Der bayerische Bezirk Oberfranken umfasst zwar geografisch tatsächlich die am höchsten gelegenen Gebiete Frankens. Darüber hinaus bestand diese Region aber die meiste Zeit ihrer Geschichte aus sehr verschiedenen Territorien. Eine Geschichte mit vielen Wendungen für Alternative History.

So bestand bis Anfang des 19. Jahrhunderts ein Großteil Oberfrankens aus dem Hochstift Bamberg, über das die Bischöfe als weltliche Herrscher regierten, sowie aus der Markgrafschaft Kulmbach-Bayreuth, die die fränkischen Hohenzollern regierten.

Karte des bayerischen Bezirks Oberfranken mit den kreisfreien Städten Bamberg, Bayreuth, Coburg und Hof sowie den Landkreisen Bamberg, Bayreuth, Coburg, Forchheim, Kronach, Kulmbach, Lichtenfels und Wunsiedel.
(Wikimedia Autor unter CC-Lizenz: TUBS)

Dies führte zu unterschiedlichen christlichen Konfessionen sowie Regierungsstilen in diesem relativ begrenzten Raum. Daher gab es viele „Was-wäre-wenn“-Ankerpunkte, die der (ober-)fränkischen Geschichte einen anderen Lauf gegeben hätten.

Ankerpunkte

  1. 1057: Das langwierige Ende der Schweinfurter
  2. 1248: Der Tod des letzten Herzogs von Andechs-Meranien
  3. 1353: Die sächsische Übernahme von Coburg
  4. 1373: Der endgültige Verkauf von Hof
  5. 1430: Die blamable Verteidigung von Bayreuth
  6. 1604: Der ungewünschte Residenzwechsel der Hohenzollern
  7. 1743: Die Verlegung der ersten Universität Bayreuth
  8. 1791: Die amouröse Abdankung des letzten Markgrafen
  9. 1810: Die neue Hauptstadt des Mainkreises
  10. 1812: Das verschlafene Attentat auf Napoleon
  11. 1838: Die umstrittene Eisenbahn durch Oberfranken
  12. 1922: Der blutige „Zug nach Coburg“
  13. 1948: Die gescheiterte Ansiedlung von Siemens
  14. 1950: Der kommunistische Losentscheid in Hof
  15. 1950: Die erfolgreiche Flucht der HUK-Coburg
  16. 1958: Die ungewöhnliche Oberbürgermeisterwahl von Bayreuth
  17. 1972: Die wiederholte Gründung der Universität Bamberg

    Quellen und Literatur

1. 1057: Das langwierige Ende der Schweinfurter

In Oberfranken etablierten sich ab 938/939 die Grafen von Schweinfurt als erste bekannte Herrscher über die Region. Dabei umfasste ihr Herrschaftsgebiet fast den kompletten Raum zwischen der namensgebenden unterfränkischen Stadt Schweinfurt und dem Oberpfälzer Gebiet bis an den Böhmerwald.

Diese starke Stellung, zum Beispiel im heutigen Kronach (siehe Bild) nördlich ihrer Herrschaftsgebiete mit der Hauptstadt Regensburg, konnte das damalige bayerische Herrschergeschlecht der Luitpoldinger nicht zulassen.

Bild der Stadt Kronach mit der Festung Rosenberg.
(tokar/Shutterstock)

Als einer der ihren als König Heinrich II. ab 1002 über das ostfränkisch-deutsche Reich regierte, kam es zum Konflikt.

Heinrich schlug nicht nur einen Aufstand der Schweinfurter nieder. Er schwächte auch durch die Vergabe von Lehnsrechten die Stellung der Markgrafen.

Zum Beispiel gründete Heinrich, um ein Wiedererstarken der Schweinfurter zu verhindern, 1007 das Bistum Bamberg.

Dieses baute er zum regionalen geistlichen Zentrum aus und versuchte, es durch reiche Beschenkungen und die Vergabe von Herrschaftsrechten zu einem Machtfaktor im heutigen Oberfranken auszubauen.

