2029 feiert die DDR den 80. Republikgeburtstag, unter anderem mit der Kosmonautin Mandy Neumann auf der Raumstation „Völkerfreundschaft“. Doch die weiter existierende DDR verbirgt Geheimnisse, die sie in Lebensgefahr bringen.

Ankerpunkt

Das Weltraumprogramm der DDR

Brandon Q. Morris verweist mit dem Hintergrund von „Die letzte Kosmonautin“ sowohl auf das Weltraumprogramm der DDR als auch deren Volkspolizei.

Einer der wenigen Erfolge der DDR war der erste Flug eines Deutschen ins All: Mit Sigmund Jähn flog 1978 ein Vogtländer an Bord einer Sojus-Kapsel für über eine Woche ins All. Erst 1983 zog die BRD mit Ulf Merbold – ebenfalls gebürtiger Vogltländer, aber 1960 in den Westen geflüchtet – an Bord eines Space Shuttles nach.

Der bescheiden auftretende Jähn wurde danach nicht nur ein gefeierter Star der Propaganda der DDR, sondern war auch durch seine unprätentiöse Art einer der wenigen echten Volkshelden des Landes.

Sein Flug war jedoch nicht der einzige Beitrag der DDR zur Raumfahrt.

Als die UdSSR 1967 das „Interkosmos-Programm“ mit anderen sozialistischen Verbündeten startete, war die DDR von Anfang an beteiligt.

Vor allem aus den Bereichen Feinmechanik und Optik, Infrarottechnik und Bildverarbeitung lieferte sie bis 1990 167 Geräte für sowjetische Weltraummissionen.

Aus diesen Entwicklungen ragte die Multispektralkamera MKF-6 heraus, die der VEB Carl Zeiss Jena (siehe Bild unten) 1975 mit 600 Wissenschaftlern, Technikern und Facharbeitern und unter Beteiligung von 20 Partner-Institutionen entwickelt hatte.

Abbildung eines 10-Mark-Scheines der DDR mit Gebäuden des Volkseigenen Betriebs Carl Zeiss Jena
(Prachaya Roekdeethaweesab/Shutterstock)

Der Aufwand lohnte sich: Eine modifizierte Version arbeitete zwei Jahre an Bord der Raumstation Saljut 6 und übertraf damals die besten Luftbildkameras um den Faktor 2,5.

Auch war sie der passende Beitrag zum „Interkosmos-Programm“, um im Gegenzug den Flug von Jähn möglich zu machen. Zu weiteren Flügen kam es nicht mehr, da die UdSSR auf Geld- statt Technikbeiträgen bestand.

Als die DDR 1989/1990 in ihre Existenzkrise geriet, die in der Wiedervereinigung mit der BRD endete, war dies auch für dortige Weltraumforschung ein harter Einschnitt. So fiel mit der UdSSR der wichtigste Partner weg.

Auch konnte nur ein Teil der ostdeutschen Wissenschaftler und Techniker übernommen werden: Zum Beispiel wurde das Institut für Kosmosforschung (IKF) in Berlin-Adlershof in das heutige Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) eingegliedert und im privatisierten Unternehmen Carl Zeiss blieben viele Kompetenzen erhalten.

Damit gelang es, das Potenzial des ostdeutschen Weltraumforschungspotenzials größtenteils zu erhalten und zum Beispiel die wichtigsten Projekte noch abzuschließen.

Die Volkspolizei der DDR

Die meisten Leute außerhalb des heutigen Ostdeutschlands denken heute bei den Sicherheitsorganen der DDR vor allem an die Staatssicherheit (Stasi) als fast allmächtigen Geheimdienst.

Weniger bekannt in diesem Zusammenhang war die Volkspolizei (VP), obwohl sie der wichtigste Partner der Stasi war.

So war die Volkspolizei (siehe Bild einer Uniformmütze unten) an Großaktionen des Repressionsapparates der DDR, wie den Zwangsumsiedlungen an der innerdeutschen Grenze 1952 und 1961 aktiv beteiligt.

