Historisch gesehen war Niederbayern das „flache, niedere“ Gebiet Bayerns in den Ebenen an den wichtigen Flüssen Donau, Inn und Isar. Dort kreuzten sich bayerische, deutsche und europäische Geschichte häufig. Kreuzungen auch für die Alternative History des heutigen Bezirks.

Karte des bayerischen Bezirks Niederbayern mit den kreisfreien Städten Landshut, Paussau und Straubing sowie den Landkreisen Dingolfing-Landau, Deggendorf, Freyung-Grafenau, Kelheim, Landshut, Passau, Regen, Rottal-Inn und Straubing-Bogen.
(Wikimedia Autor unter CC-Lizenz: TUBS)

Denn Niederbayern war für die bayerische Geschichte und deren Verbindung entlang der Donau, vor allem zu Österreich, immer wichtig. Hinzu kommen die zahlreichen Handelswege nach Böhmen über den Bayerischen Wald, den sogenannten „Goldenen Steig“.

Davon zeugen die Residenzen der Wittelsbacher in Landshut, Straubing und Kelheim. Ebenso die lange Existenz des Hochstiftes Passau zwischen Bayern, Österreich und Böhmen/Tschechien.

Entsprechend viel Alternative History lässt sich in dieser Region finden.

Ankerpunkte

  1. 488: Der endgültige Rückzug der Römer
  2. 907: Die vernichtende Niederlage von Pressburg
  3. 977: Die folgenlosen „Lorcher Fälschungen“
  4. 1204: Der endgültige Durchbruch der Wittelsbacher
  5. 1298: Der gescheiterte Aufstand der Bürger von Passau
  6. 1435: Die berühmte Ermordung von Agnes Bernauer
  7. 1504: Die entscheidende Schlacht von Wenzenbach
  8. 1778: Das österreichische Niederbayern
  9. 1810: Die kurzlebige Festung Passau
  10. 1826: Die verlorene Hochschule von Landshut
  11. 1948: Der „erste politische“ Aschermittwoch
  12. 1948: Die handstreichartige Verlegung des Landratsamtes Regen
  13. 1970: Der erste Nationalpark Bayerischer Wald
  14. 1992: Die umkämpfte Fachhochschule Deggendorf

1. 488: Der endgültige Rückzug der Römer

Seit der Zeit um Christi Geburt war das heutige Niederbayern Teil des Römischen Reiches.

Zwar hatte es dort vor allem im 2. und 4. Jahrhundert mehrere Einfälle von germanischen Stämmen mit schweren Zerstörungen gegeben. Die Zugehörigkeit der „Rätien“ genannten Provinz zum römischen Staat war aber nie infrage gestellt worden.

Die Legionäre des Römischen Reiches (siehe Reenactment-Bild aus der heutigen Zeit) konnten die Lage bis ins 4. Jahrhundert wieder stabilisieren.

Foto von fünf Römischen Legionären in einem Reenactment
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Erst im Laufe des 5. Jahrhunderts löste sich die römische Herrschaft, zum Beispiel in Straubing (römisch: Sorviodurum), immer mehr zugunsten von germanischen Gruppen auf, die Aufgaben des Militärs und der Verwaltung übernahmen.

Allerdings gab es zum Beispiel in der Umgebung von Passau noch lange eine funktionierende römische Zivilverwaltung und dort stationierte reguläre römische Truppen.

Das Ende dieser letzten Reste kam 488 als Odoaker, der den letzten weströmischen Kaiser abgesetzt hatte, den Befehl zum Rückzug nach Italien gab. Damit löste sich die römische Staatsgewalt endgültig zugunsten der Germanen und der späteren Bajuwaren auf.

Wie hätte sich Niederbayern entwickelt, wenn sich die letzte römische Staatsgewalt 488 nicht zurückgezogen hätten?

2. 907: Die vernichtende Niederlage von Pressburg

Um 900 war Niederbayern wie das gesamte alte Stammesherzogtum der Bajuwaren zwar Teil des fränkischen Reiches.

Der bayerische Markgraf Luitpold handelte aber immer mehr wie ein unabhängiger Herrscher in einem neuen Herzogtum, dessen Kern die niederbayerischen Gebiete waren.

