Was wäre, wenn das Römische Reich im Jahr 800 noch existieren würde? In der realen Geschichte wollte der oströmische Kaiser Justinian nach der Rückeroberung Italiens und Roms seinen Cousin Germanus vielleicht zum neuen Kaiser des 476 untergegangenen Weströmischen Reichs machen. Doch Germanus starb an einer Krankheit und der Plan wurde nie weiterverfolgt. Doch was wäre gewesen, wenn Germanus von der Krankheit genesen wäre?

Im Jahr des Herrn 800 ist das christliche Abendland im Umbruch. Nicht nur steigen die Spannungen zwischen beiden römischen Reichen. Auch das Frankenreich strebt nach einem Platz jenseits des Schattens Roms. Während Kriege am Horizont immer deutlicher werden, rückt ein bisher unbekanntes Volk in das Zentrum der Ereignisse: das der Bajuwaren.

Karte von Europa mit dem Al-Andalus auf der iberischen Halbinsel, dem Frankenreich in Westeuropa, dem Weströmischen Reich in Italien und in Dalmatien, dem Oströmischen Reich in Griechenland und der Türkei und der Baiuvaria im heutigen Bayern.
Eigenes Bild, erstellt mithilfe von Copilot

Dieser Beitrag als Alternative History Roman erschien zum ersten Mal am 15. September 2020. Er wird seitdem immer wieder überarbeitet und mit neuen Kapiteln weitergeschrieben.

  1. Der schweigende Gesandte
  2. Der griechische Bootsmann
  3. Der abwesende Soldat
  4. Die barbarische Edle
  5. Der fremde Ratgeber

1. Der schweigende Gesandte

Ich musste weg. So schnell wie möglich. Und gleichzeitig nicht so tun. Nur so, als ob ich den Morgen genießen würde.

Als Gesandter Roms in Konstantinopel gehörte ich zu den bedeutendsten Männern dieser an Männern mit Bedeutung nicht armen Metropole. Normalerweise ein gewisser Schutz. Aber das Jahr des Herrn 800 war kein normales Jahr. Und deshalb ging ich nun wie ein gewöhnlicher Hafenarbeiter durch die Hauptstadt des östlichen Imperiums. Gekleidet in einem schäbigen Umhang. Und in nicht weniger schäbigen anderen Trachten.

Viele mögen mich dafür verachten. Ein Gesandter, der sich wie ein Dieb in der Nacht davonschleicht. Ein Vertreter Roms, der sich feige davon macht, wie ein ertappter Räuber.

Doch das war mir egal. Ich hatte keine andere Wahl.

Kurz fiel mein Blick auf eine Statue des aktuellen Kaisers in Rom. Sie stand in triumphaler Pose an einer Straßenkreuzung. Immerhin stand sie noch. Fielen die kaiserlichen Statuen, bedeutete das Krieg. Aber sie zeigte nur Spuren von mutwilliger Beschädigung. Keine bessere Beschreibung für das Verhältnis zwischen den beiden Imperien. Fand ich.

Ich lief weiter in Richtung des rettenden Hafens. Hatte kaum Augen für die Pracht des östlichen Imperiums, die sich langsam um mich herum begann, aus der Dunkelheit zu schälen.

Ich bemerkte in der weichenden Dämmerung eine weitere Statue vor mir. Kaiser Justinian und Kaiser Germanus. Dargestellt als Triumphatoren über alle Völker der Erde. Ausgerechnet.

Damit hatte der Abstieg des Imperiums begonnen. Und eine Entwicklung, deren heutige Fußnote mein vorzeitiges Ableben sein könnte.

Ich rastete kurz, um mich in der größer werdenden Helligkeit zu orientieren.

Dennoch blieb mein Blick an den beiden steingewordenen Männern heften. Manchmal fragte ich mich. Was wäre gewesen, wenn?

Vor über 300 Jahren war der Westen des Imperiums mitsamt Roms an die Barbaren verloren gewesen. Den letzten Kaiser hatten verräterische Generäle abgesetzt und die Insignien seiner nicht mehr vorhandenen Macht nach Konstantinopel geschickt. Doch dann hatte Kaiser Justinian das östliche Imperium zu neuer Blüte geführt. Gestützt auf seine besten Generäle entriss er den Barbaren Stück für Stück ihre Beute und eroberte sogar Rom zurück. Das Imperium schien wieder eine Zukunft gehabt zu haben.

Was wäre gewesen, wenn er sich danach nicht entschlossen hätte, mit Germanus einen seiner verdienstvollsten Generäle zum neuen Kaiser im Westen des Imperiums zu ernennen? Der zudem noch mit einer ostgotischen Frau verheiratet war und über gute Beziehungen zu den Überresten des weströmischen Senats verfügte.

Ich hatte einmal gelesen, dass Kaiser Germanus kurz vor seinem Aufbruch nach Rom und noch vor seiner Krönung fast einer Krankheit erlegen wäre. Die kaiserlichen Schriften behaupteten, dass seine wundersame Genesung alleine zeigte, dass Gott der Allmächtige hinter den Plänen Justinians stand.

Ich war, auch angesichts meiner aktuellen Lage, durchaus anderer Meinung.

Denn was wäre gewesen, wenn Gott in seiner allumfassenden Weisheit zu einem anderen Entschluss gekommen wäre? Würde es im Jahr des Herrn 800 nur ein Römisches Reich geben? Das geeint viel besser gegen die einfallenden Muslime bestanden hätte? Das im Osten nicht auf seine Provinzen in Griechenland und Kleinasien geschrumpft wäre? Das sich im Westen nicht nur an die territorialen Überreste in Italien und an der Grenze zum Osten klammerte?

Und das vor allem jetzt nicht vor der größten Krise seit den Zeiten von Justinian und Germanus stand. Einer Krise, die sich seit Jahren angedeutet hatte, als das östliche und westliche Rom immer weiter auseinanderdrifteten, als wären es unterschiedliche Staaten und nicht ein einziges Reich unter zwei Kaisern. Eine Krise, die wiederum mein Leben fordern konnte.

Ich huschte an der Statue vorbei. Wie ich hoffte, verstohlen. Ich näherte mich langsam dem vereinbarten Ort. Gleichzeitig erwachte um mich herum die Stadt zum Leben. War das potenziell gut für mich? Oder tödlich?

Als Gesandter war ein gewisses Maß an Feigheit nützlich. Niemanden zu beleidigen. Immer von allen unterschätzt zu werden. Dummerweise war dies in der unübersichtlichen Elite des östlichen Roms fast unmöglich. Oder nur für mich gewesen?

