlande an seine Tochter Isabella und ihren Mann.

Da die Ehe der vor Ort beliebten Statthalter ohne überlebenden Nachfolger blieb, entstand neben den spanischen und österreichischen kein dritter Familienzweig der Habsburger.

Wie hätte sich ein dritter Familienzweig der Habsburger auf die südlichen Niederlande und Europa ausgewirkt?

7. 1789: Die erfolglose Brabanter Revolution

Die sogenannten „Patrioten“ wehrten sich gegen die Reformen des Kaisers Joseph II., der alle seine Gebiete unter eine einheitliche Herrschaft bringen wollte.

Als Reaktion gründeten sie die „Vereinigten Belgischen Staaten“. Aber sie orientierten sich an der Regierungsform der mittelalterlichen Versammlungen der einzelnen Stände aus der Zeit vor den Reformen.

Am Ende scheiterte der Aufstand an einer Intervention der kaiserlichen Truppen.

Was wäre passiert, wenn die "Vereinigten Belgischen Staaten" weiterexistiert hätten?

8. 1830: Die erfolgreiche belgische Revolution

Der Aufstand richtete sich gegen die Vereinigung der französischsprachigen und katholisch geprägten Südniederländer mit den niederländischsprachigen und calvinistischen Niederlanden.

Reiterstatue des Königs Leopold I. von Belgien.
Wurde nach der Belgischen Revolution zum ersten belgischen König proklamiert: Reiterstatue von Leopold I in Antwerpen.
(Angelina Dimitrova/Shutterstock)

Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit und wenig Unterstützung aus dem Ausland war er erfolgreich.

Was wäre gewesen, wenn der Aufstand wie seine Vorgänger gescheitert wäre?

9. 1844: Der flämische Rechtschreibkrieg

Die flämische Elite forderte, die eigene Sprache mit dem bisher vorherrschenden Französischen gleichzustellen.

Aber erst im mehrjährigen „Spellingoorlog“, dem Rechtschreibkrieg, konnten sie sich auf eine Vereinheitlichung am Beispiel des Niederländischen einigen. Damit wurde Flämisch aus einer Regionalsprache mit unterschiedlichsten Dialekten zur zweiten Einheitssprache im französisch geprägten Königreich Belgien.

Wie hätte sich die Zweisprachigkeit von Belgien entwickelt, wenn Flämisch eine Ansammlung von Regionaldialekten geblieben wäre? 

10. 1898: Das zweisprachig-einsprachige Königreich

Wegen erheblichen Widerstandes der Wallonischen Bewegung gelang die Gleichstellung des Flämischen als Amtssprache Belgiens nicht. Dies führte zur Radikalisierung der Flämischen Bewegung.

Karte der flämischen, französischen und deutschen Sprachgrenzen in Belgien.
Aufteilung der heutigen Sprachgrenzen in Belgien.
(Wikimedia Autor: TUBS)

Dadurch kam es langfristig zu einem Ende der Zweisprachigkeit in allen Regionen des Landes und zur Aufteilung in zwei jeweils einsprachige Gebiete.

Wie hätte sich der belgische "Sprachenstreit" entwickelt, wenn Flämisch bereits 1898 Amtssprache geworden wäre?

11. 1914: Das wehrhafte Belgien

Als das Deutsche Reich am Beginn des Ersten Weltkrieges ein Durchmarschrecht durch das Königreich forderte, entschied sich die belgische Regierung nach kurzer Diskussion zum Widerstand.

Da die Bevölkerung dies mittrug, kollaborierte nur eine sehr kleine Minderheit der Flämischen Bewegung mit den Deutschen.

Wie hätte es sich auf den Ersten Weltkrieg ausgewirkt, wenn Belgien sich nicht verteidigt hätte?

12. 1940: Die erfolgreiche Flucht der Exilregierung

Nach der Kapitulation Belgiens im Zweiten Weltkrieg gelang Premierminister Hubert Pierlot und Außenminister Paul Henri Spaak, letzterer einer der Väter der späteren europäischen Einigung, nur unter abenteuerlichen Umständen die Flucht von Franco-Spanien in das Exil nach Großbritannien.

Was wäre gewesen, wenn die Flucht von Pierlot und Spaak gescheitert wäre?

13. 1950: Die umstrittene Königsfrage

Das Referendum um eine Wiedereinsetzung von König Leopold III., der unter dem Verdacht der Kollaboration mit den Nationalsozialisten stand, war durch eine Mehrheit in Flandern erfolgreich.

Als Reaktion kam es in Wallonien zu Streiks, Demonstrationen und Krawallen von Sozialisten und Kommunisten. Erst als beide Gruppen mit einer neuen Revolution drohten, dankte der König zähneknirschend ab.

Was wäre gewesen, wenn Leopold III. nicht zurückgetreten wäre?

14. 1952: Brüssel als „Hauptstadt Europas“

Die belgische Regierung schlug zuerst als einzige eigene Nennung Lüttich bei einer Auswahl der Standorte für die europäischen Institutionen vor.

Flaggen der Europäischen Union in einer Flagge und Flaggen der Länder der Europäischen Union.
Brüssel bietet neben der EU auch vielen Mitgliedsländern Raum zur Entfaltung.
(ASkwarczynski/Shutterstock)

Als sich die anderen Länder ebenfalls nicht dauerhaft einigen konnten, bewarb sich Brüssel erfolgreich.

Wo wären die Europäischen Institutionen gelandet, wenn Brüssel sich nicht beworben hätte?

15. 1963: Die starre Sprachgrenze

Wegen Forderungen der Flamen, die eine Ausbreitung des Französischen vor allem um Brüssel fürchteten, kam es zur Einrichtung von festen Sprachgrenzen.

Bis dahin hatte alle zehn Jahre eine Befragung diese flexibel festgelegt.

Wie hätte sich Belgien entwickelt, wenn die Sprachgrenzen auch noch 1963 alle zehn Jahre flexibel festgelegt worden wären?

Quellen und Literatur

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