Zu seinen Aufgaben gehörte die Sicherung der Grenzen gegen die stärker werdenden Einfälle des Reitervolkes der Ungarn.

Nachdem er in den ersten Gefechten erfolgreich geblieben war, ging er 907 mit einem Großteil des bayerischen Heeres in die Offensive.

Unter bis heute unklaren Umständen erlitt er aber in der Umgebung von Pressburg, des heutigen Bratislavas (siehe Bild der Burg Devin unten), eine verheerende Niederlage. Dabei wurde ein Großteil des bayerischen Heeres, samt mehreren bayerischen Würdenträgern, vernichtet.

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Dies hatte enorme Folgen auch für Niederbayern unter dem neuen Markgrafen, Luitpolds Sohn Arnulf.

Um neue Mittel und Soldaten gegen weitere Ungarneinfälle zu gewinnen, säkularisierte dieser zahlreiche Klöster, die bis dahin vor allem das niederbayerische Hügelland dominiert hatten.

Stattdessen entstanden die ersten Burgen in der Region als Fluchtpunkte für die Bevölkerung.

Dennoch konnte Arnulf die Ungarneinfälle nicht unterbinden. Die Ungarn verwüsteten Niederbayern häufig. Der Markgraf konnte höchstens Siege gegen Heere erringen, die mit Beute beladen auf dem Rückweg waren.

Erst der Sieg König Ottos I. auf dem Lechfeld bei Augsburg 955 beendete die Angriffe der Ungarn endgültig.

Was wäre gewesen, wenn Markgraf Luitpold die Schlacht bei Pressburg nicht verloren hätte?

3. 977: Die folgenlosen „Lorcher Fälschungen“

Das Ende der Ungarneinfälle eröffnete den Donauraum wieder für die christliche Mission. Federführend war das Bistum Passau, dessen Einflussbereich über Wien hinaus bis nach Ungarn reichte.

Diesen Einfluss wollte Bischof Pilgrim zu Beginn seiner Amtszeit 971 nutzen, um dieses Gebiet bis zur Einmündung der Save an die Donau beim heutigen Belgrad an der äußeren Grenze Ungarns auszudehnen.

Gleichzeitig wollte er Passau mit seinem Dom (siehe Bild aus der heutigen Zeit) zu einem Erzbistum aufwerten und aus der bayerischen Kirchenprovinz unter dem rivalisierenden Erzbistum Salzburg lösen.

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Dazu bedienten er und seine Kanzlei sich einer Fülle von Herrschafts- und Papsturkunden. Diese verbanden echte Sachverhalte mit gefälschten historischen Privilegien.

So behaupteten die Urkunden die Existenz eines spätantiken Erzbistums Lauriacum/Lorch (beim heutigen Linz), dessen letzter Erzbischof angeblich nach Passau geflüchtet war und dort die Tradition fortgesetzt hätte.

Solche Fälschungen waren in dieser Zeit nichts ungewöhnliches und daher auch erfolgversprechend. Zudem gab es noch sichtbare Überreste des spätantiken Lauriacum, weshalb die Geschichte des Erzbistums für viele Zeitgenossen plausibel erschien.

In diesem Fall scheiterten die „Lorcher Fälschungen“ an der Kanzlei des deutschen Königshofs. Diese wies die Ansprüche aus den Urkunden zurück und reduzierte sie auf eine auf juristisch unbedeutsame historische Episode .

Passau blieb daher „nur“ kirchenrechtlich zuständig für die österreichischen Länder an der Donau bis Wien. Diese Oberhoheit endete erst 1486 mit der Gründung des Bistums Wien und 1784 mit den Kirchenreformen Kaiser Josephs II.

Allerdings blieb diese angebliche historische Kontinuität teilweise bis ins 20. Jahrhundert Teil des Geschichtsbildes des Bistums Passau.

Was wäre gewesen, wenn die "Lorcher Fälschungen" erfolgreich gewesen wären?

4. 1204: Der endgültige Durchbruch der Wittelsbacher

Als die Wittelsbacher 1180 die bayerische Herzogswürde durch Kaiser Friedrich I. Barbarossa erlangten, gehörten sie zwar zum bayerischen Uradel und hatten viele Besitzungen im heutigen Bayerisch-Schwaben sowie in Ober- und Niederbayern.