Irene von Athen hatte gezeigt, wie viel sie von Rom hielt. Nun gab es genügend Menschen in Konstantinopel, die vermeintliche Beleidigungen rächen wollten. Oder nur ihren Sadismus ausleben? Dagegen konnte ich nichts mehr tun. Außer mein Leben so schnell wie möglich zu retten. Als einzelner Mensch war ich machtlos im Spiel der Imperien.

Ich blicke mich nochmals subtil um. Sah keine Verfolger. Das konnte gut sein. Oder sehr schlecht? Zumindest erreichte ich den Hafen. Der mir mit seinem Lärm und Gestank etwas Schutz bot. Aber auch eventuellen Verfolgern? Ich musste überleben. Nur dann konnte diese Geschichte gut ausgehen. Oder nur für mich?

2. Der griechische Bootsmann

Du warst Christopheros Technitis und du warst zufrieden mit deinem Leben. Du hattest gerade den frühen Sommermorgen genossen. Um diese Zeit war es selbst im Kontoskalion-Hafen von Konstantinopel noch ruhig. Du hattest keine Schwierigkeit, über den Pier zu schlendern und das langsam erwachende Treiben zwischen den Schiffen zu beobachten. Solange dein Klient nicht auftauchte, konntest du genießen, wie die aufgehende Sonne langsam die Kuppel der Hagia Sophia und die Dächer des Kaiserpalastes zum Leuchten brachte. Immer wieder ein erhabener Anblick.

Hier zu leben, war selbst für Pöbel wie dich gelegentlich ein Privileg. Auch wenn die Rhomäer, wie die östlichen Römer sich nannten, nicht mehr wie vor Jahrhunderten das Mittelmeer alleine beherrschten, gehörte ihr Reich doch zu den Großmächten der bekannten Welt. In der Hauptstadt des Oströmischen Reiches kreuzten sich noch immer viele Handelswege und Völker. Dein ungewöhnlich blondes Haar an Kopf und Bart war dafür nur ein Beweis unter vielen.

Du nahmst deine kräftigen Hände in den Blick, als du vor deinem kleinen Ruderboot eintrafst. Du warst nun schon weit in deinen Dreißigern. Aber dein Körper war durch deine harte Arbeit immer noch so durchtrainiert, dass sogar junge Frauen erröteten, wenn du sie ansprachst. Und das tatest du gerne.

Schwarz-Weiß-Zeichnung eines ernst dreinblickenden muskulösen Mannes in Fischerkleidung. Er hält in der einen Hand einen Dolch und in der anderen Hand ein Ruderblatt.
Eigenes Bild, erstellt mithilfe von ChatGPT.

Du warfst einen kurzen Blick auf die Umgebung um dein Boot. Die übliche Mischung aus ehrlichen und nicht so ehrlichen Menschen. Einer davon hatte noch eine Rechnung mit dir offen. Für ihn hattest du aber jetzt keine Zeit. Und du konntest keinen Ärger bei deinem Auftrag brauchen. Du hast ihn mit deinem Blick fixiert, bis er es bemerkte. Er wich deinem Blick zuerst nicht aus und schien kurz zu überlegen.

Ohne hinzusehen, hast du nach dem Dolch getastet. Ein hochwertiges Stück aus den kaiserlichen fabricae. Nichts, was jemand an diesem Pier gewöhnlich trug. Alles war so, wie du es brauchtest. Deine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Dein Gegenüber war ebenso kräftig wie du und vielleicht sogar etwas größer. Doch nach seinen Bewegungen zu urteilen, war er nicht so schnell wie du. Und er hatte nur wenige Narben an seinen Händen. Ganz im Gegensatz zu dir. Der Mann schien zu ähnlichen Gedanken gekommen zu sein, wie du. Denn er verließ schnell den Pier.

Du würdest trotzdem erst im letzten Moment in dein Boot steigen.

Das Leben hatte es bisher gut gemeint mit dir. Konstantinopel war eine Stadt voller Möglichkeiten für Leute deines Schlags. Und es würde noch besser werden, wenn du deine heutige Arbeit erledigt hättest. Es klang einfach: einen Passagier zu einem Schiff rudern, das bereits vor einer Stunde langsam den Hafen verlassen hatte und nun letzte Vorbereitungen traf, draußen die Segel zu setzen. Niemand war besser als du darin, im langsam erwachenden Irrsinn, der normalerweise den Hafen prägte, die schnellste Route zu den Segelschiffen am Bosporus zu finden. Und niemand war schweigsamer. Das war in diesem Falle die wichtigere Eigenschaft, fandest du, während du dein Boot nochmals von außen in Augenschein nahmst. Zu überstürzt erschien dir dein Auftraggeber.

Zum Glück hattest du noch vielfältige andere Talente, die in Konstantinopel seit mehr als 20 Jahren dein Überleben sicherten. Als Sohn eines Fischers hattest du zum Beispiel bemerkt, wie hastig das Schiff den Hafen noch bei Dunkelheit verlassen hatte. Für alles andere, was dafür der Grund sein konnte, hattest du dir diskret den Dolch erworben.

Du hast dich nochmals umgesehen. Bisher erkanntest du niemanden weiteren, der den Dolch nötig machen würde.

Auch wenn deine Auftraggeber versucht hatten, ihren Hintergrund zu verbergen, warst du dir sicher: Wie solche Dilettanten konnten nur die Halbbarbaren aus dem westlichen Rom arbeiten. Jeder niedrige oströmische Beamte hätte sich neben solchen Amateuren geschämt. Für die letzten Dilettanten, mit denen du zu tun gehabt hattest, war das schlecht ausgegangen. Aber sie hatten sich auf der anderen Seite deines Dolches befunden. Vielleicht würdest du sie kurz bei deinem Auftrag grüßen. Der Grund des Hafens war doch ziemlich einsam.

Manchmal fragtest du dich, ob deine Handlungen einmal Konsequenzen jenseits der unmittelbaren Gefahr hervorrufen würden. Die Priester, die dich vor 20 Jahren ein wenig ausgebildet – und mehr verprügelt hatten, bevor du geflohen warst –, hätten diese Frage sicher mit Ja beantwortet. Doch ihr Verhalten und das Verhalten der gesamten Stadt Konstantinopel verhöhnten diese christliche Moral bei jedem Sonnenaufgang. Doch die Priester hatten dir auch andere Möglichkeiten gezeigt. Aus ihrer Sicht nur, um die Überlegenheit des Christentums gegenüber seinen heidnischen Vorgängern zu beweisen. Sie schilderten dazu Männer, die so sehr in ihren Gedanken über die Welt versunken waren, dass sie in Brunnen fielen und von Mägden verspottet wurden. Doch in dir hatte etwas anderes einen Funken entzündet. Es waren Männer gewesen, die sich Gedanken über die großen Fragen der Welt gemacht hatten, unabhängig davon, was andere von ihnen dachten. Gedanken, die dich seitdem nicht mehr losließen. Auch wenn die Gosse von Konstantinopel keine Schule für diese Art Gedanken war, hattest du seitdem jede Gelegenheit genutzt, ihnen nachzugehen.

