Unterfranken ist in Franken insofern besonders, als es mit dem Wappen der Fürstbischöfe von Würzburg den fränkischen Rechen eingeführt hat und mit Aschaffenburg die einzigen rheinfränkisch sprechenden Einwohner Bayerns hat.

Karte des Bezirks Unterfranken mit den Städten Würzburg, Aschaffenburg und Schweinfurt sowie den Landkreisen Aschaffenburg, Bad Kissingen, Haßberge, Kitzingen, Main-Spessart, Miltenberg, Rhön-Grabfeld, Schweinfurt und Würzburg
(Wikimedia Autor unter CC-Lizenz: TUBS)

Seine Geschichte ist dagegen ähnlich zu Mittelfranken und Oberfranken geprägt von einer starken Zersplitterung vor der bayerischen Zeit. Dominierend war aber das Hochstift Würzburg unter seinen Fürstbischöfen.

Entsprechend hat es wie die anderen bayerischen Bezirke viele Geschichten, die für Alternative History Potenzial bieten.

Ankerpunkte

  1. 9 nach Christus: Die wegweisende Varusschlacht
  2. 717: Das Ende der fränkischen Hedenen
  3. 1057: Das langwierige Ende der Schweinfurter
  4. 1168: Die unvollständige „güldene Freiheit“
  5. 1385: Die endgültige Selbstauslösung von Schweinfurt
  6. 1400: Die entscheidende Schlacht von Bergtheim
  7. 1803: Die fast aufgelöste Universität von Würzburg
  8. 1846: Die umstrittene „Ludwigs-West-Bahn“
  9. 1945: Das verhinderte „Grab am Main“
  10. 1978: Der weitergeführte Widerstand von Ermershausen

    Quellen und Literatur

13. 9 nach Christus: Die wegweisende Varusschlacht

Als der römische Statthalter Publius Quintilius Varus an einem bisher noch nicht näher bestimmten Ort in Norddeutschland in einen Hinterhalt von germanischen Aufständischen unter Führung des Cheruskers Arminius geriet, hatte dies auch Folgen für Unterfranken.

Seit 7 vor Christus hatte das Römische Reich mit dem Gebiet Germania magna auch Teile des späteren Bezirks unter seine Kontrolle gebracht und als Provinz in das Imperium eingegliedert.

Davon zeugt vor allem ein 1985 entdecktes Legionslager in Marktbreit (Landkreis Kitzingen). Es konnte zwei Legionen aufnehmen und war als Stützpunkt für eine weitere Expansion angelegt worden.

Nach der Niederlage des Varus waren aber zwei Drittel der römischen Rheinarmee vernichtet. Das restliche Drittel konnte sich nur schnell zurückziehen.

Daher – und als folgende römische Gegenoffensiven ohne dauerhaften Erfolg blieben – wurde das Lager in Marktbreit aufgegeben. Die Legionäre (siehe Reenactment-Bild aus der heutigen Zeit) verließen Unterfranken wieder.

Foto von fünf Römischen Legionären in einem Reenactment
(J.Sabel/Shutterstock)

Zwar expandierten die Römer ab 90 nach Christus nochmals in die mainfränkische Region. Sie blieben aber auf „ihrer“ Seite des Main und unternahmen keine Eroberungsversuche in Gebiete „rechts“ des Flusses.

Als dieser obergermanisch-raetische Limes schließlich 253/254 angesichts der Angriffe der Alamannen aufgeben wurde, endete die römische Präsenz in Unterfranken endgültig.

Was hätte sich das "römische Unterfranken" entwickelt, wenn Varus nicht in den Hinterhalt des Arminius geraten wäre?

2. 717: Das Ende der fränkischen Hedenen

Ab Mitte des 6. Jahrhunderts prägten zwei Gruppen Unterfranken: Aus Richtung Westen das Fränkische Reich, im äußersten Osten Slawen.

Die fränkischen Merowinger setzten in Würzburg ab Mitte des 6. Jahrhunderts zuerst einen Heerführer und danach die Familie der Hedenen ein. Beide etablierten ein thüringisch-fränkisches Herzogtum (auf der Karte grob unter Thüringen).

Karte des Fränkischen Reiches mit dem Gebiet Thüringen im heutigen Mittelfranken.
(Wikimedia-Autor unter CC-Lizent: Plinganser)

Diese fränkisch-thüringischen Herzöge betrieben lange eine relativ eigenständige Politik.

Dies änderte der fränkische Hausmeier Karl Martell. Der Karolinger stärkte die Zentralgewalt wieder und ging auch gegen die Hedenen vor.

Allerdings ist das konkrete Ende „ihres“ Herzogtums unklar.

Klarer war die Folge: Vor allem das Bistum Würzburg entwickelte sich unter seinen Bischöfen langsam zum stabilsten Machtfaktor der Region.