Das von ihnen beherrschte Herzogtum war jedoch 1180 deutlich reduziert worden: Es verlor zum Beispiel die meisten Gebiete im heutigen Österreich. Zudem koppelte sich die alte Hauptstadt Regensburg immer mehr vom Herzogtum ab und strebte nach dem Status einer freien Reichsstadt.

Auch in Niederbayern agierten die Herzöge nicht uneingeschränkt. Das Land war in den vorangegangenen Jahrhunderten unter mehreren mächtigen Adelsgeschlechtern aufgeteilt worden, darunter die Grafen von Bogen als Vormacht.

Letztere herrschten zum Beispiel von Burgen wie Natternberg beim wichtigen Donauübergang Deggendorf (siehe Bild aus der heutigen Zeit) und dominierten die Besiedlung des Bayerischen Waldes.

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Die Wittelsbacher versuchten, diese Herrschaft unter den Herzögen Otto I. und Ludwig I. von Kelheim aus zu brechen. Die Kämpfe zwischen unterschiedlichen Parteien, darunter auch die Bischöfe von Regensburg und die Könige von Böhmen, endeten zuerst ohne eindeutigen Sieger. Zeitweise stand die Wittelsbachische Herrschaft im Donauraum sogar vor dem Aus.

Erst als 1204 sowohl der amtierende Graf von Bogen starb und gleichzeitig die Markgrafen von Cham-Vohburg endgültig ausstarben, gelang den Wittelsbachern der Durchbruch.

Denn Ludwig I. heiratete die Witwe des Bogener Grafen, womit er Ansprüche auf dessen Erbe geltend machen konnte. Gleichzeitig zog er den Besitz der Markgrafen von Cham-Vohburg komplett ein. Damit verschaffte er den Herzögen die Vormacht im niederbayerischen Raum bis zur böhmischen Grenze.

Zeichen dieser Entwicklung waren die Gründung von Landshut als neues Zentrum der herzoglichen Macht am Flussübergang der Isar und die Neugründung von Straubing zur Kontrolle des fruchtbaren Gäubodens.

Was wäre gewesen, wenn die ersten Wittelsbacher Herzöge mit ihrem Machtanspruch in Niederbayern 1204 gescheitert wären?

5. 1298: Der gescheiterte Aufstand der Bürger von Passau

Die Stadt Passau war angesichts ihrer günstigen Lage an den drei Flüssen Donau, Inn und Ilz (siehe Bild) sowie mitten im Handelsnetzwerks des „Goldenen Steigs“ zwischen Böhmen und Bayern/Österreich reich geworden. Vor allem das Monopol für den Salzhandel in diesem Gebiet erwies sich als sehr einträglich.

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Stadtherr blieb allerdings der Bischof, der sich allerdings immer mehr Ansprüchen der reichen Bürger der Stadt gegenübersah. Diese forderten mehr Selbstverwaltung und hatten als Endziel den Status einer freien und Reichsstadt ähnlich wie Regensburg geplant.

Dieses Ziel versuchten sie mit einem Aufstand im Jahr 1298 durchzusetzen.

Zwar gelang es den Bürgern zuerst, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Der Bischof konnte aber gerade noch mit seinen Anhängern in die eben fertig gestellte Festung Oberhaus oberhalb der Stadt flüchten.

Von dieser strategisch günstigen Stelle konnte er Passau ohne Probleme beschießen, bis ein Schiedsgericht den Konflikt zu seinen Gunsten entschied.

Weitere Versuche der Bürger, sich gegenüber dem Bischof mehr Selbstverwaltung zu erkämpfen, scheiterten in den darauf folgenden Jahrzehnten an dessen überlegener Position mit der Festung Oberhaus.

Erst 1535 gelang es, mit dem „Bayerischen Schiedsspruch“, die Rechte von Bischof und Bürgern in Passau in einem Konsens festzulegen.

Was hätte sich der Aufstand entwickelt, wenn die Bürger 1298 die Flucht des Bischofs in die Festung Oberhaus verhindert hätten?

6. 1435: Die berühmte Ermordung von Agnes Bernauer

In Straubing spielte sich zwischen 1433 und 1435 eine Episode ab, die entscheidend für die Wittelsbacher war.