Du sahst dich nochmals um, während immer mehr Männer mit lautem Geschrei in einem schwer zu durchschaubaren Chaos den Hafen durchquerten. Du warst kein Philosoph wie die alten Griechen und Römer. Du konntest es dir nicht leisten, in einen Brunnen zu fallen.

Deshalb hattest du bei diesem Auftrag, wie immer, nicht nachgefragt. Du wusstest, was auf dem Spiel stand, schon alleine aufgrund der Bezahlung, die deine Auftraggeber nach einer viel zu kurzen Verhandlung herausgerückt hatten. Und jeder in Konstantinopel wusste, dass es um das Verhältnis zwischen den beiden Imperien nicht zum Besten stand. Nicht, seitdem Kaiserin Irene ihren Sohn geblendet und wieder die Regierung übernommen hatte.

Du hattest deinen Klienten sofort bemerkt. Der Kleidung nach zu urteilen eine hochgestellte Persönlichkeit, die so tat, als hätte sie sich als einfacher Hafenarbeiter verkleidet. Also wirklich, die Halbbarbaren. Du sprangst ohne große Eile in dein Boot. Und ohne den Klienten aus dem Blick zu verlieren. So offensichtlich in seinem Versuch, seine Nervosität zu verbergen. Und so offensichtlich in tödlicher Gefahr an diesem eigentlich friedlichen Morgen. Umso ruhiger bist du geblieben und hast ihn erst zu dir gewinkt, als sich eure Blicke trafen. Bevor dein Klient im Boot überhaupt Halt gefunden hatte, hattest du es bereits losgemacht und den ersten Ruderschlag getan. Dein Bauchgefühl sagte dir, dass es besser war, wenn du dich noch schneller bewegen würdest als sonst.

Natürlich solltest du recht behalten: Aus reinem Instinkt heraus gingst du in Deckung, als du ein sehr vertrautes Zischen in der Luft hörtest. Dein Klient, nervös, stolpernd auf dem schwankenden Boot, war weder so erfahren noch so schlau gewesen. Das sagte dir der Schrei sofort.

3. Der abwesende Soldat

Um Präfekt Maurikius Vulneratus, Oberbefehlshaber der III. italischen Legion, war die Hölle los. Männer schrien um ihn herum, als das massive Wildschwein kreischend auf ihn zukam. Die Sauhatz galt nicht umsonst als Mutprobe für die Edlen der Bajuwaren.

Lange war die Gruppe aus Bajuwaren und Römern durch die Sümpfe geschlichen, auf der Suche nach ihrer Beute. Vulneratus hatte seine wenigen Männer auf dieser Jagd sorgfältig ausgewählt. Obwohl die römische Armee in den vergangenen Jahrzehnten mehr in Überfällen und kleinen Scharmützeln gekämpft hatte, war das Waten durch das feuchte und schlammige Gelände für viele ihrer wenigen Offiziere unter ihrer Würde. Vulneratus hatte ein kurzes Dankgebet an den allmächtigen Gott gesandt, als sie das Wildschwein endlich aufgespürt und aufgescheucht hatten, während es sich arglos an einem Baum gerieben hatte.

Doch diese Überraschung war schnell vergangen, und der angegriffene Keiler ging mit einer Masse, die jeden Mann in der Gruppe übertraf, zum Angriff über.

Aber Vulneratus sah den nahenden Tod nicht. Stattdessen waren die Bilder wieder da.

Er war ein komplett grüner, bartloser Rekrut gewesen. Nur hatte er das nicht gewusst. Er wusste es erst bei seiner ersten Schlacht auf einem namenlosen Feld in Pannonien. Eine Welle an Reitern kam plötzlich schreiend auf ihn zu. Automatisch tastete er mit seinem linken Arm. Aber er fand es nicht. Anstatt zu kämpfen oder wenigstens wegzulaufen, erstarrt er wie ein Stein. Die Reiterkrieger der Awaren kamen immer näher. Er sah schon das Blitzen ihrer Schwerter und seine starren Augen erkannten sogar die Sehnen ihrer gefürchteten Bögen. Immer noch tastete sein linker Arm trotz des gelähmten restlichen Körpers. Aber er fand es nicht. Er hätte dort schon sterben sollen.

Der Keiler holte ihn mit einem markerschütternden Schrei zurück.

Dann übernahm wieder der Römer in ihm das Kommando und seine Reflexe aus einem Leben voller Kämpfe retteten ihm das Leben. Instinktiv sprang er zur Seite und entkam so den 200 Kilogramm, die an ihm vorbeirasten. Nun voll in seinem Element, hielt er trotz der schnellen Bewegung die Balance und stieß in einer fließenden Bewegung mit seiner Lanze nach dem Wildschwein.

Als er wieder komplett bei Sinnen war, lag der Eber schon im Sterben. Die Jagd war erfolgreich beendet.

Er streifte routiniert die letzten Reste der Verwirrung ab, als die übrigen Männer schnell näherkamen. Einer der bajuwarischen Jäger klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Vulneratus war einer der wenigen Römer, die der Bajuware nicht um mehr als einen Kopf überragte.

„Ihr Römer versteht etwas von der Jagd“, sprach er in einem wegen seines harten Dialektes kaum verständlichen Latein.

Vulneratus war bewusst, dass dies ein großes Kompliment gegenüber einem Landesfremden war. Doch er verkniff sich jeden Ausdruck des Triumphs. Es wäre ungehörig gewesen, sich gegenüber den Einheimischen beim ersten Zusammentreffen so zu gebärden. Es hätte gegen die römische Tugend der pietas, den Respekt für die natürliche soziale Ordnung, verstoßen.

Außerdem verstanden er und seine Männer die Bajuwaren kaum. Und umgekehrt.

Vulneratus lag dennoch richtig: Während seine Begleiter zuerst jubelten, wechselten die Einheimischen Blicke schweigend. Er war in erster Linie Soldat, aber er hatte sich über seinen Auftrag, wie es die römische Tugend der prudentia, der Voraussicht, verlangte, informiert. Diese Gesandtschaft würde ankommen. Daher schwieg er ebenso, bis auch seine Männer verstummten. Er hatte sie vorher persönlich ausgewählt. Nicht nur anhand ihrer Fähigkeiten bei der Jagd. Sondern auch im schnellen Gehorchen.