Wie hätte sich ein "(unter-)fränkisches" Herzogtum der Hedenen weiterentwickeln können?

3. 1057: Das langwierige Ende der Schweinfurter

Als zeitweise zweite Macht neben den Würzburger Bischöfen etablierten sich ab 938/939 die Grafen von Schweinfurt in Unterfranken. Dabei umfasste ihr Herrschaftsgebiet fast den kompletten Raum zwischen der namensgebenden Stadt Schweinfurt mit ihrer Stammburg und dem Oberpfälzer Gebiet bis an den Böhmerwald.

Diese starke Stellung nördlich ihrer Herrschaftsgebiete mit der Hauptstadt Regensburg konnte das damalige bayerische Herrschergeschlecht der Luitpoldinger nicht zulassen.

Als einer der ihren als König Heinrich II. ab 1002 über das ostfränkisch-deutsche Reich regierte, kam es zum Konflikt.

Heinrich schlug nicht nur einen Aufstand der Schweinfurter nieder. Er schwächte auch durch die Vergabe von Lehnsrechten die Stellung der Markgrafen.

Doch erst der Tod des letzten Schweinfurters, Otto, beendet 1057 deren Versuche, ein geschlossenes Herrschaftsgebiet im heutigen Nordbayern und Unterfranken aufzubauen.

Wie hätte sich Unterfranken entwickelt, wenn die Schweinfurter nicht gescheitert wären?

4. 1168: Die unvollständige „güldene Freiheit“

Die Würzburger Bischöfe versuchten dagegen, ihre Herrschaft nicht nur über das Bistum, sondern auch über ganz (Ost-)Franken auszudehnen.

So hatten sie 1120 das Richteramt für Franken erhalten und bezeichneten sich kurz darauf auch offiziell, aber noch nicht anerkannt, als Herzöge von Franken.

Die Chance, eine Anerkennung durch Kaiser Friedrich I. „Barbarossa“ zu erreichen, bot sich 1168.

Denn der Kaiser, zu dessen wichtigsten Stützpunkten die Stadt (siehe Bild aus der heutigen Zeit) und zu dessen wichtigsten Verbündeten im Reich der Bischof von Würzburg gehörte, erreichte Würzburg nach einem gescheiterten Italienzug in einer geschwächten Position.

Foto der Festung Marienberg im Hintergrund und der Statue des St. Kilian auf der alten Mainbrücke von Würzburg im Vordergrund
(Richi McWallace/Shutterstock)

In dieser Lage legte ihm der Bischof auf einem Hoftag eine teilweise gefälschte Urkunde vor, die den Bischöfen zukünftig die Herzogswürde von Franken zugestand.

Allerdings änderte die kaiserliche Kanzlei vor der Siegelung durch den Kaiser die Urkunde in einem entschiedenen Punkt: Die Amtsgewalt als Herzog galt nur für die bereits bestehende Herrschaft in und um Würzburg.

So blieb den Bischöfen nur übrig, diese Autorität aus der sogenannten „güldenen Freiheit“ „überzuinterpretieren“, um ihre Macht über das Hochstift hinaus auszudehnen.

Was wäre gewesen, wenn die Bischöfe von Würzburg 1168 tatsächlich "volle" Herzöge von Franken geworden wären?

5. 1385: Die endgültige Selbstauslösung von Schweinfurt

Der Beginn der Stadtgeschichte von Schweinfurt ist insofern ungewöhnlich, als ihr Ursprung in der Gründung als Reichsstadt durch Kaiser Friedrich Barbarossa zu einem nicht genau bekannten Datum lag.

1230 wurde die Stadt (siehe Bild der ersten Kirche unten) erstmals urkundlich erwähnt. Sie konnte sowohl eine Zerstörung Anfang der 124oer Jahre – das „Erste Stadtverderben“ – als auch einen Versuch des Deutschen Ordens, die Gerichtsrechte in der Stadt zu erwerben, überstehen.

Foto der Kirche St. Johannis in Schweinfurt
(Sina Ettmer Photography/Shutterstock)

Gefahr drohte ihr jedoch auch von ihrem eigentlichen Schutzherren, dem Kaiser. Denn dieser verpfändete aus Geldnot 1309 die Stadt an die Grafen von Henneberg-Schleusingen. 1354 kam es sogar zum Weiterverkauf einer Pfandhälfte an die Würzburger Bischöfe.

Nur unter großen finanziellen Anstrengungen gelang es Schweinfurt, die Verpfändungen 1361 (Henneberg-Schleusingen) und 1385 (Würzburg) auszulösen.

Erst danach konnte die einzige Reichsstadt in Unterfranken ihre Unabhängigkeit dauerhaft verteidigen und durch weitere Privilegien absichern.