Denn dort residierte mit dem späteren Herzog Albrecht III. der einzige, herrschaftsfähige Nachkomme der Linie Bayern-München.

Denn er war der einzige Sohn des Herzogs Ernst.

1435 starb zudem unerwartet dessen Bruder und hinterließ nur einen einjährigen Sohn, dessen schwächliche Konstitution schon vorwegnahm, dass dieser niemals das Erwachsenenalter erreichen würde.

Umso mehr erregte seine Affäre mit Agnes Bernauer, über die selbst nicht viel bekannt ist, die Aufmerksamkeit des Münchner Hofes.

Denn es gab sogar bis heute unbestätigte, aber in der Forschung nicht mehr bezweifelte Gerüchte um eine Eheschließung von Albrecht mit der nicht standesgemäßen Frau.

Außerdem agierten beide in Straubing zunehmend selbstständig gegenüber dem Hof in München.

Da damit die Einheit des Herzogtums und der Fortbestand der Linie Bayern-München in Gefahr waren, entschloss sich Ernst zu einem riskanten Manöver.

Er nutzte die Abwesenheit seines Sohnes bei einem Jagdausflug, um Agnes Bernauer am 12. Oktober 1435 in Straubing verhaften zu lassen. Danach ließ er sie dort in der Donau (siehe Bild aus der heutigen Zeit) ertränken.

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Der erzürnte Albrecht plante zuerst mit den verwandten Herzögen von Bayern-Landshut einen Krieg gegen seinen Vater.

Bereits 1436 söhnte er sich aber mit Ernst aus, heiratete standesgemäß und sicherte so den Weiterbestand der Herzöge von Bayern-München.

Agnes Bernauer und ihre tragische Geschichte brachten es dagegen zu einem gewissen Nachruhm, zum Beispiel durch die in Straubing alle vier Jahre stattfindenden „Agnes-Bernauer-Festspiele“.

Was wäre gewesen, wenn die Ermordung von Agnes Bernauer 1435 gescheitert wäre?

7. 1504: Die entscheidende Schlacht von Wenzenbach

Im 14- und 15. Jahrhundert hatten sich die Territorien der Wittelsbacher unter verschiedenen Linien von Pfälzer und bayerischen Zweigen zersplittert.

Zu den mächtigsten Linien gehörten die reichen Herzöge aus der Linie Bayern-Landshut, die in der Burg Trausnitz (siehe unten) über der Stadt Landshut residierten.

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Deren Reichtum zeigte sich bei der „Landshuter Hochzeit“ im Jahr 1475 zwischen dem Landshuter Thronerben Georg und der polnischen Königstochter Hedwig.

Ebenso waren es die Landshuter Herzöge, die in Ingolstadt 1472 die erste bayerische Universität gründeten.

Sie dominierten bis zum letzten Herzog Georg den bayerischen Raum, gestützt auf ihre hohen Steuereinnahmen und wichtige Städte wie Landshut, Ingolstadt und Burghausen.

Die Linie der Herzöge von Bayern-Landshut war aber nach Georg zu Ende, denn er hatte nur eine überlebende Tochter, Elisabeth.

Um die Ambitionen der Landshuter im Heiligen Römischen Reich zu wahren, verheiratete Georg aber seine Tochter mit dem Sohn des Wittelsbachischen Pfalzgrafen bei Rhein, Ruprecht.

Dem Paar wollte er sein Herzogtum komplett übergeben und so einen neuen Machtfaktor in Süddeutschland etablieren.

Dieser Plan scheiterte jedoch nach dem Tod Georgs 1503. Denn die Herzöge von Bayern-München unter Albrecht IV. hatten nicht nur den ersten Anspruch auf sein Erbe, sondern auch mit dem Kaiser und der freien Reichsstadt Nürnberg ein größeres Bündnis hinter sich als Ruprecht und Elisabeth.

Im „Landshuter Erbfolgekrieg“ kam es daraufhin zu großen Verwüstungen in Süddeutschland. Gestützt auf die enormen finanziellen Mittel von Bayern-Landshut hielten Elisabeth und Ruprecht aber Stand.

Die endgültige Entscheidung brachte die Schlacht von Wenzenbach, nördlich von Regensburg. Hier unterlagen die Pfälzer und Landshuter.

Kurz darauf starb Elisabeth.