Foto einer Uniformmütze der Volkspolizei der DDR
(LanKS/Shutterstock)

Theoretisch verfolgte die Stasi vor allem „politische“ Straftaten, während die Volkspolizei die „klassische“ Polizeiarbeit wie Kriminal-, Schutz-, Verkehrspolizei und Meldewesen übernahm.

In der Realität rivalisierten beide Führungsebenen aber innerhalb der Struktur der Sicherheitsorgane, wobei die Stasi ab der Machtübernahme von Erich Honecker 1971 zu dominieren begann. Zum Beispiel bekam sie mehr Mitarbeiter und begann, sich institutionell in der Volkspolizei zu verankern sowie Vorgänge und Zuträger zu übernehmen.

Nach außen war allerdings die Volkspolizei oft das „Gesicht“ der Repressionesmaßnahmen. Denn die Stasi nutzte deren Organisation für Kontrollmaßnahmen und Aktionen gegen Bürger. So waren die Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei für die Pläne der Stasi oft entscheidende Quellen.

Dennoch hatte die Stasi auch die Volkspolizei mit Zuträgern und inoffiziellen Mitarbeitern unterwandert. So waren Mitte der 1970er von den fünf Stellvertretern des für die Polizei zuständigen Innenministers zwei aktive und zwei ehemalige inoffizielle Mitarbeiter.

Über regelmäßige Sicherheitsüberprüfungen konnte die Stasi zudem über Einstellungen – es gab hiefür keine öffentlich einsehbaren Voraussetzungen – und Beförderungen von Volkspolizisten entscheiden. Teilweise nutzte sie dies, um aus ihrer Sicht talentierte Nachwuchskräfte abzuwerben und eigene, aus ihrer Sicht leistungsschwache Mitarbeiter in die Volkspolizei abzuschieben.

Durch diese Verstrickungen hatte die Volkspolizei bis 1990 den Ruf, bei ihren Mitarbeitern politische Zuverlässigkeit über Kompetenz zu stellen. So galten zuerst Westkontakte, auch im persönlichen Umfeld, als Ausschlusskriterium und wurden von der Volkspolizei mit umfassenden „Ermittlungsberichten“ geprüft. Auch das erste Einstellungsgespräch befasste sich vor allem mit der politische „Persönlichkeit“ der Bewerber. Nachrangig waren Faktoren wie moralische Eignung oder Bildungsabschlüsse.

Daher führte der Untergang der DDR 1989/1990 zu einer Identitätskrise der Volkspolizei. Galt sie vor 1989 als allgegenwärtig und unantastbar, fiel sie in der Wendezeit durch „Wegschauen“, angeblich aus Angst vor gewaltsamen Reaktionen, auf. Viele Polizisten fürcheten auch um ihre berufliche Zukunft und gingen daher Konflikten bewusst aus dem Weg.

Hinzu kam, dass ab 1990 eine neue Rechtsgrundlage mit neuen Dienstvorschriften der BRD galten und auch die Volkspolizei sich erst in das neue System integrieren musste.

Inhalt

Die DDR im Jahr 2029

1987 wurden angeblich enorme Ölvorkommen in der Lausitz entdeckt, welche die DDR auf das Level der arabischen Ölstaaten katapultierten. Daher überstand sie neben China, Vietnam, Nordkorea und Kuba den Untergang der Sowjetunion.

So konnte sich das Politbüro um Egon Krenz Lockerungen leisten: Bis 2029 haben Geschäfte aus dem Westen in der DDR eröffnet, zum Beispiel Ikea. Da die DDR-Bürger ihr Gehalt zudem auch in konvertierbarer Mark ausbezahlt bekommen, ist das Lebensniveau so stark gestiegen, dass die große Massenflucht 1987 nie stattgefunden hat. Zudem verhindern günstige Mieten und Lebensmittel eine weitere Massenflucht.