Das Volk in diesen Landen war zwar barbarisch, aber im Moment ein Verbündeter Roms.

Kurz gedachten die Männer stumm des Sohns des Herzogs, der vor Kurzem eine solche Sauhatz nicht überlebt hatte.

Anschließend begannen die Bajuwaren, das Wildschwein für den Transport ins Lager vorzubereiten.

Ein seltsames Volk mit seltsamen Traditionen, das hier zwischen der Zivilisation Roms und den fast unbewohnten Wäldern Germaniens hauste, dachte Vulneratus. Weder Vulneratus noch sie selbst schienen zu wissen, woher sie ursprünglich gekommen und weshalb sie in den ehemaligen römischen Provinzen Rätien und Noricum aufgetaucht waren, als Rom wieder seine Fühler gen Norden ausgestreckt hatte. Vulneratus hoffte, bald mehr über diese Leute herauszubekommen. Als Angehöriger der elitären equites singulares Augusti, die als die berittene Garde des Gesandten diente und den Kern der neuaufgestellten Legion bildete, musste er alles wissen, was es über diese Bajuwaren zu wissen gab.

Er überprüfte kurz den Griff seines Schwertes am Gürtel. Verbündete hin oder her. Wenn die Bajuwaren seinem Auftrag in die Quere kamen, würde er als Römer und Soldat handeln, wie er es immer gemäß seiner Pflicht getan hatte.

„Präfekt.“

Sein Dekurio, der ihn als sein Stellvertreter als einer der wenigen Römer bei der Jagd begleitet hatte, trat neben ihn. Unbewusst versteifte sich Vulneratus.

„Dekurio.“ Es war sein erstes eigenständiges Kommando. Obwohl sie bereits seit Wochen unterwegs waren, behielt Vulneratus zu seinen Untergebenen die Distanz, die zwischen Offizieren der römischen Armee angemessen war. Und die ihm im Notfall genügend Raum zum Ziehen des Schwertes gab.

„Wir können froh sein, wenn wir diese Sumpflandschaft am nächsten Tag hinter uns lassen können“, begann der Dekurio auf Latein in einem vorsichtigen Tonfall. „Die Bajuwaren versichern, dass wir den Fluss bald bei einer Furt an einem Kloster passieren und wieder in angenehmere Gegenden kommen, wo wir die Pferde besser nutzen können.“

In diesem Moment hatten die bajuwarischen Jäger das Schwein mit Seilen so vorbereitet, dass sie es zu viert in das Lager schleppen konnten. Vulneratus sah zu seinem Dekurio, der den Bajuwaren als Erster zu folgen begann. Ihm fiel dessen misstrauischer Blick in Richtung der eigentlichen Verbündeten auf. Vor allem, da er sich selbst diesen Blick erst mühsam abgewöhnt hatte. Zumindest, ihn so offen zu zeigen.

„Angenehmere Gegenden“, wiederholte Vulneratus tonlos, als er der Gruppe als Letzter folgte, und schnaubte innerlich über diese Einschätzung. Nach außen fuhr er sich durch den schwarzen Bart, in dem sich immer mehr weiße Strähnen mischten. Er musste ihn dringend wieder schneiden, wenn es die Umstände zuließen. Verlotterte der Befehlshaber, sank auch die Disziplin der ganzen Truppe.

Zum wahrscheinlich hundertsten Mal, seitdem sie in Rom aufgebrochen waren, ging er im Gedächtnis alle Männer durch, die zu seiner Legion gehörten. Einer Legion, die wie viele andere vor ihr, auch einmal ihre Unzufriedenheit durch einen überraschend toten Befehlshaber zeigen konnte. Seine Truppe bestand aus besonders unterschiedlichen Mitgliedern mit unterschiedlichen Vorstellungen von angenehmen Umständen. Als ihr Oberbefehlshaber musste er sie alle im Blick behalten.

Schwarz-Weiß-Zeichnung eines ernst dreinblickenden Mannes mit Vollbart, gerüstet mit einem Kettenhemd und Umhang, einem langen Schwert und einem runden Schild.
Eigenes Bild, erstellt mithilfe von ChatGPT

Während die Soldaten ihre Unterkunft in einem Gehöft namens Kisoing als luxuriös empfanden, beschwerten sich die Mitglieder der Gesandtschaft ständig. Die Handwerker und Händler, die beiden Gruppen zu Diensten waren, waren ohnehin nur an ihren eigenen Geschäften interessiert. Das war sie also, die neue III. italische Legion, die im Auftrag des Kaisers in Rom ihre Verbündeten und die Interessen des Imperiums im Norden unterstützen sollte. Kein Vergleich zu ihrer ruhmreichen Vorgängerin. Aber umso entschlossener war er als ihr Kommandant, seine Pflicht zu tun und die unterschiedlichen Köpfe zu einer Legion zu machen.

Der Dekurio riss ihn erneut aus seinen Gedanken. Vulneratus konnte gerade noch den Impuls unterdrücken, das Gesicht missbilligend zu verziehen.

„Immerhin reichen die Bauernhöfe an diesem Bachlauf aus, um die Legion so weit zu versorgen, dass wir uns einmal der Sauhatz hingeben konnten.“ Den Dekurio schien die Jagd zumindest etwas amüsiert zu haben. Vulneratus sah keine Notwendigkeit, das zu kommentieren. Er behielt sowohl gegenüber dem Dekurio als auch gegenüber den Bajuwaren weiter Abstand.

Die Gruppe näherte sich langsam mit ihrer Beute dem Lager. Während die Bajuwaren inzwischen in ihrer Sprache lebhafte Unterhaltungen führten, schwiegen Vulneratus und der Dekurio wieder. Vulneratus war das ganz recht. So konnte er die Gegend weiter in Augenschein nehmen.

Er wusste, dass diese Region einmal römisch gewesen war. Die Bajuwaren behaupteten, dass sie etwa die alten Straßen noch nutzten. Doch er hatte bisher zu seinem Kummer kaum Spuren seiner Zivilisation gefunden. Vielleicht würde er fündig werden, wenn sie die herzogliche Pfalz namens Frigisinga erreichten.

Vulneratus schaltete diese Gedanken wie immer aus, als die Gruppe das provisorische Lager betrat, das seine Männer aufgeschlagen hatten.

„Die Feldbefestigungen sind etwas nachlässig.“ Der Dekurio war wieder neben ihm. Vulneratus erkannte ein ihm inzwischen bekanntes Lauern in dessen Blick.