Da Ruprecht schon vor ihr an einer Krankheit gestorben war, war der Erbplan Georgs damit endgültig gescheitert.

Ein Großteil der Gebiete von Bayern-Landshut kam in den Besitz Albrechts IV. Niederbayern wurde seitdem von München aus regiert.

Was wäre gewesen, wenn die Pfälzer und Landshuter die Schlacht von Wenzenbach und den Landshuter Erbfolgekrieg gewonnen hätten?

8. 1778: Das österreichische Niederbayern

1777 starb mit Maximilian III. Joseph der letzte Wittelsbacher Kurfürst aus der Münchner Linie.

Nach den Wittelsbachischen Erbverträgen hätte nun der Pfälzer Kurfürst Karl Theodor (siehe Bild) die Macht in ganz Bayern ergreifen sollen.

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Dem stand jedoch Kaiser Joseph II. gegenüber, der nach den verlorenen Schlesischen Kriegen gegen den preußischen König Friedrich II. die Gelegenheit zu Gebietsgewinnen sah.

Er übte Druck auf Karl Theodor aus und schloss mit ihm 1778 die „Wiener Konvention“. Darin trat Karl Theodor unter anderem Gebiete in Niederbayern um Straubing und Burghausen an Österreich ab.

Auch eine Integration des Hochstiftes Passau in den Herrschaftsbereich Österreichs stand damit auf der Agenda.

Als die einmarschierenden kaiserlichen Armeen aber fast ganz Ostbayern bis kurz vor Landshut besetzten, rief dies Friedrich II. auf den Plan.

Zusammen mit anderen Reichsfürsten stellte er sich im sogenannten „Bayerischen Erbfolgekrieg“ gegen die Wiener Konvention.

Nachdem der „Kartoffelkrieg“ oder „Zwetschgenrummel“ genannte Konflikt ohne große kriegerische Entscheidung blieb, beendete erst der Frieden von Teschen 1779 die Auseinandersetzungen.

Der Großteil von Niederbayern wurde wieder bayerisch. Nur das Innviertel mit den Städten Braunau und Schärding blieb bis in die heutige Zeit österreichisch.

Was wäre gewesen, wenn die Österreicher 1778 nur die ihnen durch die "Wiener Konvention" zugestandenen bayerischen Gebiete besetzt hätten?

9. 1810: Die kurzlebige Festung Passau

Die seit 1803 bayerische Stadt Passau und die Festung Oberhaus mit ihrer Grenzlage zwischen Bayern und Österreich waren auch in den Napoleonischen Kriegen hart umkämpft.

Nachdem Napoleon die Stadt im Fünften Koalitionskrieg 1809 von den Österreichern zurückerobert hatte, plante er eine enorme Umgestaltung.

Ziel war es, rund um die Festung Oberhaus (siehe Bild) ganz Passau zu einer großen Festung auszubauen, die als zentraler Dreh- und Angelpunkt für die militärischen Operationen der französischen Armee dienen sollte.

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Dazu sollte das gesamte Stadtgebiet inklusive der Altstadt mit Dom und Klöstern unter militärischen Gesichtspunkten umgestaltet werden.

Ein um die Festung Oberhaus gruppiertes System aus mehreren Forts und Batterien sollte Platz für Waffen- und Nachschublager sowie Lazarette schaffen.

Damit wäre Passau als Standort von mehreren tausend französischen Soldaten zu einer der Hauptfestungen Napoleons in Europa geworden.

Die Pläne des zuständigen Fortifikationsingenieurs Dominique-André Chambarlhiac gingen allerdings nur über wenige Abrissarbeiten in Passau hinaus.

Zwar absolvierte Napoleon im Oktober 1809 nochmals einen Inspektionsbesuch der Festungsarbeiten, stellte sie aber 1810 bereits größtenteils wieder ein.

Damit blieb der historische Kern von Passau größtenteils erhalten.

Wie hätte sich Passau entwickelt, wenn die Festungspläne weiter durchgeführt worden wären?

10. 1826: Die verlorene Hochschule von Landshut

Bis 1800 befand sich die einzige bayerische Universität in Ingolstadt. Es wuchs jedoch bei den bayerischen Reformern um den neuen Kurfürsten Maximilian IV. und seinen Minister Maximilian von Montgelas der Wunsch, sie zu verlegen.