Teilweise kann die DDR auch Hightech liefern wie Multispektralkameras von Zeiss, die bei anderen Weltraummissionen sogar im Westen im Einsatz sind. Insgesamt scheint sich im Bereich der Missionen mehr getan zu haben als in der „Realität“.

Daher konnte die DDR vor 2029 mit der „Völkerfreundschaft“ eine eigene Raumstation in den Orbit schießen. Diese besteht aus alten Raketenteilen und gebrauchtem Material der Russen von der ehemaligen Raumstation ISS (siehe Bild der ISS unten).

Foto der Raumstation ISS vor dem Hintergrund der bewölkten Erdkugel
(NikoNomad/Shutterstock)

Die Kontrollstation für die „Völkerfreundschaft“ liegt auf dem Brocken und die Kosmonauten starten vom Weltraumbahnhof Peenemünde.

Die „Völkerfreundschaft“ dient neben wissenschaftlichen Versuchen vor allem der Propaganda, um die DDR zum Beispiel zum 80. „Republikgeburtstag“ auf einem Level wie China, Russland und die USA zu zeigen.

Doch die Bürger identifizieren sich nicht mit ihrem Staat und dessen Propaganda. So kaufen sie bevorzugt Westwaren, wie Autos von BMW und Mercedes, oder lassen die billigen Mietwohnungen vergammeln.

Daher sind in der DDR des Jahres 2029 nach wie vor die Sicherheitsorgane um die Stasi aktiv und das Land wirkt gespalten zwischen neuem Wohlstand und alter sozialistischer Diktatur.

Die letzte Kosmonautin

Im Oktober 2029 ist Mandy Neumann Kosmonautin auf der „Völkerfreundschaft“. Unterstützt wird sie vom autonomen Laufroboter „Bummi“.

Sie hat Zwillinge, aber ihr Mann hat sie verlassen, da sie Kinder und Karriere gleichzeitig wollte.

Sie steht kurz vor ihrer Ablösung als einziges Besatzungsmitglied der Raumstation und freut sich bereits auf das Wiedersehen mit ihren Kindern. Bis dahin beobachtet sie die beiden gerne mit der neusten Multispektralkamera an Bord.

Da wird nach einer Aktualisierung der Software aus unbekannter Quelle die Verbindung zur Bodenstation getrennt. Gleichzeitig kommt es zu ersten Unfällen und der Roboter stellt sich immer mehr gegen sie.

Bis sogar die Station und das Leben von Mandy Neumann in Gefahr geraten.

Währenddessen ist Tobias Wagner Abschnittsbevollmächtigter der Volkspolizei in Dresden. Er ist Ende vierzig und lebt von seiner Frau getrennt. Bei dieser lebt auch seine pubertierende Tochter, während sein Sohn zum Wehrdienst eingezogen wird.

Er nimmt seine Pflichten zwar ernst, versucht aber auch ab und an ein Auge zuzudrücken.

Doch dann kontaktiert ihn seine alte Klassenkameradin Miriam. Sie ist mit dem bekannten und einflussreichen DDR-Wissenschaftler Ralf Prassnitz verheiratet, der unter anderem die neue Multispektralkamera MKF-8 auf der „Völkerfreundschaft“ entwickelt hat.

Prassnitz ist verschwunden und Miriam bittet Wagner um Hilfe. Obwohl er sich der damit verbundenen Schwierigkeiten bewusst ist, sagt er zu. Denn war zu Schulzeiten ins sie verliebt und diese Verliebtheit kommt schnell wieder hoch.

Langsam kommen beide der Tatsache auf die Spur, dass das Verschwinden von Prassnitz etwas mit der MKF-8 auf der „Völkerfreundschaft“ zu tun hat.

Die Suche nach ihm und der Lösung für sein Verschwinden liegt im früheren Braunkohleabbaugebiet (siehe Bild unten aus der heutigen Zeit) und dem aktuellen Erdöl-Sperrgebiet der Lausitz. Und inzwischen auch die einzige Möglichkeit zur Rettung von Mandy Neumann von der „Völkerfreundschaft“.