Wie hätte sich Schweinfurt entwickelt, wenn es weiter Pfand der Grafen von Henneberg-Schleusingen und der Bischöfe von Würzburg geblieben wäre?

6. 1400: Die entscheidende Schlacht von Bergtheim

Bereits seit dem 13. Jahrhundert hatten sich die Spannungen zwischen dem Bischof und den Bürgern von Würzburg verschärft.

Vor allem zwischen den Zünften sowie den geistlichen Institutionen kam es immer wieder zu Streitigkeiten und sogar Kämpfen.

Daher hatte die Festung Marienberg (siehe unten) nicht nur die Funktion, die Stadt und den Mainübergang zu sichern, sondern auch den Bischof gegenüber der Stadt zu schützen.

Foto der Festung Marienberg am Main
(Leonid Andronov/Shutterstock)

Da der Bischof sich bis Ende des 14. Jahrhunderts aber immer durchsetzen konnte, trat ein Niedergang der Stadt ein. Zum Beispiel verließen immer mehr Mitglieder der bürgerlichen Eliten Würzburg.

1396 unternahmen die restlichen Bürger von Würzburg einen neuen Versuch, sich mehr Autonomie vom Bischof zu erkämpfen.

Dazu schlossen sie mit 14 weiteren Städten des Hochstiftes einen Städtebund, zunächst noch mit Zustimmung des Bischofs.

1397 brach allerdings angesichts von neuen finanziellen Forderungen des Bischofs ein Aufstand in Würzburg los und es kam zum sogenannten „Würzburger Städtekrieg“.

Da König Wenzel eine zunächst ausgestellte „Reichsfreiheitsurkunde“ zurückzog und eine schwankende Haltung einnahm, blieben Würzburg und seine Verbündeten auf sich gestellt.

Dennoch hielten sie bis Anfang 1400 aus, als der Bischof begann, Würzburg zu belagern und auszuhungern. Die Bürger suchten ihrerseits eine Entscheidung, indem sie versuchten, beim nördlich von Würzburg gelegenen Bergtheim gelagerte Getreidevorräte des Bischofs zu erobern.

Zwar gelang es dem Aufgebot der Würzburger Bürger, die Vorräte zu erobern. Auf dem Rückweg erlitten sie aber eine vernichtende Niederlage gegen ein überlegenes Heer des Bischofs.

Unklar blieb, ob die Niederlage aus einem Verrat des Feldzugs an den Bischof oder aus einer von vorneherein geplanten Falle resultierte.

Das Ergebnis war klarer: Der Bischof übernahm nach dieser Niederlage der Stadt endgültig und unumstritten die Herrschaft über Würzburg und die anderen Städte im Hochstift.

Die von der Niederlage traumatisierte und wirtschaftliche weiter ausgeblutete Stadt erlebte dagegen einen Niedergang, der sich auch nicht durch Gegenmaßnahmen des Bischofs wie der Gründung einer Universität 1402 aufhalten ließ.

Wie hätte sich Würzburg entwickelt, wenn die Schlacht von Bergtheim nicht stattgefunden hätte?

7. 1803: Die fast aufgelöste Universität von Würzburg

1802 fiel das Hochstift Würzburg aber im Rahmen der Säkularisierung an das Kurfürstentum Pfalz-Baiern.

Damit verbunden waren einschneidende Reformen, vor allem in Bezug auf die Verwaltung und die Glaubenspolitik.

Die bayerischen Behörden machten dabei auch nicht vor der Universität Würzburg (siehe Bild der Universitätskirche) halt.

Foto des Turmes der Universitätskirche der alten Unibversität von Würzburg in Unterfranken
(Sharkshock/Shutterstock)

Denn in Bayern sollte es neben der bisher schon bestehenden Universität in Ingolstadt (1802 nach Landshut, 1826 endgültig nach München) nur eine weitere Hochschule geben.

Daher war ein Jahr lang unklar, ob die bayerischen Herrscher die Universität Würzburg nicht auflösen würden.

Stattdessen traf es aber die Universität in Bamberg und Würzburg konnte sich neben München und Erlangen als einer von nur drei Hochschulstandorten in Bayern (bis 1962) halten.

Wie hätte sich Würzburg entwickelt, wenn die Universität 1803 aufgelöst worden wäre?

8. 1846: Die umstrittene „Ludwigs-West-Bahn“

Unterfranken erhielt relativ spät einen Anschluss an das entstehende bayerische Eisenbahnnetz.

Ein Grund dafür waren Konflikte um den Streckenverlauf: So favorisierten einige Gruppierungen ausgehend von Bamberg eine Strecke über Ebrach durch den Steigerwald nach Würzburg.