Vordergründig ging es darum, dass Ingolstadt auch Landesfestung von Bayern war und die Stadt so von den Napoleonischen Kriegen stark getroffen werden konnte.

Der eigentliche Grund war jedoch, dass die Reformer die Universität von ihrem Ruf als konservativer Jesuitenhochschule befreien wollten. Allerdings galten Studenten zur damaligen Zeit als potenzieller Unruheherd in Städten, weshalb eine Verlegung in die Residenzstadt München ausgeschlossen war.

Daher erging 1800 das kurfürstliche Dekret, die Universität nach Landshut zu verlagern. Dort konnte die Hochschule auf mehrere Gebäude und Mittel aus säkularisierten Klöstern in der Altstadt (siehe Bild) zurückgreifen.

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Hier erhielt sie nach ihren jeweiligen „Gründern“ in Ingolstadt und Landshut den bis heutige gültigen Namen „Ludwig-Maximilians-Universität“.

Obwohl Landshut ebenfalls hart von den Kriegen getroffen wurde, erlebte die Universität hier zuerst eine Blütezeit, die sogenannte „Landshuter Romantik“.

Dafür standen zu ihrer Zeit berühmte Professoren, wie der Theologe Michael Sailer oder der Jurist Paul Johann Anselm von Feuerbach. Zusätzlich studierte der spätere König Ludwig I. ab 1803 in Landshut. Auch die Anzahl der Studenten steigerte sich, von 146 bei Beginn bis auf knapp 1.000 kurz vor ihrer Verlegung nach München 1826.

In diesem Jahr nahm der neue König Ludwig I. das gesunkene Renommee der Universität sowie deren geringe finanzielle Mittel zum Anlass, sie an den heutigen Standort zu verlegen.

Was wäre gewesen, wenn die Ludwig-Maximilians-Universität 1826 in Landshut und Niederbayern geblieben wäre?

11. 1948: Der „erste politische“ Aschermittwoch

Bereits 1919 hatte der Bayerische Bauernbund den traditionellen Viehmarkt in Vilshofen (siehe Bild) zu einer Volksversammlung geladen, um bei den Bauern in Niederbayern seine politischen Ziele zu propagieren.

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Dies begründete jedoch keine langfristige Tradition. Erst 1927 kam es zu einer neuen Kundgebung des Christlichen Bauervereins, der im Kernland des Bayerischen Bauernbundes dessen Einfluss zurückdrängen wollte.

Erst 1932 gab es nach mehrjähriger Pause erstmals mehr als eine Veranstaltung am Aschermittwoch in Vilshofen: Neben dem Christlichen Bauernverein hielt auch die Bayerische Volkspartei eine Kundgebung ab. 1933 kam es bereits zu Veranstaltungen des Bauern- und Mittelstandsbundes sowie der Kommunisten und der NSDAP.

Diese Entwicklung endete jedoch sofort mit der Gleichschaltung der Nationalsozialisten. Diese propagierten zwar dort bis 1937 eigene Veranstaltungen über die Wochenschau im ganzen Reich, danach fanden aber bis 1945 keine Kundgebungen mehr statt.

Erst 1946 lud der Bayerische Bauernverband zu einer „unpolitischen“ Veranstaltung am Aschermittwoch ein, um die Erlaubnis der alliierten Besatzungsbehörden für politische Kundgebungen zu umgehen. 1947 fand aber wiederum keine Kundgebung statt.

Die Initialzündung legte schließlich das Jahr 1948. Erstmals hielten Bayernpartei, CSU und SPD Großkundgebungen für die Bauern ab.

Besondere Emotionalität brachte der Auftritt von Josef Baumgartner für die Bayernpartei ein, da er kurz zuvor aus der Landesregierung und der CSU ausgetreten war.

Dies legte den Grundstein für erbitterte politische Schlagabtausche zwischen beiden Parteien in den 1950er und Anfang der 1960er Jahre, für die besonders die Rededuelle zwischen Josef Baumgartner und dem CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß standen.

Damit begründete sich endgültig die bis heute bundesweit bekannte Tradition des politischen Aschermittwochs.

Was wäre gewesen, wenn sich nach 1948 keine Tradition des politischen Aschermittwochs etabliert hätte?