Dies führte zu einem enormen Aufschwung der Stadt Bamberg und zu einem Herrschaftsgebiet, aus dem sich das spätere Hochstift Bamberg entwickelte.

Zuletzt beschenkte er das Bistum zahlreich, zum Beispiel mit Reliquien, um eine dauerhafte Grablege für sich zu schaffen. Daher ist Kaiser Heinrich II. auch im heutigen Bamberger Dom (siehe Bild) beerdigt.

Foto des Bamberger Doms.
(Takashi Images/Shutterstock)

Doch erst der Tod des letzten Schweinfurters, Otto, beendet 1057 die Versuche, ein geschlossenes Herrschaftsgebiet im heutigen Nordbayern aufzubauen.

Wie hätte sich Oberfranken entwickelt, wenn die Schweinfurter nicht gescheitert wären?

2. 1248: Der Tod des letzten Herzogs von Andechs-Meranien

Erst die Herzöge von Andechs-Meranien konnten ein Jahrhundert später wieder eine ähnlich machtvolle Stellung in Oberfranken errichten. Vor allem, nachdem sie neben weltlichen Besitztümern den Bischofstitel von Bamberg gewinnen konnten.

Diese Adelsfamilie gehörte zu den mächtigsten Geschlechtern im bayerischen Raum sowie im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Als treue Parteigänger der Staufer besaßen sie auch Gebiete in Bayern, Italien und Burgund.

In Oberfranken durchdrangen sie die Region vor allem durch zahlreiche Städtegründungen. So wurden höchstwahrscheinlich Bayreuth, Lichtenfels und Hof an der Saale durch sie gegründet.

Diese Machtkonzentration endete, als 1248 der letzte Herzog von Andechs-Meranien, Otto VIII., kinderlos und unter ungeklärten Umständen auf der Burg Niesten (bei Weismain im Landkreis Lichtenfels) starb.

Danach brach ein 12-jähriger Konflikt um sein Erbe aus, bei dem sich Verwandte der Herzöge sowie regionale Adelige und der Bischof von Bamberg bekämpften.

Diese Auseinandersetzung blieb ohne eindeutigen Sieger und führte dazu, dass der oberfränkische Raum endgültig in verschiedene Machtblöcke zerfiel.

Erst 1260 endeten die Kämpfe mit dem „Langenstadter Spruch“, einem Schiedsspruch, dessen konkrete Ergebnisse in den Quellen nicht genannt sind.

Als stärkste Gruppierungen kristallisierten sich danach jedoch die Bischöfe von Bamberg und die späteren Markgrafen von Kulmbach-Bayreuth aus der Familie Hohenzollern heraus.

Was wäre gewesen, wenn Otto VIII. 1248 nicht gestorben wäre?

3. 1353: Die sächsische Übernahme von Coburg

Ebenfalls vom „Langenstadter Spruch“ profitierten die ursprünglich thüringischen Grafen von Henneberg.

Sie hatten aufseiten der Bamberger Bischöfe gekämpft und dafür unter anderem die Herrschaft über Coburg erhalten. Diese Herrschaft umfasste aber auch Gebiete um Schmalkalden oder Schaumburg.

Diese „neue Herrschaft“ ging später an die Linie Henneberg-Schleusingen.

Diese hatte Mitte des 14. Jahrhunderts das Problem, dass der älteste Sohn des Grafen keine männlichen Nachkommen gezeugt hatte.

Dies führte zu einer komplexen Nachfolgeregelung, bei der die Herrschaft über die Coburger Gebiete an die verschiedenen Ehemänner der Töchter des Grafen gehen sollte.

Insbesondere die sächsisch-thüringischen Wettiner wollten sich durch eine solche Ehe bereits zu Lebzeiten des Grafen und seiner Frau Coburg sichern, scheiterten aber in einer Fehde.

Erst nach dem Tod der Hennebergerin Jutta 1353 konnte Friedrich III. Coburg für die Wettiner sichern, indem er am schnellsten einen Boten zu König und Kaiser Karl IV. schickte und damit die Ehemänner der verbliebenen Hennebergerinnen, darunter die Burggrafen von Nürnberg, überspielte.