„Sie erfüllen ihren Zweck“, antwortete er vorsichtig. Die Tugend der prudentia erforderte auch die Weisheit von ihm, dass es schon ein Erfolg war, seine Soldaten jeden Tag zum Aufbau dieser Befestigungen bewegt zu haben. Und dennoch seinen Kopf jeden Morgen danach noch auf seinen Schultern vorzufinden. Zumindest die Bajuwaren waren von den Befestigungen jedes Mal beeindruckt. Das zeigte sowohl ihre Bewunderung für die Leistungen Roms als auch ihren Mangel an militärischen Kompetenzen.

Der Dekurio nickte und schien mit der Antwort zufrieden zu sein. Vulneratus hatte auch dieses Gefecht erfolgreich ausgefochten.

Er hörte schon das Wiehern der vielen Pferde. Die Mehrzahl seiner wenigen brauchbaren Soldaten war stolz auf ihren Status als catafractarii, die als schwer gepanzerte Kavallerie die Elite des römischen Heeres im Westen darstellten. Auch die Bajuwaren hatten eine Vorliebe für die Pferdezucht. Daraus hatte sich zumindest zwischen zwei Gruppen ein Gesprächsthema jenseits der diplomatischen Etikette ergeben. Zumindest in einer seltsam ungelenkten Mischsprache aus Bajuwarisch, dem einfachen Latein der Legionäre sowie verschiedenen Gesten.

Aber bisher gab es diese Verbindung nur bei den Pferdenarren. Vulneratus setzte daher wieder die Maske des Präfekten der III. italischen Legion auf, als sie das Lager durchschritten.

Erst recht, als er dem Gesandten begegnete. Dieses Mal schaffte er es sogar beim Grüßen, dessen entstellende Narbe auf der rechten Kopfseite zu ignorieren. Der Gruppe um die bajuwarische Magistra wich er von vorneherein routiniert aus.

4. Die barbarische Edle

Pilitrud von den Anniona sah nicht zum ersten Mal auf die Stadt herab. Doch zum ersten Mal fiel ihr auf, wie klein sie war. Ratisbona. Oder wie es ihre römischen Begleiter stoisch nannten: Castra Regina. In jedem Fall die metropolis, der Hauptsitz des Herzogs der Bajuwaren. Sie erkannte von diesem Berg aus sogar die Einteilung der Stadt, die ihr in einem anderen Leben verborgen geblieben war. In der Mitte noch gut sichtbar das Quadrat des ehemaligen römischen Lagers. Darum breitete sich immer mehr eine neue Siedlung aus, die schon zu einer eigenen Vorstadt herangewachsen war.

Hatten die Jahre im alten Rom also doch etwas gebracht.

Sie atmete tief ein, um sich für das, was heute noch kommen konnte, zu wappnen.

Als Mitglied der Anniona gehörte sie zum höchsten Stand der Bajuwaren. Ihr Clan gehörte wie vier andere zu den weitverzweigten Geschlechtern, die bereits vor den Herzögen der Agilolfinger im Land der Bajuwaren gelebt und geherrscht hatten. Und sich über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Fehden geliefert hatten. Nicht umsonst wurden die Anniona sogar in der Lex Baiuvariorum, dem Gesetzbuch der Bajuwaren, als eines der vornehmsten Geschlechter des Landes genannt. Sie hatte eine Handschrift davon in ihrem unfreiwilligen Exil immer wieder gelesen, um die Bedeutung ihrer Herkunft nicht zu vergessen.

Pilitrud von den Anniona zeigte diesen Anspruch seit ihrem Aufbruch in Rom jeden Tag durch ihre golddurchwirkte und teuer gefärbte Kleidung deutlich nach außen. Sie versuchte, entspannt zu wirken, während sie auf ihrem ausgeklappten Stuhl saß und eine Magd ihren bis zum Bauch reichenden Zopf kämmte. Selbst wenn die Bajuwaren sie nicht offiziell willkommen heißen würden. Selbst wenn weder Römer noch die meisten Bajuwaren noch etwas mit dem Namen der Annonia anfangen konnten, zeigte sie, dass ihr Geschlecht nicht vergessen werden konnte. Nicht, solange sie lebte.

Schwarz-Weiß-Zeichnung einer jungen Frau mit langem Zopf. Gekleidet mit einem langen geschlossenen Kleid, einem Mantel, einem Schwert am Gürtel und einem Mantelumhang.
Eigenes Bild, erstellt mithilfe von ChatGPT

Sie streckte sich auf ihrem Stuhl und warf einen kurzen Blick auf den Rest der Gesandtschaft.

Die Soldaten begannen, ihre Schilde und Rüstungen anzulegen. Bisher hatten sie die Rüstungen nur teilweise und die Schilde auf dem Rücken getragen. Beides sah aber nicht so aus, wie sich viele eine Legion Roms vorstellen würden. Also nutzen die Männer die Pause, wie die Gesandtschaft, um sich für die in ihren Augen barbarischen Verbündeten herauszuputzen.

Sie würden von diesem Berg aus in die Stadt ihres Verbündeten einmarschieren, wie ein triumphierendes Heer. Eine Demonstration, die Pilitrud von den Anniona als durchaus zweischneidig empfand. Ebenso wie die Benennung der Krieger nach der Legion, die einst Ratisbona besetzt hatte. Doch sie verzichtete darauf, beides gegenüber irgendjemandem in der Gesandtschaft kundzutun. Nicht einmal er würde dafür Verständnis haben.

Während die Magd begann, ihr Armreife, einen Stirnreif und die Halsketten mit den Kreuzen aus Blattgold anzulegen, wandte sich Pilitrud von den Anniona einem Anblick zu, den sie bisher stoisch ignoriert hatte. Ob die Bajuwaren die wenig diplomatischen Manöver der Römer vorhergesehen hatten, wusste sie nicht. Sie glaubte allerdings nicht an einen Zufall, dass den Römern ihr letzter Lagerplatz in Sichtweite eines Galgens auf dem Berg vor Ratisbona zugewiesen worden war. Sie musterte aus der Entfernung die dort liegenden, offen verwesenden Leichen. Der Lagerplatz war weit genug weg, dass ihr zumindest der Verwesungsgeruch erspart blieb.

Sie seufzte kurz. Sie hatte in ihrem Leben bereits genug Leichen gesehen und gerochen.

Das Gesetz der Bajuwaren wandte sehr selten die Todesstrafe an. In diesen dünn besiedelten Landen war jede Arbeitskraft zu wertvoll, um sie nutzlos herumbaumeln zu lassen. Eine Tatsache, die Pilitrud wusste. Doch da bis auf eine Ausnahme niemand sie bei den Römern danach gefragt hatte, behielt sie auch dieses Wissen für sich. Die Botschaft der Bajuwaren sollte aus ihrer Sicht bei den Römern ruhig ankommen. Für die Römer, für die selbst Pilitrud von den Anniona nichts anderes war, als eine der ungewaschenen Barbaren, die eine Schwächephase des Imperiums genutzt hatten.