12. 1948: Die handstreichartige Verlegung des Landratsamtes Regen

Als die US-Amerikaner am Ende des Zweiten Weltkriegs den Landkreis Regen eroberten, erlitt die Kreisstadt Regen durch die Kämpfe schwere Schäden.

Im Gegensatz dazu blieb das wenige Kilometer entfernte Zwiesel von Kämpfen und Beschädigungen verschont.

Daher richteten die US-Amerikaner ihre Militärregierung dort ein und 3. Juli 1945 musste Regen offiziell den Sitz des Landratsamtes an Zwiesel abgeben.

Im April 1946 versprach der neue gewählte Landrat Werner Haas die Rückkehr nach Regen. Aber trotz Denkschriften, Eingaben und Beschwerden an die Behörden in Niederbayern, bayerische Ministerien und die amerikanischen Stellen scheiterte die Rückführung zweimal.

Als am 8. April 1948 zum dritten Mal die Rückverlegung des Landratsamtes angeordnet wurde, planten Werner Haas sowie ein paar Eingeweihte um den Bürgermeister und den Pfarrer von Regen eine Kommandoaktion.

Sie hielten den Beschluss des bayerischen Innenministeriums vorerst vor den Zwieselern geheim, um erneute Gegenmaßnahmen zu verhindern. Vorbesprechungen führten sie in Privatwohnungen durch, in denen sogar Ehefrauen sowie die Pfarrerköchin „Hausarrest“ bekamen, um die Geheimhaltung nicht zu gefährden.

Die Aktion begann am 17. April 1948, als sich um 3:30 Uhr zehn Lastwägen und 49 Männer auf dem Marktplatz von Regen offiziell „zur besonderen Verwendung“ trafen. Erst jetzt informierte Landrat Haas die restlichen Beteiligten über das Ziel.

Anschließend fuhren sie die knapp 15 Kilometer nach Zwiesel und überraschten dort im Morgengrauen die Stadt und das in einem Hotel untergebrachte Landratsamt.

Innerhalb von zwei Stunden verluden sie die gesamte Einrichtung mit den Akten und verließen die Stadt, bevor um 8 Uhr die ersten Landkreisangestellten eintrafen.

Als die Männer wieder in Regen eintrafen, begrüßte sie die dortige Bevölkerung sie auf dem Marktplatz vor dem Rathaus (siehe Bild aus der heutigen Zeit) mit Beflaggung, Freudenrufen und Blasmusik.

(Eigenes Bild)

Nur die amerikanische Militärpolizei, die wie die bayerische Polizei bisher nicht eingegriffen hatte, bremste am Ende die Feierlichkeiten, um keine Provokationen entstehen zu lassen.

Damit blieb Regen Sitz des Landratsamtes, wobei sich die Stadt im Landkreis viele Einrichtungen mit Zwiesel teilen muss, um ein Gleichgewicht zwischen beiden Städten zu belassen.

Wie hätte sich der Landkreis Regen entwickelt, wenn auch die dritte Rückverlegung des Landratsamtes gescheitert wäre?

13. 1970: Der erste Nationalpark Bayerischer Wald

Die Gründung eines Nationalparks im Bayerischen Wald war zwar alt, aber durchaus umstritten.

Als sich 1967 die Landkreise, Städte und Gemeinden der Region zu einem „Zweckverband zur Förderung des Projektes Nationalpark Bayerischer Wald“ zusammenschlossen, waren auch der Bund Naturschutz in Bayern, der Deutsche Naturschutzring und die Zoologische Gesellschaft Frankfurt a.M. an Bord. Auch die Landespolitik befürwortete das Vorhaben, wenn auch zögerlich.

Vorteilhaft war, dass das anvisierte Gebiet in Niederbayern (siehe Bild vom Berg Lusen aus) siedlungsfrei war und sich vollständig in Staatsbesitz befand.

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Im Vordergrund stand jedoch bei der beginnenden Medienkampagne für den Nationalpark nicht der Waldschutz, sondern eine Tierfreistätte. Das hieß, Tiere sollten dort ungestört angesiedelt werden, leben und von Touristen „wie auf einer Safari“ beobachtet werden.

Dagegen gab es bereits von Anfang an Kritik und Widerstand.