Daraus entstanden die sogenannten „sächsischen Ortlande“ als südlichste Spitze des wettinischen Machtbereiches in Franken.

Diese bestanden aus der Stadt Coburg und der Region darum, zum Beispiel das Schloss Callenberg (siehe Bild) als Sommerresidenz verschiedener Linien der Coburger Wettiner.

Foto des Schlosses Callenberg im Landkreis Coburg.
(Video Media Studio Europe/Shutterstock)

Coburg verblieb damit bis 1918 in diesem Herrschaftsgebiet.

Was wäre gewesen, wenn Friedrich III. 1353 nicht so schnell einen Boten geschickt hätte?

4. 1373: Der endgültige Verkauf von Hof

Im 13. Jahrhundert stieg das an bedeutenden Handelsrouten liegende Hof zu einer prosperierenden Stadt auf.

Beispiele für das Wachstum waren der Bau einer Stadtmauer bis 1260 und die Niederlassungen von mehreren christlichen Orden.

Verantwortlich für diese Entwicklung waren die lokalen Vögte von Weida, deren südlichsten Stützpunkt Hof darstellte.

Dort waren sie zwar nominell den Hohenzollern als Burggrafen von Nürnberg lehnspflichtig, agierten aber ausgehend von anderen Zentren wie Plauen und Gera relativ unabhängig.

Sie standen jedoch im 14. Jahrhundert unter einem immer größeren Druck der mächtigen Fürsten in der Umgebung ihres „Vogtlandes“, vor allem der sächsischen Wettiner und der fränkischen Hohenzollern.

Erst 1373 gelang es den Hohenzollern dem Vogt Heinrich XIV. Hof und das umliegende Regnitzland (siehe Bild aus der heutigen Zeit) abzukaufen und die Region komplett in das Markgrafentum Kulmbach zu integrieren.

Foto der Landschaft im heutigen Landkreis Hof.
(Likee68/Shutterstock)

Damit verließ Hof endgültig den politischen Machtbereich des Vogtlandes und wechselte nach Franken – bis in die heutige Zeit.

Was wäre gewesen, wenn Hof 1373 nicht an die Hohenzollern verkauft worden wäre?

5. 1430: Die blamable Verteidigung von Bayreuth

Bis Anfang des 15. Jahrhunderts hatte sich auch Bayreuth zu einem regionalen Zentrum und einer durchaus bedeutenden Stadt entwickelt.

Diese Entwicklung stoppte allerdings abrupt durch die Hussitenkriege, die ab 1421 zu Plünderungszügen aus der heutigen Tschechischen Republik führten.

Als die Hussiten 1430 die oberfränkischen Gebiete überfielen, griffen sie auch Bayreuth an.

Dessen Verteidigung brach bereits vor dem Angriff zusammen.

Eine Sitzung des Bayreuther Rats endete in einer panischen Flucht der Stadtherren in die nahen Wälder, denen sich die männlichen Verteidiger der Stadt anschlossen.

Der Legende nach leisteten einzig einige Frauen Widerstand.

Daher gelang es den Hussiten, Bayreuth fast vollständig zu zerstören.

Dies führte in der Folge zwar zu einem modernen Wiederaufbau von Bayreuth, der sich aber über mehrere Jahrzehnte hinzog.

Was wäre gewesen, wenn die Ratssitzung anders ausgegangen wäre?

6. 1604: Der ungewünschte Residenzwechsel der Hohenzollern

Traditionell war die Plassenburg in Kulmbach die Residenz der Hohenzollern im gleichnamigen Markgrafentum. Dies blieb zuerst auch so, als nach dem Aussterben der fränkischen Linie der Brandenburger Christian per Los die Herrschaft übernahm.

Er beschloss jedoch kurz nach Herrschaftsantritt, seinen Hauptsitz in die bisherige Nebenresidenz Bayreuth zu verlegen.

Während diese Entscheidung für Kulmbach (siehe Bild), das „nur“ mit der Plassenburg Landesfestung und -archiv blieb, ein harter Rückschlag in der Entwicklung war, war auch die Bürgerschaft von Bayreuth am Anfang nicht begeistert.