Erst 1846 entschied sich König Maximilian II. für eine vergleichsweise längere Streckenführung, die sich entlang des Mains über Schweinfurt (siehe Bild) 1852 und Würzburg 1854 nach Aschaffenburg und Frankfurt entwickelte.

Blick über die Stadt Schweinfurt in Unterfranken
(FOCUSIMA/Shutterstock)

Dies sorgte für ein Aufblühen von neuen Industrien an den Orten entlang der „Ludwigs-West-Bahn“. Unter anderem entwickelte sich Schweinfurt neben Würzburg zu einem kleinen Verkehrsknoten und einem weltweit bekannten Industriestandort.

Wie hätte sich das östliche Unterfranken entwickelt, wenn die Streckenführung über Ebrach gelaufen wäre?

9. Das verhinderte „Grab am Main“

Bei Ende des Zweiten Weltkriegs waren in Würzburg die Altstadt (siehe Bild aus der heutigen Zeit) zu 90 % und die Außenbezirke zu 68 % zerstört.

Foto von Würzburg und seiner Altstadt von der Festung Marienberg aus
(Bprang/Shutterstock)

Vor allem ein verheerender Bombenangriff am 16. März 1945 und die sinnlose Verteidigung der Stadt gegen die angreifenden US-Amerikaner bis zur Einnahme am 6. April 1945 hatten schwere Verwüstungen angerichtet.

Statt 100.000 Einwohnern lebten nur noch 6.000 Menschen in den Ruinen von Würzburg.

Die Hauptstadt von Unterfranken war so stark zerstört, dass es nach Kriegsende sogar die Überlegung gab, das „Grab am Main“ flussabwärts neu aufzubauen.

Diese Planungen wurden aber schnell zugunsten eines Wiederaufbaus der alten Stadt aufgegeben.

1946 lebten bereits wieder 50.000 Menschen in Würzburg. Aber erst 1963 galt der Wiederaufbau als abgeschlossen.

Was wäre gewesen, wenn Würzburg nach 1945 an anderer Stelle wiederaufgebaut worden wäre?

10. 1978: Der weitergeführte Widerstand von Ermershausen

Als die bayerische Regierung durch die Gebietsreform der 1960er und 1970er Jahre viele ländliche Gemeinden auflöste, führte dies bei den meisten Betroffenen zu heftigem Widerstand.

Dieser blieb in den meisten Fällen allerdings relativ kurz und erfolglos.

Ein Gegenbeispiel war die 600-Einwohner-Gemeinde Ermershausen im Landkreis Haßberge. Dessen Bevölkerung verteidigte erbittert ihre Unabhängigkeit und widersetzte sich einer Eingemeindung nach Maroldsweisach.

Diese Proteste waren so heftig, dass die Polizei am 19. Mai 1978 mit 1.800 Einsatzkräften in den Ort einrücken musste, um das Rathaus der danach aufgelösten Gemeinde zu räumen und die Gemeindeakten zu sichern.

Dies führte jedoch nicht zu einem Ende des Widerstandes unter der Führung des damaligen und ab 1978 ehemaligen Bürgermeisters Adolf Höhn.

Dieser konnte der eigenen Erzählung nach in der Nacht nach dem 19. Mai 1978 nur mit Mühe verhindern, dass circa 50 Einwohnerinnen und Einwohner das Dorf in Richtung der benachbarten DDR verließen.

Stattdessen verlegte sich die Bevölkerung von Ermershausen auf passiven Widerstand: Der ehemalige Rathausplatz wurde in „Platz des Polizeiüberfalls“ umbenannt, ab 1980 läutete dort an jedem Jahrestag eine „Freiheitsglocke“ und bis 1990 boykottierte das „Rebellendorf“ alle Wahlen.

Erst 1989/1990 schlugen die Einwohnerinnen und Einwohner einen neuen Weg ein: Sie traten massenhaft in die regierende CSU ein und organisierten mit 278 Mitgliedern sofort den größten Ortsverband der Partei im Landkreis Haßberge.

Diese Aktion des CSU-Kreisvorsitzenden Rudolf Handwerker und des CSU-Kreisrats Sebastian Freiherr von Rothenhan führte zu einem Stimmungsumschwung in der Regierungspartei. Vor allem als ein neuer Versöhnungsversuch mit Maroldsweisach nach der Kommunalwahl 1990 scheiterte.

Mit der „Lex Ermershausen“ beschloss der Landtag im Herbst 1993 die neue Selbstständigkeit der Gemeinde.

Nach 15 Jahren Widerstand erreichte Ermershausen damit seine Eigenständigkeit, welche die Gemeinde bis heute innehat.

Was wäre gewesen, wenn der Widerstand in Ermershausen 1978 geendet hätte?

Quellen und Literatur

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