Sie löste ihre Blicke vom Galgen und bemerkte ihrerseits die Blicke, welche ihr die Römer zuwarfen, wenn sie sich unbemerkt von ihr fühlten. Mit kalkulierter Absicht richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf. Auch wenn es der Magd erschwerte, ihr den Umhang umzulegen. Dieser schützte sie nicht nur vor dem nebeligen Wetter, das diese Lande auszeichnete, sondern zeigte durch sein leuchtendes Blau und die bestickten, sich verschlingenden Drachenfiguren, dass neben den Römern noch ein weiterer edler Besuch in Ratisbona stattfinden sollte.

Manche Römer musterten sie trotz ihrer fertigen Gewandung weiter mit unverhohlenen Blicken, die ihr zeigten, dass sie mit Ende 20 immer noch eine attraktive Frau war. Sie nahm es inzwischen ohne Reaktion hin, dass sie für diese Männer nur eine exotische Wunschvorstellung war, keine ernst zu nehmende potenzielle Partnerin. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie den meisten ohne Probleme die Kehle durchgeschnitten hätte, bevor diese auch nur in die Nähe der Nähte ihres Kleides gekommen wären. Dann gab es noch diejenigen, die ihren Blick mieden, als sei sie eine der Dämoninnen, die die Römer selbst noch vor wenigen Jahrhunderten verehrt hatten. Sie nahm diese Haltung als vorteilhafter hin als die der Lüstlinge. Zudem überragte sie die meisten dieser Männer ohnehin um mindestens einen Kopf.

Der Rest der Gesandtschaft ignorierte sie. Das war ihr so über die gesamte Reise hinweg recht gewesen. Nur zwei Männer waren in dieser Gruppe wichtig für sie.

Sie streckte sich erneut und prüfte, ob sie diese beiden Männer wie immer im Blick hatte. Dieses Verhalten war ihr auf der Reise in Fleisch und Blut übergegangen.

Es gab ihn, der gerade die angelegten Rüstungen der Krieger überprüfte. Er mied ihren Kontakt seit Beginn der Abreise aus Rom konsequent. Ihr war bewusst, dass er das nicht wegen ihrer Person tat. Sondern aus irgendeiner altertümlichen Vorstellung von Tugend, die sie an ihm schätzte. Auch wenn es sie dennoch schmerzte. Manchmal so sehr, dass sie ihm direkt gesagt hätte, warum sie, er und manch anderer wirklich Teil dieser Gesandtschaft waren.

Was sie in keinster Weise schmerzte, war der Abstand zum Gesandten, der gerade einen prächtigen Mantel anlegte. Dieser hatte zwar immer wieder das Gespräch mit ihr gesucht und sie über ihr Volk ausgefragt. Ihr war jedoch schnell klar geworden, dass sein Interesse nur geheuchelt war. Eigentlich wollte er so wenig wie möglich mit ihr oder den Bajuwaren zu tun haben. Eine Einstellung, die ihr mehr als vertraut war, seit ihrem Aufbruch in das alte Rom.

Doch ihr war das egal. Sie hatte andere Ziele als die römische Gesandtschaft. Oder die Bajuwaren, die sich inzwischen vor der Stadtmauer versammelten, um ihre Verbündeten willkommen zu heißen.

Ihr Gesicht verhärtete sich, wie immer, wenn sie daran dachte.

Sie erinnerte sich noch genau an jenen Tag kurz vor ihrem Aufbruch. Auch, wenn es Jahre her war. Als ihre Sippe am ersten warmen Tag des Frühjahrs die Leichen ihrer Brüder herausgeholt hatte, um sie endlich im aufgetauten Boden zu beerdigen. Sie waren gemeinsam gestorben und wurden gemeinsam in die Ewigkeit übergeben, wie es bei solchen Anlässen Tradition war. Unbewusst griff sie nach dem Elbenpfeil aus Bronze, den sie unter ihrem Umhang und zwischen den schmückenden Halsketten versteckt hatte. Solche Amulette sollten vor Krankheit und Bösem schützen. Doch sie hatten ihren Brüdern in der Fehde nichts genutzt, die fast ihre Sippe ausgelöscht hatte.

Sie war gerade erst in das heiratsfähige Alter gekommen. Daher schickte ihr Vater sie mit 12 Jahren nach Italien. Um einen Mann zu heiraten, der schon auf dem Sterbebett lag, als sie gerade die Alpen überquerte. Um ein Bündnis zu stärken, dem weder die Herzöge der Bajuwaren noch die Kaiser der Römer genug vertrauten, um es selbst mit Heiraten ihrer Sippen zu besiegeln. Aber auch, um dem möglichen Untergang ihrer Sippe zu entgehen.

Ihr Mann war tot.

Das Bündnis zwischen Bajuwaren und Römern war nach wie vor zerbrechlich.

Was aus ihrer Sippe geworden war, wusste sie bisher nicht.

Doch die Jahre in Italien hatten sich dennoch gelohnt.

Als Mitglied der Oberschicht der Bajuwaren war sie zwar für die Verhältnisse ihres Stammes gebildet, konnte auf die Beizjagd gehen, Brettspiele spielen und die Heldensagen der Vergangenheit auf der Leier spielen. Doch ungebunden und mit einem Geschlechternamen versehen, der bei vielen Römern die Illusion von zivilisierten Vorfahren weckte, hatte sie sich das wiedererstandene Imperium genauer ansehen können als manch anderer Bajuware. Sie hatte viel gelernt. Und sie war entschlossen, dieses Wissen zu nutzen.

Ganz bewusst fasste sie sich an die Spatha, die an ihrem Gürtel hing. Das zweischneidige Langschwert war eines der besten Schmiedestücke, das ihr Volk hervorbringen konnte. Es hatte sie nach Italien begleitet und ebenfalls nun bei ihrer Rückkehr.

Sie lächelte dabei kurz, was einen vorbeigehenden römischen Handwerker zurückschrecken ließ. Der Mann verließ mit schreckgeweiteten Augen den Umkreis um sie.

Zu Recht.

Denn bei den Blutfehden der Bajuwaren waren die Frauen nicht nur Opfer.