Foto der Altstadt von Kulmbach mit der Plassenburg im Hintergrund.
(Animaflora PicsStock/Shutterstock)

Stattdessen beklagte der Stadtrat, der um seine Autonomie fürchtete, dass Bayreuth zu klein für eine Residenz wäre. Ein Stadtbrand führte 1605 nochmals zu einer erzwungenen Rückkehr des Fürsten nach Kulmbach.

Als er 1610 zurückkehrte, war der Residenzwechsel allerdings dauerhaft vollzogen. Dies führte vor allem im Barock zu einem repräsentativen Ausbau von Bayreuth mit seinem heutigen Weltkulturerbe.

Wie hätten sich Bayreuth und Kulmbach entwickelt, wenn es nicht zum Residenzwechsel gekommen wäre?

7. 1743: Die Verlegung der ersten Universität Bayreuth

Bereits seit 1664 besaß Bayreuth ein Gymnasium, das als höchste Bildungsanstalt der Region auch für ein Hochschulstudium vorbereitete.

1741 wertete Markgraf Friedrich diese Schule zu einem „Gymnasium Academicum“ auf, was eine Vorstufe zur Universitätsgründung darstellte.

Diese erfolgte 1742 als „Academia Fridericana“. Erst ein Jahr später erhielt sie das kaiserliche Universitätsprivileg.

Allerdings kam es sofort zu Konflikten zwischen einigen der ersten Studierenden sowie Soldaten und den restlichen Stadtbewohnern.

So kam es zu Prügeleien zwischen Studierenden und Soldaten in der Residenzstadt und die Stadtbevölkerung warf einigen Studierenden vor, Bayreuth zu terrorisieren.

Foto des Erlanger Schlosses mit Park
(Scirocco340/Shutterstock)

Daher verlegte Markgraf Friedrich bereits 1743 die Universität an ihren bis heute bestehenden Sitz in Erlangen (siehe Bild).

Wie hätte sich Bayreuth mit einer Universität ab 1742 entwickelt?

8. 1791: Die amouröse Abdankung des letzten Markgrafen

Karl Alexander war ab 1757 Markgraf von Brandenburg-Ansbach. Als 1769 der letzte Markgraf von Brandenburg-Bayreuth erbenlos starb, vereinigte er sogar alle hohenzollerischen Gebiete in Franken unter seiner Herrschaft.

Der Markgraf war ein Anhänger des aufgeklärten Absolutismus und Bewunderer seines Onkels, des preußischen Königs Friedrich II.

Auch bei der Wahl seiner Partnerinnen zog er persönliche Interessen dynastischen Erwägungen vor: Während sich seine erste Geliebte nicht in die Politik einmischte, tat dies jedoch die zweite, Lady Elisa Craven.

Sie nutzte vor allem den Pessimismus des Markgrafen über die Zukunft seiner Länder, da diese durch seine Kinderlosigkeit nach seinem Tod an Preußen fallen sollten.

Daher gelang es Craven, ihn davon zu überzeugen, bereits im Januar 1791 seine Länder in einem Geheimvertrag an Preußen zu übertragen. Als er gegen eine großzügige Apanage im Dezember 1791 zurücktrat, gingen so Ansbach und Bayreuth bis 1806 an Preußen.

Im selben Jahr fast 15 Jahre nach seiner Abdankung verstarb auch Karl Alexander mit knapp 70 Jahren.

Wie hätte sich das fränkische Hohenzollerngebiet entwickelt, wenn Karl Alexander nicht oder zu einem anderen Zeitpunkt abgedankt hätte?

9. 1810: Die neue Hauptstadt des Mainkreises

Bereits 1802 hatte das mit Napoleon verbündete Bayern das Hochstift Bamberg in Besitz genommen. Bis 1806 folgten noch viele Gebiete der (ober-)fränkischen Reichsritter.

Als Napoleon 1806 Preußen vernichtend schlug, besetzte er auch Kulmbach-Bayreuth. Von Anfang an beabsichtigte er allerdings, es an Bayern zu verkaufen.