Landschaftsbild des ehemaligen Braunkohleabbaugebietes in der Lausitz, das in "Die letzte Kosmonautin" als angebliches Erdölfördergebiet gilt.
(photolike/Shutterstock)

Doch das, auf das Wagner in der Lausitz stößt, übersteigt seinen Horizont bei weitem. Und die Grenzen der Physik wie wir sie kennen.

Rezension

Schwieriges Szenario

Für mich war es schwierig, das Szenario von „Die letzte Kosmonautin“ einzuschätzen. Die nicht geschehene Wende durch die angeblichen Ölfunde in der Lausitz wirkten auf mich zuerst nur oberflächlich konstruiert, um den Hintergrund des Romans möglich zu machen.

Am Ende erklärt Brandon Q. Morris noch einige physikalische Grundsatzdiskussionen seines Ankerpunkts. Denn hinter dem Pseudonym steht der deutsche Physiker und Autor Matthias Matting.

Diese Seiten waren für mich als Nicht-Physiker noch schwieriger, da er in den Erklärungen viele physikalische Informationen ausbreitet, die ich so kaum überprüfen konnte.

Zentrale Punkte der Handlung haben allerdings eine Verankerung in der „realen“ Geschichte. So existierte das erwähnte ZfK Rossendorf tatsächlich seit 1956 als Zentralinstitut für Kernphysik (ZfK) und danach Zentralinstitut für Kernforschung in der DDR. Heute ist es Teil der Helmholtz-Zentren.

Auch ist die MKF-8 eine Anspielung auf die „legendäre“ MKF-6 der Missionen um Sigmund Jähn.

Mit Peenemünde fehlt zuletzt nicht die Anspielung auf die Raketenversuche der Nationalsozialisten um Wernher von Braun im Zweiten Weltkrieg.

Insgesamt schien mir das Szenario des Romans sehr unrealistisch. Er stellt allerdings mit seine Ereignissen im Jahr 2029 auch eine Mischung aus Alternative History und Science-fiction dar.

Schwankende Handlung

Auch die meisten Teile der Handlung wirken auf mich schwankend in ihrer Logik. So war für mich unklar, wo die DDR von „Die letzte Kosmonautin“ (siehe Bild unten) noch sozialistische Diktatur ist und wo diese Diktatur inzwischen liberaler reagiert.

Buchcover des Romans "Die letzte Kosmonautin" von Brandon Q. Morris
(Eigenes Bild)

Viele Aktionen im Erzählstrang um Tobias Wagner wirken arg konstruiert.

So verhält sich der Volkspolizist aus meiner Sicht häufig irrational und kommt damit nur durch, weil ihm wildfremde Menschen am Rande der Hochsicherheitssperrzone spontan und ebenfalls ohne nachhaltigen Grund helfen. Ebenso profitiert er davon, dass die einerseits als fast allwissende geltende Stasi sich andererseits wie die anderen Sicherheitsorgane oftmals merkwürdig passiv verhält.

Zuletzt bleibt für mich noch etwas unklar, wie es Miriam bis zum Zielpunkt in der Sperrzone geschafft hat und dort die Sicherheitsorgane nochmals überrumpelt, während Tobias Wagner mehrfach beim Versuch fast stirbt und erst mit Hilfe der Verantwortlichen der Sperrzone – wieder unter erheblichen Gefahren – dorthin gelangt.

Der Erzählstrang um Mandy Neumann wirkt dagegen im Vergleich zu geraffter, logischer und besser erzählt. Auch wenn am Ende wie bei Tobias Wagner eine Nebenfigur als Deux ex machina die Lösung bringt.

Zuletzt wirkte die Auflösung der Ereignisse in der Sperrzone auf mich unrealistisch, was auch daran liegt, dass Brandon Q. Morris sich hier in den noch nicht vollständig erforschten Grenzbereichen der Physik bewegt.

Für Menschen mit mehr Ahnung von Physik wäre „Die letzte Kosmonautin“ daher eine bedingte Empfehlung.

Quellen und Literatur

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