Vor allem die Forstwirtschaft und die Jagd, bis zum bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten als Fundamentalopposition, leisteten erbitterten Widerstand gegen das Konzept einer Tierfreistätte.

Andere Naturschutzorganisationen wie der Deutsche Rat für Landespflege, die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald oder der Verband Deutscher Naturparke kritisierten, dass das Gebiet bereits zu stark durch die jahrhundertelange Forst- und Landwirtschaft geprägt war und zudem ein Konflikt zwischen dem Schutz des Nationalparks und dem stark touristisch geprägten Konzept bestand.

Erst das sogenannte „Haber-Gutachten“ durch den als unabhängigen Experten von allen Seiten anerkannten Landschaftsökologen Wolfgang Haber versachlichte die Debatte. So schlug er 1968 eine Reduzierung der touristischen und Tierschutzangebote vor, ebenso wie eine naturnahe Holzwirtschaft.

Auch der Wechsel im Amt des Landwirtschaftsministers vom Gegner Alois Hundhammer zum Befürworter Hans Eisenmann 1969 führte dazu, dass Ministerpräsident Alois Goppel seine Zurückhaltung zugunsten einer Befürwortung änderte.

Somit konnte am 7. Oktober 1970 mit dem Nationalpark Bayerischer Wald der erste deutsche Nationalpark eröffnet werden, bei dem Naturschutz, Forschung, Tourismus und Bildung gleichwertige Ziele darstellen.

Es dauerte jedoch bis 1987, bis der Nationalpark einen offiziellen juristischen Status bekam und bis 2003, bis mit der Nationalparkverwaltung in Grafenau eine eigene Sonderbehörde für dessen Verwaltung entstand.

Was wäre gewesen, wenn der Nationalpark Bayerischer Wald 1970 gescheitert wäre?

14. 1992: Die umkämpfte Fachhochschule Deggendorf

Als der bayerische Freistaat Anfang der 1990er Jahre die Gründung von neuen Fachhochschulen in Aussicht stellte, löste dies auch in Niederbayern einen harten Wettbewerb um die zukünftigen Standorte aus.

Vor allem zwischen Straubing und Deggendorf (siehe Bild) kam es zu einem langen Ringen um die Fachhochschule.

(Martin Erdniss/Shutterstock)

Während Straubing (siehe Bild) auf seine alte und neue Zentrumsfunktion in Niederbayern setze, argumentierte Deggendorf vor allem mit seiner günstigen Lage im Einzugsbereich des Bayerischen Waldes.

(Boerescu/Shutterstock)

Am Ende setzte sich Deggendorf durch und wurde 1994 Standort der heutigen „Technischen Hochschule“. Diese brachte mit ihren inzwischen mehreren tausend Studierenden und acht Fakultäten, vor allem aber durch ihre über ganz Ostbayern verteilten Forschungscampi entscheidende Impulse in die Stadt und Region an der Grenze zum und im Bayerischen Wald.

Erst 2000 zog Straubing durch die Gründung des „Kompetenzzentrums für Nachwachsende Rohstoffe“ nach und wurde ebenfalls Hochschulstandort.

Was wäre gewesen, wenn Straubing statt Deggendorf 1992 die Fachhochschule bekommen hätte?

Quellen und Literatur

  • Lutz-Dieter Behrendt: Deggendorf. Kleine Stadtgeschichte. Regensburg 2017.
  • Ute Hasenöhrl: Nationalpark Bayerischer Wald, auf: historisches-lexikon-bayerns.de (29.06.2021).
  • Johann Bernhard Haversath: Kleine Geschichte des Bayerischen Waldes. Regensburg 2020.
  • Gerald Huber: Kleine Geschichte Niederbayerns. Regensburg 2015.
  • Dorit-Maria Krenn: Straubing. Kleine Stadtgeschichte. Regensburg 2019.
  • LMU München: Geschichte, auf: lmu.de (2021).
  • Marita A. Panzer: Ermordung der Agnes Bernauer, auf: historisches-lexikon-bayerns.de (08.03.2010).
  • Annemarie Schiller: Kreisstadt bejubelt ein „Lumpenstückl“. Regen, auf: pnp.de (16.04.2018).
  • Michael W. Weithmann: Passau. Kleine Stadtgeschichte. Regensburg 2014.

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