Allerdings war der Preis zwischen den beiden Verbündeten umstritten. Erst 1810 kam es im Vertrag von Paris zu einer Einigung: Bayern erhielt Bayreuth gegen einige Gebietsabtretungen in Schwaben und zahlte eine größere Summe an Frankreich.

Diese Einigung hatte auch Folgen für Oberfranken, damals größtenteils der bayerische Mainkreis. Denn durch die hart verhandelte Hinzunahme des Fürstentums wechselte der geografische Schwerpunkt und damit auch der Regierungssitz des Kreises (siehe Bild) nach Bayreuth.

Foto der Bezirksregierung von Oberfranken in Bayreuth.
(Eigenes Bild)

Dies war vor allem für die bisherige Hauptstadt Bamberg ein Schock. Hatte sie doch seit 1802 nicht nur die Unabhängigkeit verloren, sondern war zum Beispiel durch die Auflösung der 1647 gegründeten Universität zu einer eher unbedeutenden Landstadt herabgesunken.

Daher prägte im 19. Jahrhundert eine große Rivalität das Verhältnis zwischen den Städten Bamberg und Bayreuth.

Was wäre gewesen, wenn Bamberg 1810 Hauptstadt des Mainkreises geblieben wäre?

10. 1812: Das verschlafene Attentat auf Napoleon

Im Mai 1812 besuchte der französische Kaiser Napoleon (siehe Bild) auf seinem Weg zum Russlandfeldzug das oberfränkische Bayreuth und nahm dort eine Truppenparade ab.

Porträt von Napoleon.
(Everett Collection/Shutterstock)

Erst nachdem er die Stadt verlassen hatte, wurde ein Attentatsversuch dort bekannt.

Der Kaufmann Fischer hatte die Straße vor seinem Haus unterminiert und den unter dem Weg Schießpulver deponiert. Sein Plan war es, den vorbeireitenden Kaiser in die Luft zu sprengen.

Einer Chronik zufolge verschlief der Kaufmann allerdings den Zeitpunkt des Attentats.

Daher verließ Napoleon Bayreuth unbeschadet in Richtung Russland.

Was wäre gewesen, wenn es in Bayreuth tatsächlich zu einem Attentat auf Napoleon gekommen wäre?

11. 1838: Die umstrittene Eisenbahn durch Oberfranken

Als das Eisenbahnzeitalter anbrach, bedeutete dies auch für das heutige Oberfranken langfristige Entscheidungen. War doch die Eisenbahn im 19. Jahrhundert der entscheidende Treiber für die Industrialisierung der an sie angeschlossenen Städte und Regionen.

Entsprechend war die geplante Trasse durch Oberfranken im Main- und Regnitztal im Vorfeld umstritten. Vor allem, da sie als Teil der Ludwig-Süd-Nord-Bahn an die erste große, ganz Bayern durchquerende Strecke angeschlossen war.

Unstrittig war lediglich, dass sie von Nürnberg über Bamberg laufen sollte. Danach war offen, ob sie zuerst Richtung Hof, Coburg oder Bayreuth führen sollte.

Seit 1836 bemühte sich zum Beispiel ein Komitee in Bayreuth um eine Strecke aus Forchheim zur Hauptstadt von Oberfranken und von dort nach Hof.

Im gleichen Jahr hatte sich in Hof ebenfalls ein Eisenbahnkomitee gebildet, dass sich für eine Trasse über Hof einsetzte, um dort auch die wichtige Verbindung zwischen dem bayerischen und sächsischen Eisenbahnnetz zu platzieren.

1838 entschied König Ludwig I. schließlich, dass die Strecke von Bamberg über Kulmbach nach Hof führen sollte.

Damit gewann Hof nicht nur einen Verkehrsknotenpunkt, sondern auch die Möglichkeit zur Versorgung mit Steinkohle aus dem Zwickauer Revier. Dies sorgte endgültig dafür, dass Hof eine der ersten Industriestädte von Oberfranken und Bayern wurde.

So erhielten Bayreuth erst 1853 und Coburg erst 1859 den Eisenbahnanschluss und an das Industriezeitalter.