5. Der fremde Ratgeber

Manuel Palaiologos verzog keine Miene, auch wenn er zum wiederholten Male in diesem Heerlager in etwas getreten war, was er besser nicht wissen wollte. Ihm war bewusst, dass er sich auf einem Schlachtfeld bewegte, auf dem der Untergrund sein geringstes Problem war. Trotzdem zog er seinen dicken Reisemantel noch enger an sich, bevor er das kleine Lager seiner Delegation verließ. Nur die goldene Fibel an seiner Schulter zeigte noch, dass ihr Besitzer wohl der reichste Mensch in diesem Lager war. Ebenso der Schmuckring an seinem linken Ringfinger. Mehr wollte er von seinem Reichtum allerdings auch nicht zeigen.

Im Gegensatz zu ihm blieb sein Leibwächter unbeeindruckt vom kalten und nassen Klima dieser dunklen Wälder. Die Chasaren stammten von der Pontischen Steppe an den nördlichen Füßen des Kaukasus. Sie waren schlimmeres Wetter gewohnt. Palaiologos hatte sie auf seinen zahlreichen Feldzügen in Kleinasien auch deshalb immer mehr als Leibwache zu schätzen gewusst.

Nur kurz dachte er an die vertraute Silhouette von Konstantinopel, das er vor Monaten verlassen hatte, um in das barbarische Frankenreich zu kommen. Bisher hatte er auch diesen Feldzug trotz der ungewohnten Umstände überlebt. Er hatte die winterlichen Stürme des Mittelmeeres überstanden und war – der Muttergottes sei Dank – von der Gefahr der arabischen Piraten verschont geblieben. Und auch die westlichen Römer hatten bei den Aufenthalten in ihren Häfen seine Anwesenheit nicht bemerkt.

Zu seiner Enttäuschung hatte ihn das Barbaricum nicht überrascht. Hatte er bei seiner Ankunft im Hafen von Narbona noch gehofft, auf Spuren der römischen Zivilisation zu treffen, hatte ihn der Anblick der zahlreichen Ruinen eines Besseren belehrt. Im gesamten Frankenreich hatte es nicht besser ausgesehen, auch wenn sein geübtes Auge die – natürlich unzulänglichen – Bemühungen des Frankenkönigs um eine Erneuerung der Zivilisation bemerkt hatte.

Bevor er das Lager seiner Verbündeten betrat, betrachtete Palaiologos sein Gesicht in einer Pfütze. Kritisch prüfte er nochmals sein Aussehen. Trotz der Strapazen der Reise wirkte er nicht müde. Das war gut. Sein schwarzer Bart war akkurat geschnitten, ebenso seine Haare, die trotz mehr als 40 Jahren kaum weiß zeigten. Sein Schwert, gefertigt in den besten Werkstätten Konstantinopels, saß fest und griffbereit an seiner linken Seite. Noch wichtiger war sein Kettenhemd, das so geschickt gearbeitet war, dass sein Reisemantel es vollständig verbarg. Damit konnte er Freunden und Feinden gegenübertreten.

Nur kurz wanderte sein Blick zu seinem eigenen Zelt. Ein letztes Mal prüfte er kritisch die Aufstellung der Wachen. Bereits ein paar Mal hatten unvorsichtige fränkische Krieger versucht, sich in aller ihrer Heimlichkeit an den Reichtümern ihres Verbündeten zu bedienen. Jedes Mal hatte Palaiologos ihre Leichen in aller Heimlichkeit verschwinden lassen. Inzwischen hatte sich im fränkischen Lager herumgesprochen, dass die Truhen der oströmischen Delegation wirklich fest verschlossen waren.

Dann fiel ihm auf, dass er nur das Unvermeidbare verzögerte. Er gab seinem Leibwächter, einem Chasaren namens Baghatur, den Befehl zum Losmarschieren. In gewissem Sinne galt der Befehl mehr ihm selbst.

Als Geschenk ihrer kaiserlichen Majestät aus Konstantinopel hatte er in seinem Zelt eine kostbare Ikone der heiligen Jungfrau Maria für den Frankenkönig mitgebracht. Ihr Weihgedicht galt der Hoffnung für die Hoffnungslosen. Das schien ihm im Moment sehr passend. Denn hier, mitten in der germanischen Wildnis, war sowohl von Zivilisation als auch von Hoffnung fast nichts mehr übrig. Palaiologos fühlte sich einen Moment unbemerkt genug für einen tiefen Seufzer.

Sein Geschlecht gehörte zwar nicht zu den bedeutendsten der Rhomäer. Aber es hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten genügend Ehren verdient, um seinen Angehörigen ein Mindestmaß an Annehmlichkeiten und Kultur als Selbstverständlichkeit zu gewährleisten. Und nun stand er im wichtigsten Auftrag seines Lebens ohne beides da.

Er wusste nicht, wo er war. Diese Gebiete an der Grenze zwischen den fränkischen, bajuwarischen und slawischen Barbarenvölkern waren zwar schon länger nicht mehr unbesiedelt. Um das Lager herum sah er aber seit Tagen nur eine kleine Ebene, die größtenteils von Wäldern bedeckt war.

Er marschierte mitten durch das Heerlager der Franken, das aus seinen Zelten mehr stank als alle oströmischen Heere, die Palaiologos in seinen fast 30 Jahren Dienst begleitet hatte. Zu seinem Glück durchzogen mehrere Bachläufe die Ebene, um den Unrat des Heeres abzutransportieren und den Gestank der Barbaren in Grenzen zu halten. Und er war mitten unter diesen Barbaren, die er auf allerhöchsten Befehl der Kaiserwitwe Irene beraten sollte. Sofern das bei diesen stumpfsinnigen Völkerschaften überhaupt möglich war.

Er gönnte sich noch einen zweiten tiefen Seufzer. Damit war seine trübselige Stimmung vorerst so weit zurückgedrängt, dass er endgültig die Maske des oströmischen Diplomaten aufsetzen konnte.

Gefolgt von Baghatur, der diese Pausen wie immer stumm abgewartet hatte, durchschritt er weiter das Lager.

Der Militär in ihm versuchte, die Kampfkraft des kleinen fränkischen Heeres abzuschätzen, was ihm aber kaum gelang. Zu vielfältig waren die einzelnen Kontingente, die er auf seinem Weg antraf, und bei deren Sprachen er nur selten ein vertrautes Wort aus der lateinischen Sprache hörte. Zu schnell passierte er die chaotischen Lagerstätten der Krieger, deren misstrauische Blicke er wie bei jeder seiner bisherigen Wanderungen genau registrierte. Bewusst vermied er direkten Blickkontakt oder ein allzu langes Beobachten einzelner Gruppen. Sein in einem langen Leben geschulter Sinn für Gefahr schlug zwar nicht an. Aber barbarische Krieger waren noch leichter reizbar als die Soldaten und Generäle Konstantinopels.