Was wäre gewesen, wenn sich König Ludwig I. für eine der anderen Eisenbahnstrecken entschieden hätte?

12. 1922: Der blutige „Zug nach Coburg“

Coburg hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg „wieder“ Oberfranken und Bayern angeschlossen.

Dies sorgte aber nicht für eine Beruhigung der politischen Lage. 1921 kam es zum Beispiel zum „Coburger Blutsonntag“, bei dem die bayerische Polizei einen Protestzug der Sozialdemokraten mit Maschinengewehrfeuer und in dessen Folge mehreren Verletzten und einem Toten aufseiten der Demonstranten auflöste.

Im Oktober 1922 steigerte sich die Gewalt nochmals beträchtlich, als deutschnationale und völkische Gruppierungen zu einem „Deutschen Tag“ luden.

Dieses reichsweite Zusammentreffen der Rechten war auch der erste bekannte Auftritt der erstmals eingeladenen Nationalsozialisten um ihren damals außerhalb von München noch wenig bekannten Vorsitzenden Adolf Hitler (siehe Bild).

Münze mit dem Bild von Adolf Hitler und dem Motto "Unser die Zukunft Adolf Hitler"
(Sytilin Pavel/Shutterstock)

Dieser wollte die Gelegenheit zur Demonstration der eigenen Stärke nutzen und reiste in einem Sonderzug und mit mehreren Hundert Anhängern der gewaltbereiten „Sturmabteilung“ (SA) an. Damit war ein Großteil seiner Anhänger in Coburg konzentriert.

Die SPD versuchte mit knapp 200 Anhängern gegenzuhalten und es kam trotz Polizeipräsenz nach Provokationen zu erbitterten Straßenschlachten, welche die Nationalsozialisten in der Nacht für sich entschieden.

Adolf Hitler nutzte diesen Auftritt nicht nur zu einer Siegesparade in der Veste Coburg. Durch die reichsweite Aufmerksamkeit für seine „Befreiung Coburgs vom roten Terror“ konnte er erstmals im gesamten Deutschen Reich Bekanntheit erreichen und sich als ernsthafte Kraft im nationalistischen Spektrum des gesamten Landes etablieren.

Wie wichtig Hitler die Ereignisse einschätze, zeigte die propagandistische Hervorhebung der Ereignisse als „Zug nach Coburg“ in seinem Propagandabuch „Mein Kampf“ sowie das Stiften des „Coburger Ehrenzeichens“ als Anerkennung für die Teilnehmer an den Straßenschlachten.

Coburg entwickelte sich in der Folge zu einer nationalsozialistischen Hochburg, in der die NSDAP bereits 1929 die Mehrheit im Stadtrat erhielt und bei anderen Wahlen stets überdurchschnittliche Ergebnisse erhielt.

Was wäre gewesen, wenn die Straßenschlachten in Coburg anders ausgegangen wären?

13. 1948: Die gescheiterte Ansiedlung von Siemens

1940 hatte der Siemenskonzern kriegsbedingt Teile seiner Produktion nach Hof verlegt. Diese Standorte waren sowohl für die nationalsozialistische als auch für die Nachkriegs-Stadtpolitik eine große Chance, das wirtschaftliche Monopol der Textilindustrie aufzubrechen.

Es gab sogar schon Pläne für ein neues Werk und den Aufbau eines dauerhaften Standortes.

Allerdings stemmten sich die Hofer „Textilbarone“ in der Nachkriegszeit gegen die Konkurrenz, die erheblich bessere Löhne zahlte. So verhinderten sie zum Beispiel erfolgreich den Erwerb von neuen Grundstücken für das mögliche Siemenswerk.

Angesichts dieser Blockade entschloss sich Siemens, ab 1948 die Produktionsstätten nach Regensburg und Traunreut zu verlagern.

Die Prägung des Industriestandorts Hof durch die Textilindustrie hielt daher an, bis diese begann in den 1990er Jahren zusammenzubrechen und damit in der Stadt eine langanhaltende Wirtschaftskrise auslöste.