Endlich trat er vor das bisher größte Zelt des Lagers und marschierte, ohne den Wachen die Gelegenheit zur Ankündigung zu geben, hinein. Sofort verstummten die Gespräche an einem größeren Holztisch. Wettergegerbte und kampferfahrene Gesichter musterten ihn erneut misstrauisch. Sie gehörten zu zehn Barbaren, die allesamt in leichten Rüstungen gekleidet waren. Und die bei seinem Eintreten alle instinktiv ihre Hände mehr oder weniger subtil an ihre Schwerter gelegt hatten.

Damit hatte Palaiologos schon einmal einen ersten, ehrlichen Eindruck gewonnen. Das waren also seine zeitweiligen Verbündeten. Und seine immerwährenden Gegner.

Er wartete bewusst einen Moment ab, bevor er sich knapp verneigte. Ebenso bewusst gab er dabei den Blick auf sein Kettenhemd unter dem Mantel und sein Kurzschwert frei. Dem gleichen Ziel diente Baghatur als Leibwächter, da er der größte aus seinem Gefolge war.

Kurz bevor die so entstandene Stille ungehörig wirkte, ergriff er das Wort. Er war froh, dass in diesem vielfältigen Heer wie im gesamten Reich König Karls Latein die Sprache der Elite war.

„Mein Name ist Manuel Palaiologos. Ich komme in Freundschaft und diene mit Freuden den Kriegern des Königs Karl.“ Kurz bemerkte er einige abschätzige Blicke und überlegte, ob seine Vorstellung doch zu unterwürfig ausgefallen war.

„Ihr seid uns willkommen.“ Einer der Krieger ergriff das Wort. „Mein Name ist Bischof Liutrid von Wirzaburga.“

Palaiologos stutzte kurz, bevor er sich ins Gedächtnis rief, dass in diesen barbarischen Landen selbst die Diener Gottes zuallererst noch Krieger waren. Anscheinend war dieser jedoch so etwas wie der Wortführer unter den Anführern dieses Heeres. Der Rest stellte sich nur kurz vor und bedachte ihn danach weiter mit misstrauischem Schweigen.

Palaiologos musste nun sehr vorsichtig sein. Er richtete sich bewusst zu voller Größe auf, bevor er weitersprach. Er vertrat die einzige kaiserliche Majestät in diesem Lager und Zelt. Das sollten die Barbaren durchaus verstehen.

„Kaiserin Irene sendet durch mich ihre Grüße an ihre Verbündeten und bietet jede Hilfe, die zum Gelingen unseres gemeinsamen Kampfes beiträgt.“

Er wartete nur kurz. Dies waren nicht nur barbarische Krieger, leicht reizbar und keinem Kampf abgeneigt. Sondern auch Männer, die auf ihren Stand und ihre Ehre bedacht waren. Eine Mischung, die schnell dazu führen konnte, dass der oströmische Verbündete auf diesem Feldzug einen tragischen Tod erlitt. Schnell fuhr er fort: „Ein gemeinsamer Kampf, der unser beider Reiche mit dem Segen des Herrn Christus Ruhm und Ehre bringen wird.“

An einem kurzen Aufblitzen im Blick einiger Barbaren erkannte er, dass er einen Punkt getroffen hatte. Wenn dieser Feldzug siegreich war, errangen sie Ruhm und Ehre. Was in deren Welt auch Reichtum und Land der Besiegten bedeutete.

Bischof Liutrid von Wirzaburga ergriff wieder das Wort. Palaiologos ließ es geschehen. Er hatte gesagt, was er sagen wollte. „Das Heer ist nun vollzählig auf dem Märzfeld versammelt.“ Palaiologos schwieg darüber, was er von diesem Heer hielt. Er wusste, dass die Franken inzwischen ihre Heere traditionell auf einem Maifeld sammelten, damit ihre Reiter im späten Frühjahr genügend Futter für die zahlreichen Pferde fanden. Doch bevor die Frankenkönige die Vorzüge von bewaffneten Reitern erkannt hatten, hatten sie ihre Krieger jedes Jahr zu Fuß bereits im März in einem Feldlager versammelt. Eine Tradition, die ihr König Karl dieses Jahr wieder hatte aufleben lassen. Zumindest zu einem kleinen Teil.

Der Bischof fuhr fort. „König Karl sammelt das restliche Heer auf dem Maifeld bei Fulda. Im Schutze der Berge werden unsere Gegner nicht allzu viel darüber erfahren. Wir werden ab morgen mit den Vorbereitungen beginnen, über die Fossa Carolina weiterzumarschieren.“

Palaiologos war ehrlich überrascht über den letzten Begriff. Er erkannte das Abwartende im Blick des Bischofs und entschloss sich, seine ursprünglich geplante Zurückhaltung wieder aufzugeben.

„Die Fossa Carolina?“

Er hatte genau die richtige Frage gestellt. Denn sofort bemerkte er, wie sich die Mienen der Barbaren zum ersten Mal voller Stolz aufhellten. Liutrid setzte erst nach einer kurzen Kunstpause zu einer Erwiderung an: „In seiner Weisheit gefiel es dem König, hier an der kürzesten Stelle zwischen den Flüssen Radentia und Alcmana einen Kanal nach Art der Römer zu bauen. Auf das Ruhm und Reichtum des Reiches gemehrt ist.“

„Fürwahr eine sehr weise Entscheidung.“ Dieses Mal musste Palaiologos nicht einmal viel lügen. Ein Kanal erlaubte es nicht nur Händlern, schneller und sicherer zu reisen. Sondern auch, ein Heer schneller und sicherer zu transportieren und zu versorgen.

Er kombinierte aus dem Gedächtnis, aus dem Hörensagen, das er im Lager bisher erfahren hatte, und einer sehr groben Karte auf dem Tisch die wahrscheinliche Strategie. Und musste gezwungenermaßen anerkennend nicken. Dieser König Karl hatte sich nicht ohne Grund so lange auf seinem von Blut getränkten Thron halten können. Wenn dessen Plan aufging, war das Bündnis zwischen Franken und Oströmern schneller erfolgreich, als Palaiologos gedacht hatte.

Das konnte er nicht zulassen.

Er trat näher an den Tisch und zeigte auf die Karte.

„Die Weisheit des Königs ist wirklich unerreicht. Doch wenn ihr es erlaubt, möchte ich die Weisheit des alten Roms einbringen.“

Eine Weisheit, die Palaiologos beabsichtigte, auch nur für das alte Rom einzubringen.

Dir hat der Beitrag gefallen? Dann teile ihn gerne mit anderen!