Wie hätte sich Hof entwickelt, wenn Siemens dauerhaft vor Ort geblieben wäre?

14. 1950: Der kommunistische Losentscheid in Hof

Zwar war Hof seit der Industrialisierung immer eine Hochburg der Sozialdemokraten geblieben.

Bei den Kommunalwahlen 1948 hatte die SPD mit 13 Sitzen auch eine relative Mehrheit im Stadtrat errungen. Allerdings war auch die CSU bedingt durch viele Wähler aus der Gruppe der Heimatvertriebenen stark vertreten.

So kam es nach dem Tod des Oberbürgermeisters Dr. Kurt Schröter im Rathaus (siehe Bild) zu einem Patt bei der Wahl seines Nachfolgers durch den Stadtrat.

Foto des Rathauses der Stadt Hof.
(Animaflora PicsStock/Shutterstock)

Da sowohl der CSU-Kandidat Viktor Köhler als auch der SPD-Vorsitzende Hans Högn die gleiche Stimmanzahl erhielten, kam es zu einem Losentscheid.

Als jüngstes Stadtratsmitglied zog der Kommunist und Gewerkschafter Rudolf Macht anschließend den Namen von Hans Högn.

Dieser regierte die Stadt anschließend bis 1970 als Oberbürgermeister. Er erhielt dabei immer bessere Ergebnisse bei den Wahlen, so 1958 97,8 % der Stimmen.

Er und die in seinem Windschatten immer stärkere Hofer SPD dominierten damit die Nachkriegszeit von Hof.

Hans Högn selbst war auch im Landtag als Abgeordneter aktiv und kandidierte sogar 1963 erfolglos für den Landesvorsitz der bayerischen SPD.

Erst nachdem er aus Altersgründen nicht mehr antreten konnte, errang die CSU 1970 das Amt des Oberbürgermeisters.

Wie hätte sich die Hofer Politik gestaltet, wenn Viktor Köhler (CSU) den Losentscheid gewonnen hätte?

15. 1950: Die erfolgreiche Flucht der HUK-Coburg

Die heutige HUK-Coburg war 1933 in Erfurt als „Haftpflicht-Unterstützungs-Kasse für kraftfahrende Beamte Deutschlands“ gegründet worden.

Herzstück des Unternehmens war eine Kartei mit 188 Adressdaten, gelagert in einem Holzkasten.

Dass beides inzwischen den Status einer Firmenikone in Coburg (siehe Bild) innehat, verdankt sie auch den Ereignissen der Nachkriegszeit.

Panoramabild der Stadt Coburg.
(Michael von Aichberger/shutterstock)

Zwar durfte die HUK nach 1945 noch in Erfurt von der sowjetisch besetzten Zone weiterarbeiten, aber nur noch Mitglieder in den drei Westzonen betreuen.

Dies änderte sich 1950, als die damaligen Vorstände Paul Brendel und Wilhelm Ruß die Kartei in ihrem Holzkasten über die Grenze schmuggelten.

Als dies gelang, ließ sich das Unternehmen in Coburg nieder und sorgte mit dafür, dass sich Coburg in der Nachkriegszeit trotz der Randlage gut entwickelte und noch eine relativ einkommensstarke Stadt darstellt.

Wie hätte sich Coburg entwickelt, wenn der Karteikartenschmuggel der HUK gescheitert wäre?

16. 1958: Die ungewöhnliche Oberbürgermeisterwahl von Bayreuth

Bei den Wahlen zum Amt des Oberbürgermeisters von Bayreuth kam es zu einer höchst ungewöhnlichen Auswahl.

Nicht nur waren die beiden Kandidaten, der 60-jährige „Staranwalt“ Dr. Fritz Meyer und der 38-jährige städtische Rechtsreferent Hans Walter Wild, unterschiedliche Charaktere.

Auch ihre Wahlbündnisse entsprachen unerwarteten Konstellationen.

So wurde der Konservative Meyer von der Bayernpartei und der FDP unterstützt. Er war aber auch der Favorit des bisherigen SPD-Oberbürgermeisters und des mächtigen Stadtschulrats, Kulturreferenten und SPD-Stadtratsfraktionschefs.

Der SPD-Kandidat Wild dagegen wurde neben seiner eigenen Partei noch vom Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) und der noch eher kleinen CSU unterstützt.

Obwohl am Anfang unterschätzt, gelang es Wild im Wahlkampf seinen elitären Gegner zu besiegen und die Wahl mit 54,46 % zu gewinnen.

Anschließend entwickelte sich Hans Walter Wild zu einer dominierenden Figur der Bayreuther Politik sowie Geschichte, da er sein Amt teilweise „absolutistisch“ wahrnehmen wollte und konnte.

Er prägte 30 Jahre lang die Stadtentwicklung, da er auch zur bayerischen Landesregierung und zur CSU unter Franz Josef Strauß gute Beziehungen aufbauen konnte.

So fiel in seine Amtszeit zum Beispiel die Gründung der heutigen Universität Bayreuth 1971.

Wie hätte sich Bayreuth entwickelt, wenn die Oberbürgermeisterwahl anders ausgegangen wäre?

17. 1972: Die wiederholte Gründung der Universität Bamberg

Seit die 1647 gegründete „Universitas Ottoniano-Fridericiana“ geschlossen worden war, existierte in Bamberg nur noch eine Philosophisch-Theologische Hochschule.

Diese konnte 1945 als eine der ersten Hochschulen Deutschland wieder eröffnen und verfügte dank renommierter Lehrenden in den Rechts- und Naturwissenschaften bald über mehrere tausend Studierende.

1947 scheiterte jedoch ein erster Versuch, diese Hochschule zur vierten Landesuniversität auszubauen. Der zuständige Ausschuss im bayerischen Landtag vertagte den entsprechenden Antrag nach einer Marathonsitzung.

Stattdessen wurden die Fächer, die nicht zum engeren philosophisch-theologischen Profil passten, wieder abgebaut und es stand sogar eine Auflösung der Institution im Raum.

Dies wurde abgewendet, als die Universität Würzburg 1958 in Bamberg eine „Pädagogische Hochschule“ gründete, die 1972 mit der Philosophisch-Theologischen Hochschule zu einer Gesamthochschule fusionierte.

Foto der Altstadt von Bamberg mit dem Dom im Hintergrund.
(ON-Photography Germany/Shutterstock)

Erst 1979 erhielt Bamberg wieder eine Universität, die sich seit 1988 wieder „Otto-Friedrich-Universität Bamberg“ nennt und sich vor allem in der Altstadt (siehe Bild) konzentriert.

Wie hätte sich Bamberg entwickelt, wenn die spätere „Otto-Friedrich-Universität Bamberg“ bereits 1947 gegründet worden wäre oder in den 1950er Jahren aufgelöst worden wäre?

Quellen und Literatur

  • Norman Davies: Verschwundene Reiche. Die Geschichte des vergessenen Europa. Darmstadt 2013.
  • Karin Dengler-Schreiber: Kleine Bamberger Stadtgeschichte. Regensburg 2013.
  • Günter Dippold: Kleine Geschichte Oberfrankens. Regensburg 2020.
  • Hubertus Habel: Coburg. Kleine Stadtgeschichte. Regensburg 2019.
  • Norbert Heimbeck: Das unerwünschte Studentenvolk. Warum die von Markgraf Friedrich in Bayreuth gegründete Uni nach 471 Tagen nach Erlangen verlegt wurde, auf: kurier.de (03.03.2015).
  • Axel Hermann: Kleine Hofer Stadtgeschichte. Regensburg 2012.
  • Bernd Mayer. Kleine Bayreuther Stadtgeschichte. Regensburg 2010.
  • Johannes Mötsch: Henneberg, Grafen von, auf: historisches-lexikon-bayerns.de (08.06.2009).
  • Johannes Mötsch: Langenstadter Spruch, 14. Dezember 1260, auf: historisches-lexikon-bayerns.de (26.05.2009).
  • Otto-Friedrich-Universität Bamberg: Chronologie der Universität, auf: uni-bamberg.de (25.04.2022).

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